PRO von Sabine Afolter: «Bohrt! Aber bohrt endlich richtig und richtig lang» 

Neue Bahntunnel im Mittelland, Schweizer U-Bahn für Güter oder zweite Auto-Röhre am Gotthard? Das ist Stückwerk, es braucht Tunnel-Visionen.

Tunnel sind eigentlich menschenverachtende, aber doch grossartige Verkehrslösungen. Und Meisterleistungen der Ingenieurskunst. Wer nun meint, er könne mir also die zweite GotthardRöhre, ein oder zwei neue Bahntunnel durchs Mittelland oder so verkaufen, der irrt. Was sollen Tunnelchen da und Röhrchen dort. Die lösen doch das Problem nicht – oder nur für kurze Strecken und kurzfristig. Das eigentlich Problem bei den Tunneln sind doch die Zufahrten. Sie verschandeln die Täler und die Berge, sie schnüren die Dörfer ein mit ihren Blechlawinen und Geleisesträngen.

Wie jubelte ich also, als ich diese Woche von Cargo Sous Terrain hörte. Endlich Innovation! Aber auch diese Röhre von Härkingen bis Zürich ist nur Stückwerk für den Transport von Stückgut. Wo bleiben die mutigen, die ganzheitlichen, die langfristigen Lösungen? Mut zu Visionen, ihr Planerinnen und Tunnelbauer!

Was der Schweiz, ihren Bewohnerinnen und ihrer Landschaft hilft, sind nicht mehr neue, kurze Tunnel hier und dort, sondern ein wirkliches Jahrhundertwerk. Zwei Mega-Tunnel unter der ganzen Schweiz durch: Von Basel bis Chiasso der eine, von Buchs bis Genf der andere. Mit einer Schnitt- und Abzweigstelle. Zwei Röhren, in die alles kommt, was unser Land durchqueren will und muss. Autos, Lastwagen, Container und Bahngüterwagen werden– auf programmierbaren Transport-Paletten – mit Magnetschienen oder einer Art Förderband emissionslos, schnell und vor allem unsichtbar untendurch geschleust.

Das wird Milliarden kosten. Doch die EU und das internationale Transportgewerbe werden gerne den Grossteil übernehmen, löst die Schweiz doch mit einem einzigen Tunnelschlag die Alpenquerung. Auch eine politische Mehrheit wird sich leicht finden lassen: Die Linken und Grünen sehen die Alpeninitiative endlich umgesetzt. Die Rechten werden den wirtschaftlichen Nutzen und den Image-Gewinn für unser Land loben. Und die SVP-Hardliner können jubeln, setzen doch die ausländischen Transit-Reisenden keinen Fuss mehr auf Schweizer Boden.

Nur einen Haken hat das Projekt: Was machen wir mit dem Binnenverkehr?

KONTRA von Samuel Thomi: «Legen wir den Tunnelblick ab und atmen wieder frische Luft!»

Tunnel engen ein, rauben die Sicht und stinken. Davon befreien können wir uns nur selbst, indem wir uns den wahren Problemen stellen.

Es muss nicht immer gleich die Apokalypse sein. Doch Tunnel nehmen einem die Freude, ob im Zug, im Auto, auf dem Velo oder zu Fuss. Sie rauben die freie Sicht. Die frische Luft. Und der Tunnelblick nimmt einem das schöne Gefühl, den Alltag zumindest einen Moment lang etwas geniessen zu können. Einfach nur sein – nach dem letzten und vor dem nächsten Termin.

Schon Friedrich Dürrenmatt beschrieb das Elend mit den Tunneln gekonnt. Selbstverständlich nannte er seine Kurzgeschichte «Der Tunnel». Die Hauptfigur in dem Text, ein fetter, vierundzwanzigjähriger Zugpassagier, nimmt die tägliche Fahrt durchs Loch zum ersten Mal richtig bewusst wahr und verliert darob den Verstand. Der Tunnel will und will nicht mehr enden. Schliesslich endet die Zugfahrt im Verderben. In der Apokalypse eben.

Klaustrophobie: Das ist der Fachbegriff für die Angst vor und in geschlossenen Räumen, unter der auch viele Leute in Tunneln leiden. Wir kennen das Phänomen von Holländern, die mit Wohnwagen im Autotunnel wenden, egal ob dieser nun eine oder zwei Röhren hat. Oder vom Passagier vis-à-vis im Lift, der mit dem Schliessen der Tür kreideweiss anläuft. Oder vom Kleinkind, das unter der Bettdecke sofort in Schockstarre verfällt.

Das alles müsste jedoch nicht sein: Es gibt Züge, Strassen und erst recht Flugzeuge unter freiem Himmel. Auch der Umweg führt ans Ziel. Darum: Wehret den Anfängen mit tiefer gelegten Trassees für Hochgeschwindigkeitszüge (schrecklich, welch schöne Landschaften man da im tiefergelegten Sitz verpasst). Wehren wir uns gegen all die architektonischen Wunderwerke, die über tiefe Schluchten oder schnurgerade durch Berge gebaut werden. Und vor allem: Untergrabt nicht auch noch die ganze Schweiz mit Päcklistrassen. Das hatten wir schon mal, dass nur hohle Hügel wahre Berge waren, um sich darin verstecken zu können. Heute werden wir diese Löcher nicht mehr los.

Auf die Gefahr hin, nun als ewiggestriger Romantiker und Entwicklungsbremse im Leben und speziell auf der Redaktion untendurch zu müssen, hier noch der Beipackzettel zu diesem Kontra: Tunnelangst – das Gefühl, eingesperrt zu sein, und die Angst, zu ersticken – ist heilbar. Am besten mit kognitiver Verhaltenstherapie. Dazu muss man sich der Situation stellen. Wagen wir also den Befreiungsschlag und lernen wieder frische Luft atmen!