Marianne Heer, Strafrechtsprofessorin und Luzerner Oberrichterin, kritisierte in einer ersten Reaktion, dies entspreche nicht den Gepflogenheiten der Schweizer Justiz.

In der Schweiz können die Gepflogenheiten allerdings ändern, sobald man eine Kantonsgrenze überquert. So befugt das Aargauer Gerichtsorganisationsgesetz die Gerichte explizit, abweichende Minderheitsmeinungen in die Urteilsbegründung zu integrieren.

Damit wollen die Aargauer Gerichte der zumindest teilweise in der juristischen Literatur vertretenen Forderung nach Transparenz und Fairness in Gerichtsverfahren nachkommen, wie eine Sprecherin erklärt. Die Gerichte der Kantone Zürich, Schaffhausen und Waadt zum Beispiel haben diese Möglichkeit ebenfalls.

Der Vierfachmord von Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil:

Doch der Vorgang ist sehr selten. In den allermeisten Fällen kommen Urteile einstimmig zustande. Und in den wenigen Fällen von Meinungsunterschieden können sich die Richter in der Regel auf eine einheitliche Argumentationslinie einigen. Das Aargauer Obergericht schätzt, dass es in nur 25 seiner über 3000 jährlich gefällten Entscheide eine Minderheitsmeinung publiziert.

Der Zürcher Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch sagt auf Anfrage, die Publikation einer Minderheitsmeinung könne Sinn machen, wenn die umstrittene Rechtsfrage für die nächste Instanz von Interesse sei.

Zum Rupperswil-Urteil meint er: «In diesem Fall sehe ich dafür keine Notwendigkeit.» Bei der umstrittenen Rechtsfrage geht es um eine lebenslängliche Verwahrung, die von der Mehrheit abgelehnt worden ist. Das werde auch das Bundesgericht gleich sehen; die Rechtsprechung dazu sei klar, so Jositsch. Er sagt: «In diesem Fall geht es den unterlegenen Richtern eher darum, dass sie in der Öffentlichkeit gut dastehen wollen.»

Die Protagonisten im Prozess gegen Vierfachmörder Thomas N.: