Karen Schärer

«Solange die Kirche nicht selbst Anzeige erstattet, wirkt es, als würde sie Täter schützen», sagt der grüne Nationalrat Daniel Vischer. Und SVP-Nationalrätin Natalie Rickli findet, die Kirche mache es sich zu einfach mit ihrer Haltung, die Anzeige den Opfern zu überlassen (siehe Interview rechts).

Doch genau so handhabt es die Kirche derzeit, wie Abt Martin Werlen im Interview mit dieser Zeitung sagte . Auf die Frage, ob die Kirche als Institution von sich aus Anzeige mache, wenn sie Kenntnis eines Missbrauchs habe, sagt er: «Nein. Diesen Schritt überlassen wir dem Opfer.» Es sei wichtig, dass das Opfer selbst bestimme, welche Schritte unternommen werden.

Juristisch gibt es an der Vorgehensweise der Kirche nichts zu bemängeln. Marcel Niggli, Strafrechtsprofessor an der Universität Freiburg, erklärt: «Aus juristischer Sicht ist die Kirche nicht verpflichtet, selbst Anzeige zu erstatten, denn es gibt generell keine Anzeigepflichten – ausser man ist dafür angestellt, etwa als Polizist oder Privatdetektiv.»

«Proaktive Haltung»

Trotzdem sorgt die Praxis der Kirche weitherum für Kritik. CVP-Kommunikationschefin Marianne Binder sagt: «Diese Fälle von sexuellen Übergriffen schaden dem Ansehen der Kirche. Es sollte deshalb im Interesse der Kirche sein, selbst Anzeige zu erstatten, um dem Vorwurf der mangelnden Transparenz endlich zu entgehen.» I

ns gleiche Horn stösst FDP-Nationalrätin Christa Markwalder: «Angesichts des Ausmasses der Übergriffe und der jahrzehntelangen defensiven Reaktion der Kirche sollte diese nun eine proaktive Haltung bei der Aufklärung, Wiedergutmachung und Prävention einnehmen.» Für Markwalder ist klar: «Eine aktive Haltung der Kirche bezüglich der Anzeigen ist ein mögliches Instrument im Kampf gegen die ganze Situation.»

Kommt der Bundesrat nun zum Zug?

Während SP-Nationalrat Daniel Jositsch im «SonntagsBlick» von einer «starken moralischen Pflicht für die Kirchen, Anzeige zu erstatten», spricht, argumentiert Parteikollegin Jacqueline Fehr auf der Linie des Abtes: «Aus Opferperspektive ist es richtig, das Opfer entscheiden zu lassen. Denn wenn die Kirche mit einer Anzeige das Opfer in ein Verfahren zwingt, erlebt sich das Opfer erneut als ohnmächtig oder gar missbraucht.» Die Kirche müsse dem Opfer aber in einem Verfahren volle Unterstützung bieten.

Carlo Sommaruga (SP/GE) will das Thema nun ins Parlament bringen: Er will vom Bundesrat wissen, was dieser unternehmen kann, um die Kirche zu einer Gesamtstudie und globalen Entschuldigung zu bringen. «Die Kirche muss sich dringend reformieren», sagt Sommaruga.