Es war eine flammende Rede, die der Staatsrat Charles Juillard am 21. Juni dieses Jahres hielt. «Die jurassische Regierung wird nicht auf halbem Weg stehen bleiben», sagte er vor versammeltem Kantonsparlament – bevor er zur Hymne «La Rauracienne» anstimmte.

Der halbe Weg, das war Moutier. Nach einem äusserst emotional geführten Abstimmungskampf sprach sich am 18. Juni eine knappe Mehrheit der Bevölkerung dafür aus, Bern zu verlassen und sich dem Kanton Jura anzugliedern. Der Jubel der Separatisten kannte keine Grenzen, es gab Gratisbier und eine Freinacht. «Le cœur», das Herz, hatte entschieden.

Wenn es nach dem Gusto der jurassischen Regierung geht, soll nun also am Sonntag der Rest des Weges beschritten werden: Dann entscheiden die beiden Gemeinden Belprahon und Sorvilier über ihr Schicksal. Sollen sie weiterhin Teil der französischsprachigen Minderheit im Kanton Bern sein oder doch eher zum erst seit 1979 existierenden Jura übersiedeln?

Der grosse Bruder machts vor

Die Autonomiebestrebungen sind das Ergebnis eines jahrzehntelangen Prozesses. In direkter Linie geht der Urnengang aber auf eine Konsultativabstimmung von November 2013 zurück. Fast 72 Prozent der bernjurassischen Bevölkerung sprach sich damals gegen ein Projekt aus, das zur Gründung eines neuen Kantons (inklusive Jura) hätte führen sollen. Moutier war die einzige Gemeinde aus dem Berner Jura, die dafür stimmte, in Belprahon gab es genau gleich viele Ja- wie Nein-Stimmen.

Unabhängig von diesem Ergebnis hatten die Exekutiven der bernjurassischen Gemeinden daraufhin zwei Jahre lang Zeit, um für die eigene Bevölkerung eine verbindliche Abstimmung zur Kantonszugehörigkeit zu fordern. Angestachelt vom sezessionsfreudigen Resultat von 2013 ergriff Moutier diese Möglichkeit, was zur Abstimmung vom Juni dieses Jahres führte. Zwei von den vier weiteren Gemeinden, die das Plebiszit ebenfalls anstrebten, zogen sich in der Zwischenzeit zurück. Sorvilier und Belprahon sind die Verbliebenen, wobei letztere Gemeinde, ein Vorort Moutiers, im Falle eines gegenteiligen Votums des grossen Bruders auf den Urnengang verzichtet hätte.

Das Herz und das Geld

Anders als vor drei Monaten sind in Belprahon und Sorvilier nicht die ganz grossen Emotionen im Spiel. Das hat mit der Geschichte – Moutier war nach 1979 der eigentliche Hort des bernjurassischen Unabhängigkeitskampfes –, aber auch mit den Dimensionen zu tun. Während in Moutier über 4500 Personen stimmberechtigt waren, sind es in Belprahon und Sorvilier nur gerade 242 beziehungsweise 212. Entsprechend deutet in den Strassen der beiden Kleingemeinden wenig auf den bevorstehenden Richtungsentscheid hin.

Die Argumente für oder gegen den Verbleib im Kanton Bern sind jedoch haargenau die gleichen: Es geht ums Herz und ums Portemonnaie. Wobei die Ausgangslage nicht immer gleich beurteilt wird: «Wenn wir den Kanton wechseln, bezahlen meine Frau und ich insgesamt 3000 Franken mehr pro Jahr. Da müssen wir nicht lange diskutieren», sagt Werner Lüthi von den Pro-Bernern. Auf die Summe komme er, indem er den Preisunterschied von Versicherungen, Krankenkassen, Steuern und Abgaben zusammenrechne.

«Diese Zahlen sind schlicht und einfach falsch – das Gegenteil ist der Fall», echauffiert sich Claude Gigandet von denSeparatisten und deckt seinen politischen Gegner mit nicht zitierfähigen Kraftausdrücken ein. In der Tat kamen unabhängige Gutachten vor der Moutier- Abstimmung zum Schluss, dass die finanziellen Auswirkungen eines Kantonswechsels gering sind.

Wie die Abstimmungen ausgehen werden, ist schwer abzuschätzen. Beobachter gehen von einer Abspaltung Belprahons und einem Verbleib Sorviliers aus – wobei wenige Stimmen den Ausschlag geben dürften. Der effektive Wechsel würde vermutlich nicht vor 2020 stattfinden.

Für das Bundesamt für Justiz bedeutendie Urnengänge so oder so einen Sondereffort: Es hat die Wahlurnen versiegelt, ist am Sonntag mit Beobachtern vor Ort und lässt alle Stimmausweise systematisch kontrollieren. Die Absicht dahinter ist klar: Bei einer derart sensiblen Abstimmung soll jeglicher Verdacht auf Unregelmässigkeiten im Keim erstickt werden.