Ueli Maurer hat den Nationalratssaal bereits verlassen und wartet etwas verloren in der Wandelhalle. Der soeben zum Bundespräsident gewählte Alain Berset aber wird noch von einer Traube Journalisten und Fotografen aufgehalten. «Gehen wir schon vor?», wird Maurer von einer seiner zwei Bundesratsweibelinnen gefragt. «Wohin?», fragt der SVP-Magistrat zurück. «Wir bringen Sie zurück in Ihr Büro», sagt die Mitarbeiterin. «Ich will aber nicht ins Büro», sagt Maurer. «Ich will ‹i d’Möscht›.»

Einige Minuten später kann sich Berset endlich von der Meute losreissen. Eine Viertelstunde bloss bleibt Maurer noch für den von Bersets Heimatkanton Freiburg offerierten Apéro. Denn er will Li Shulei, den aus Peking angereisten stellvertretenden Sekretär der chinesischen Disziplinarkommission, nicht allzu lange warten lassen. Mit ihm bespricht er am Nachmittag Strategien zur Öffnung der Finanzmärkte sowie der Korruptionsbekämpfung.

Auffallend locker und bester Laune ist Maurer. Und das nicht nur, weil er gestern mit einem überraschend guten, ja ausgezeichneten Resultat zum Vizepräsidenten für das kommende Jahr gewählt wird – der 67-jährige Zürcher erhält 178 von 192 gültigen Stimmen. Seine Hochstimmung ist nicht bloss eine Momentaufnahme: Seit seinem Departementswechsel vor zwei Jahren ist Maurer regelrecht aufgeblüht. Das wird ihm sogar von politischen Gegnern attestiert: «Maurer hat sein Departement und seine Rolle gefunden», sagt der Baselbieter SP-Nationalrat Eric Nussbaumer.

Mittlerweile ist Maurer derart unumstritten, dass er es sich gar leisten kann, das Kollegialitätsprinzip zumindest arg zu ritzen: Als er am Dienstag von einem Reporter des Schweizer Radios in der Wandelhalle auf die vom Gesamtbundesrat jüngst beschlossene Zahlung einer weiteren Kohäsionsmilliarde an die neuen EU-Länder angesprochen wurde, gab der Finanzminister zu Protokoll, die Gegenleistungen der Europäischen Union genügten nicht. «Wir hätten sehr viel mehr nötig gehabt: den Marktzutritt. Das ist nicht behandelt worden. Das ist auf der langen Bank.» (Ausgabe von gestern)

Zwar musste Maurer wegen seiner illoyalen Aussage Kritik einstecken. So sagt beispielsweise Nussbaumer, in einem Kerndossier wie der Europapolitik sei ein geschlossenes Auftreten des Bundesrates besonders wichtig und ein Ausscheren speziell verwerflich. Ein lauter Aufschrei wie bei früheren Verfehlungen Maurers aber blieb aus. Eine Entschuldigung verlangte selbst in der SP niemand.

Hunderte Zahlen im Kopf

Die langwierige Budgetdebatte – auch in diesem Jahr ein kräftezehrendes Pingpong zwischen National- und Ständerat – führt Maurer gekonnt und ohne eine Spur von Missmut. Kurzum: Der Bundesrat, dessen «Ke Luscht»-Zitat aus dem Jahr 2015 Legendenstatus geniesst, strotzt vor Freude an seiner Arbeit. «Maurer hat Hunderte Zahlen im Kopf», sagt der Luzerner SVP-Nationalrat Franz Grüter beeindruckt. «Und immer sind sie richtig, wenn ich zur Kontrolle einen Blick in die Unterlagen werfe.» Im Unterschied zu Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann zeige Maurer keinerlei Ermüdungserscheinungen, so Grüter. «Man sieht ihm an, dass er mehrmals pro Woche mit seinem Militärvelo von Kandersteg zur Arbeit nach Bern fährt. Er ist fit und vif.»

Am Ende seines Präsidialjahres war Maurer im Dezember 2013 derart ausgebrannt, dass er sich freute, wieder ins zweite Glied zurücktreten zu können. Als Vize- ist er nun designierter Bundespräsident für das Jahr 2019. Will er sich das wirklich noch einmal antun? «Zumindest das kommende Jahr wird ja nicht besonders anstrengend», sagte Maurer gestern. Als Nummer zwei hinter Berset habe er nur wenige Repräsentationsaufgaben.

In seinem Stab scherzt man derweil, Maurer strebe ein drittes Präsidialjahr an. Das wäre frühestens 2025 möglich. Maurer wäre dann 74-jährig.