KPMG gehört zu den «Big Four», also den Grossen vier, im Geschäft der Wirtschaftsprüfer, Steuer- und Unternehmensberater. Global arbeiten rund 200 000 Mitarbeiter für den Konzern. Jetzt will der Verwaltungsrat der Schweizer Post von Juristen abklären lassen, ob KPMG sich etwas zuschulden hat kommen lassen. «Die Post wird die Zusammenarbeit mit der KPMG auf das Geschäftsjahr 2019 beenden. Im Rahmen der weiteren Arbeiten wird der Verwaltungsrat allfällige Verantwortlichkeitsansprüche vertieft prüfen lassen», sagt Post-Sprecher Oliver Flüeler auf Anfrage.

Der Verwaltungsrat habe grundsätzlich die Aufgabe, Haftungsansprüche gegen «vormalige oder gegenwärtige Organe» zu untersuchen. Organe eines Unternehmens sind Verwaltungsräte oder eben KPMG als Revisor. Würden solche Ansprüche tatsächlich bestehen, sei der Verwaltungsrat wiederum in der Verantwortung. «Er hat diese Ansprüche im Interesse der Steuerzahler und des Postkonzerns geltend zu machen», sagt Flüeler.

Es steht zum einen Geld auf dem Spiel. «Es geht um finanzielle Ansprüche auf Haftung und Schadenersatz.» Aber vor allem muss die Post wieder Vertrauen aufbauen. Dazu gehört auch der Versuch, all- fällige Verantwortliche noch zur Rechenschaft zu ziehen.

Der Postauto-Skandal ist die jüngste Episode, aus der KPMG leicht ramponiert hervorgeht. Im April wurde ihr in Südafrika verboten, künftig die Rechnungslegungen von öffentlichen Instituten abzunehmen. Es war die Quittung für mehrere Skandale.

Einer insolventen Bank wurde 2017 der Jahresabschluss 2017 eingezogen, den KPMG für gut befunden hatte. Der von der südafrikanischen Zentralbank eingesetzte Verwalter hatte grundlegende Fehlinformationen festgestellt. Zuvor war dem Wirtschaftsprüfer entgangen, dass sich eine prominente Unternehmerfamilie unter dem früheren Staatspräsidenten über Staatsaufträge und Schmiergelder bereichert hatte.

Im Korruptionsskandal um die Fifa gab KPMG im Jahr 2016 das Mandat beim Weltfussballverband ab, nach 17 Jahren. Im Herbst 2017 zeigte sich, dass der Wirtschaftsprüfer nicht kritisch genug hingeschaut hatte. In der Schweiz wurde dem verantwortlichen KPMG-Mitarbeiter im Herbst 2017 durch die Revisionsaufsichtsbehörde eine Verwarnung erteilt. Es seien Prüfungsmängel festgestellt worden. (Dieselbe Behörde kündigte im Februar an, im Postautoskandal die Rolle von KPMG abklären zu wollen.)

Im Postauto-Skandal liegt nun ein Untersuchungsbericht vor, den die Anwaltskanzlei «Kellerhals Carrard» im Auftrag der Post erstellt hat. Dazu haben unabhängige Experten zum Untersuchungsbericht ein Gutachten erstellt. Dieses Expertengutachten entlastet KPMG zunächst. «Kellerhals Carrard kommt zum Schluss, dass KPMG keine Pflichtverletzungen nachgewiesen werden können.»

Doch schon im nächsten Satz heisst es: «Zugleich muss hervorgehoben werden, dass KPMG sowohl als Revisionsstelle als auch in ihrer Beratungstätigkeit den Durchblick über die Buchungspraxis gehabt haben muss.» Wie die Experten diese widersprüchlichen Aussagen miteinander vereinbaren, ist nicht öffentlich. Die entsprechenden Passagen im Gutachten liegen nur dem Post-Verwaltungsrat vor.

Keine Rechtfertigung

Mit dem Begriff Buchungspraxis ist die systematische Manipulation der Kostenrechnung bei Postauto gemeint. In der Sparte «Regionaler Personenverkehr» wurden etwa 200 000 Mal fiktive Kosten verbucht. So wurde der Gewinn verschleiert, der sonst in der Buchhaltung erschienen wäre. Das Bundesamt für Verkehr, die zuständige Behörde, merkte dadurch lange nichts vom massiven Verstoss gegen die Vorgabe: Im regionalen Personenverkehr darf nicht dauerhaft ein Gewinn erwirtschaftet werden.

Über diese Buchungspraxis sagte Post- Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller, es gebe dafür keine Rechtfertigung. Und diese Buchungspraxis soll KPMG also gekannt haben, schreiben die unabhängigen Experten in ihrem Gutachten. KPMG dagegen bestreitet dies vehement. Die Schlussfolgerung der Experten sei «spekulativ» und «entspricht nicht den Tatsachen», sagt Sprecher Andreas Hammer auf Anfrage. Man habe keinerlei Hinweise, dass Mitarbeiter von den unrechtmässigen Manipulationen gewusst hätten.

Was wussten die Mitarbeiter von KPMG im Manipulations-Skandal tatsächlich? Die Frage muss der Post- Verwaltungsrat nun durch Anwälte beantworten lassen, wenn er wirklich Ansprüche auf Haftung abklären will.