Das Erstaunliche an dieser Kontinuität ist der Umstand, dass sich das wirtschaftliche und gesellschaftliche Umfeld seit damals radikal gewandelt hat. Obwohl in der Schweiz der 1970er-Jahre noch weitgehend Vollbeschäftigung herrschte, nahmen 75 Prozent der stimmberechtigten Schweizer und Schweizerinnen den Arbeitsmarkt schon damals als grösstes Problemfeld wahr. Auch die Altersvorsorge gehörte mit 64 Prozent bereits zu den meistgenannten Sorgen der Bevölkerung, obschon die letzten Vertreter der Generation der Babyboomer in jenen Zeiten gerade mal das Primarschulalter erreicht hatten und das Damoklesschwert der Überalterung in den Statistiken noch kaum zu sehen war.

Auch die Angst vor der «Überfremdung», wie der Politiker James Schwarzenbach seine radikale Volksinitiative zur Beschränkung der Zuwanderung im Jahr 1970 zu begründen pflegte, liess die Schweizer und die eben erst zu nationalen Urnengängen zugelassenen Schweizerinnen (1971) nicht mehr los. Ungeachtet der Tatsache, dass sich die Zuwanderungskurve nach dem starken Anstieg zwischen 1950 und 1970 deutlich verflacht hat und seither im Vergleich nur noch mässig gestiegen ist.

Ein wesentlicher Unterschied lässt sich zwischen den Befragungsergebnissen von damals und heute aber feststellen. Teilten vor 41 Jahren zwei Drittel oder gar drei Viertel der ganzen Bevölkerung die gleichen Hauptsorgen, sind diese heutzutage viel breiter gestreut. AHV und Alterssicherungen sind das klare Topthema für die Pensionierten mit Einkommen unter 3000 Franken (66 Prozent). Diese Bevölkerungsgruppe fürchtet sich am meisten vor einem möglichen Leistungsabbau, weil sie keine Möglichkeit mehr hat, diesen aus eigener Kraft zu kompensieren. Umgekehrt sieht von den Befragten mit über 5000 Franken Einkommen nur noch eine Minderheit (40 Prozent) die Altersvorsorge als eines der fünf grössten Probleme an.

Was den Menschen Sorge bereitet – die Umfrage:

"Die Digitalisierung macht mir Angst."

"Die Digitalisierung macht mir Angst."

   

Auch die Furcht vor der Arbeitslosigkeit dürfte in der Bevölkerung deutlich ungleicher verteilt sein als vor 40 Jahren. Eine aktuelle Untersuchung der beiden Soziologen Daniel Oesch (Universität Lausanne) und Emily Murphy (Universität Oxford) weist nach, dass sich die Berufsstruktur in der Schweiz in den vergangenen 40 Jahren stark und in einem positiven Sinn verändert hat. So seien hierzulande, etwa im Gegensatz zu den USA, viel mehr gut bezahlte Stellen als Billigjobs geschaffen worden. Der technologische Wandel habe die Mittelklasse nicht erodieren lassen, sondern bloss die Ränge der Industriearbeiter und Bürohilfskräfte ausgedünnt. Diese «Arbeiterklasse» ist also kleiner geworden. Vor dem Hintergrund der bereits mit voller Wucht angerollten Digitalisierungswelle machen sich diese Menschen vermutlich am meisten um die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze Sorgen.

Umwelt-Sorgen auf Rekord

Das mag erklären, weshalb bei Schweizerinnen und Schweizern wichtige und breit diskutierte Themen wie die Globalisierung oder die Zukunft der Arbeit in einer digitalisierten Welt erst auf den Plätzen 26 und 27 der Sorgenliste vorkommen. Gemäss dem Sorgenbarometer fühlen sich Schweizer in ihren Arbeitsstellen so sicher wie noch nie.

Die Sorgen der Schweizer im Zeitverlauf.

Die Sorgen der Schweizer im Zeitverlauf.

Zurück auf der Agenda der zehn drängendsten Probleme ist der Umweltschutz. Das Thema war von 1976 bis 1991 von höchster Priorität, führte in den 1980er-Jahren zur Gründung diverser politischer Parteien, verlor in den 2000er-Jahren jedoch an Bedeutung. Mit Fukushima (2011) und einer intensivierten Debatte über die Klimaerwärmung ist der Umweltschutz wieder wichtiger geworden: Für 16 Prozent der Befragten ist er heuer ein Top-Thema, genauso wie die Kernenergie. Nimmt man die zunehmenden Sorgen um das stark wachsende Verkehrsaufkommen hinzu, erreicht der weit gefasste Bereich Umwelt schon heute einen Spitzenwert von 51 Prozent.

Die Schweizerinnen und Schweizer lassen sich ihre Stimmung trotz Sorgen aber offenbar nicht verderben. Das Land gehört gemäss OECD-Statistik schon heute zu den Ländern mit der weltweit zufriedensten Bevölkerung, und wenn die Meinungsforscher der Credit Suisse richtig gerechnet haben, könnte die Schweiz im nächsten weltweiten Zufriedenheitsvergleich sogar die Goldmedaille erringen.