Die Schweiz mag ein friedensliebender Kleinstaat sein. Dem Secret Service ist dies aber herzlich egal. Vorschriften sind Vorschriften. Also räumten die Agenten der Polizeibehörde, die unter anderem für den Schutz des amerikanischen Präsidenten verantwortlich ist, am Donnerstag den Park vor dem Weissen Haus – um Platz für den Autokonvoi zu machen, der Bundespräsident Ueli Maurer direkt ins Zentrum der amerikanischen Macht transportierte.

Verwirrte Touristen wurden von bewaffneten Sicherheitskräften dazu aufgefordert, sich möglichst schnell aus dem Staub zu machen. Und natürlich sagte einer dieser Touristen, er habe gehört, der schwedische Premierminister sei heute zu Gast bei Donald Trump. Sweden, Switzerland: Für amerikanische Ohren klingen diese beiden Ländernamen zum Verwechseln ähnlich.

Pünktlich um Viertel vor zwölf traf Maurer dann am Zaun des Weissen Hauses ein – standesgemäss im klotzigen Chevrolet Suburban, die amerikanische Standarte auf der rechten Seite, die Schweizer Fahne auf der linken Seite der Motorhaube. Trump wartete derweil am Eingang zum West Wing, dem eigentlichen Arbeitsplatz des amerikanischen Präsidenten.

Und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Die Sicherheitskraft, die eine Gästeliste kontrolliert hatte, streckte den Daumen hoch und der Konvoi setzte sich in Bewegung. Trump empfing Maurer mit einem herzlichen Händedruck. Dann posierten die beiden für die Kameras, und verschwanden hinter der Pforte des West Wing.

Zum ersten Mal ein Schweizer Bundespräsident offiziell ins Weisse Haus geladen: Donald Trump empfängt Ueli Maurer

Zum ersten Mal ein Schweizer Bundespräsident offiziell ins Weisse Haus geladen: Donald Trump empfängt Ueli Maurer

Aus amerikanischer Sicht war es das dann auch schon. Im Unterschied zum Besuch des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zu Wochenbeginn verzichtete Trump darauf, Reporter ins Oval Office zu bitten und einige Worte in die Fernsehkameras zu sprechen.

Hier trifft Ueli Maurer im Weissen Haus ein.

Nicht nur über bilateralen Handel gesprochen

Vielleicht wollte der Präsident eine Rede, die er am Nachmittag hielt und die sich der Einwanderungspolitik widmete, nicht überschatten. Vielleicht hatte er auch kein Interesse, dass sein Gast aus der Schweiz gelöchert wurde. Denn, so vermeldete es später das Weisse Haus, Trump sprach mit Maurer nicht nur über den bilateralen Handel. Und das duale Bildungssystem, für das sich die Präsidentenberaterin Ivanka Trump stark interessiert.

Sondern auch über «internationale Fragen», wie die Krise im Mittleren Osten und in Venezuela – und darüber, wie die Schweiz die diplomatischen Interessen Amerikas im Iran wahrnehme. Allzu lange dauerte dies nicht. Um 12.36 Uhr verliess der Schweizer Konvoi das Gelände des Weissen Hauses bereits wieder, nach einem «guten, freundschaftlichen Gespräch».

Und dennoch schrieb Ueli Maurer während diesen vielleicht 45 Minuten Schweizer Geschichte. Denn er war der erste Schweizer Bundespräsident, der im Weissen Haus durch den amerikanischen Präsidenten offiziell empfangen wurde – obwohl die beiden Staaten doch eine langjährige Freundschaft verbindet und sie sich gegenseitig als Schwesterrepubliken bezeichnen.

Der Historiker Florian Keller hat dafür eine einfache Erklärung: «Die Schweiz war sehr lange sehr zurückhaltend, was Besuchsdiplomatie anging», sagt Keller, auch weil man Distanz zu den Grossmächten markieren wollte. Erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts reisten Schweizer Bundesräte auf offiziellen Missionen ins Ausland.

Der erste offizielle Besuch eines Bundesrates in den USA soll gemäss Keller im Sommer 1967 über die Bühne gegangen sein: Damals stattete der SP-Aussenminister Willy Spühler der amerikanischen Hauptstadt eine Visite ab und traf in Washington unter anderem seinen Amtskollegen Dean Rusk. «Ins Weisse Haus aber wurde er nicht eingeladen», sagt Keller, der über die Besuchsdiplomatie ein Buch publiziert hat.

Wenige Monate später folgte der FDP-Volkswirtschaftsminister Hans Schaffner, der sich unter anderem mit dem Handelsminister traf und auch mit Rusk sprach. Der damalige Schweizer Botschafter in Washington sei der Meinung gewesen, dass die Schweizer Bundesräte «persönliche Beziehungen» mit ihren amerikanischen Amtskollegen pflegen sollten und dafür zu sorgen hätten, dass die offizielle Schweiz nicht den Kontakt mit den Auslandschweizern verliert. Für Spühler wurde deshalb die 1.-August-Feier in der Botschaft um zwei Wochen verschoben.