Gleich unterhalb des Aeschers, am Fuss dieser gewaltigen Felswand, prallen die Welten aufeinander. Da treffen jene Gäste, die den steilen Weg zu Fuss bewältigt haben, auf Besucherinnen und Besucher, welche bequem mit der Seilbahn auf die Ebenalp gefahren sind.

Die einen wischen sich den Schweiss von der Stirn; die anderen rücken ihre Frisur zurecht und packen den Selfiestick aus. Die einen ziehen rasch eine Outdoorjacke an; die anderen richten den Kunstpelzkragen ihrer Jacke, rücken die Sonnenbrille zurecht und achten darauf, dass die Turnschuhe ja nicht dreckig werden. Das ist auch am letzten Tag vor Saisonschluss nicht anders.

Alles wie gehabt auch in der Gaststube - diese ist wieder einmal brechend voll. Einer lässt sogar seinen Hund auf dem Sitzbank Platz nehmen - als ob Sitzgelegenheiten nicht eh schon Mangelware wären. Seit das Gasthaus als «schönster Ort der Welt» die Titelseite des «National Geographic»-Magazins zierte, seit Schauspieler Ashton Kutcher einen Artikel über den Aescher auf seiner Facebookseite teilte, seit das US-Portal «Huffington Post» die Beiz zum «interessantesten Restaurant der Welt» kürte, ist hier oben die Hölle los. Der Rummel wurde so gross, dass die Pächterfamilie Knechtle die Reissleine gezogen hat. Es ist ihr letzter Tag im Aescher – nach 31 Jahren. Die Infrastruktur hielt nicht mehr Schritt mit den Besuchermassen.

«Das Bier ist aber arg teuer»

In den Genuss einer letzten legendären Aescher-Rösti kommen die Besucherinnen und Besucher heute nicht. Alle Vorräte müssen noch aufgegessen werden. Es ist eher «Ausessete statt Austrinkete». Pantli, Meringue und Wienerli sind am Mittag schon ausverkauft. Am Nebentisch bestellt eine Wandergruppe aus dem nahen Ausland eine Runde Bier. «Das ist aber ziemlich teuer», findet der eine. Man möchte aufstehen und den Leuten erklären, dass jede Flasche «Quöllfrisch» mühsam per Luftseilbahn geliefert werden muss. Dass Getränke und Lebensmittel wegen der Infrastruktur in der Höhle beim Wildkirchli gelagert werden.

Es gab eine Zeit, bevor der grosse Rummel losging, da war der Aescher ein lohnendes Ausflugsziel am Feierabend. Eine kurze Wanderung, etwas ins Schwitzen kommen, dann eine Rösti bei spektakulärem Panorama. Das «Quöllfrisch» schmeckte hier oben besser als im Tal. Stress und Alltagssorgen waren schnell vergessen, das Leben war für ein paar Stunden leichter. Irgendwann machten aber Einheimische vor allem am Mittag und am Wochenende einen Bogen um den Aescher. Die Schuld der Pächterfamilie war das nicht.

Der Rummel ist vielleicht auch der Grund dafür, dass auch am letzten Tag in der Ära Knechtle keine spezielle Stimmung aufkommen will. Ein Paar hat zwar extra ihre Alphörner den steilen Weg hochgeschleppt; spielt aber nur ein kurzes Ständchen. Keine Einheimischen stimmen ein Zäuerli an. Man spricht heute im Aescher vieles, nur keinen Innerrhoder Dialekt. Beim Anstehen auf der Toilette parlieren zwei Amerikaner - das Bergpanorama finden sie natürlich «amazing», das Restaurant auch und sowieso sei der Ort wahnsinnig «spectacular».

Je länger der Nachmittag, desto grösser der Rummel

Trotz Rummel, trotz Hektik läuft der Service freundlich und speditiv. Bernhard Knechtle steht in der Küche; seine Ehefrau Nicole begrüsst Gäste und koordiniert die Arbeit in der Gaststube. Auskunft geben über ihren Abschied möchten die Knechtles nicht mehr - alles ist gesagt. Der Augenschein am letzten Tag zeigt aber: Man kann es der Familie nicht verdenken, dass ihnen das Wirten hier «verläädet» ist.

Je länger der Nachmittag dauert, desto mehr Leute kommen noch ein letztes Mal in den Aescher: Noch ein letztes Mal Rummel, ein letztes Selfie. Dann wird das Gasthaus über den Winter geschlossen; wer im Frühjahr übernimmt, ist noch nicht klar. «Schlafwohl, lieber Aescher».