Christine Schraner Burgener fährt mit dem Velo vor. Sonst fliegt die 55-Jährige meistens zu ihren Terminen. Im Flugzeug zur UNO-Generalversammlung nach New York; im Helikopter ins Konfliktgebiet von Myanmar. In dem von Gewalt geschüttelten Land soll die Schweizerin im Auftrag der UNO für Frieden sorgen. Eine unlösbare Aufgabe, sagen die einen. Das motiviere sie umso mehr, sagt Schraner Burgener.

Die Spitzendiplomatin sitzt im Kornhaus-Café in Bern. In der Hauptstadt lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Die Tochter ist in Berlin geblieben, wo die Familie bis zu diesem Frühling wohnte und Christine Schraner Burgener als erste Frau die dortige Schweizer Botschaft führte.

Als der Journalist das Gespräch aufzeichnen will, klappt es nicht auf Anhieb. Ein neues Smartphone, neue Funktionen, murmelt er entschuldigend. Christine Schraner Burgener lacht und sagt: «Das kenne ich. Ich muss mich auch gerade an ein neues Handy gewöhnen. Mein altes wurde gehackt.»

Ihr Handy wurde gehackt? Wie haben Sie das gemerkt?

Christine Schraner Burgener: Ich habe eine Mail auf Deutsch geschrieben, doch die Nachricht kam in einer völlig anderen Sprache an. Als ich in New York war, ging ich zum IT-Spezialisten im UNO-Hauptquartier. Er riet mir, das Handy und die Nummer auszutauschen. Das schützt aber nur bis zum nächsten Angriff. Deshalb mache ich den Hackern das Leben schwer, indem ich meiner einen Schweizer Mitarbeiterin gewisse Dinge auf Schweizerdeutsch schreibe.

Wer hat Sie denn gehackt?

Das sollte nicht in der Zeitung stehen. Auf jeden Fall waren es nicht die Burmesen.

Ihr Vorgesetzter ist UNO-Generalsekretär António Guterres, er hat Sie auch als Sonderbeauftragte für Myanmar ausgewählt. Was ist der konkrete Auftrag?

Das Mandat ist extrem breit. Es umfasst den Friedensprozess mit allen bewaffneten ethnischen Minderheiten, die Demokratisierung des Landes und die Wahrung der Menschenrechte. Erste Priorität für mich hat die Region Rakhine, aus der eine Million vorwiegend muslimische Menschen nach Bangladesch geflüchtet sind. Sie müssen so rasch wie möglich zurückkehren können. In Sicherheit, in Würde und vor allem freiwillig. Das geht nur, wenn sie gegenüber den Mitbürgern nicht diskriminiert werden – was insbesondere die Bewegungsfreiheit betrifft. Das ist die Knacknuss in den Verhandlungen.

Myanmar hat der UN-Sonderberichterstatterin des Menschenrechtsrates die Einreise verboten, nachdem sie sich kritisch geäussert hatte. Haben Sie freien Zugang zu allen Gebieten?

Bislang sind die Burmesen mir gegenüber extrem zuvorkommend. Sie lassen mich überall hinreisen, vermitteln mir Kontakte und zeigen sich offen. Ein Grund ist wohl, dass ich sehr selten Interviews gebe und Details meiner Arbeit so vertraulich wie möglich behandle. Hinter verschlossenen Türen sage ich den Burmesen aber alles und kritisiere sie auch. Das mache ich auf die asiatische Art, ohne sie zu beleidigen.

Was ist denn die asiatische Art?

Man ist nicht so direkt. Vieles lässt sich sagen, ohne dass es unverschämt klingt – und der andere versteht trotzdem. Es gibt ja auch Nuancen zwischen den westlichen Ländern. Wir Schweizer sind dabei fast das asiatischste Land in Europa. Wir kommunizieren eher zurückhaltend und vorsichtig.

Wie sind Sie vor Ort unterwegs?

Als UNO-Sonderbeauftragte habe ich im Land einen VIP-Status. Ich werde vom Flugzeug abgeholt, mit Blaulicht in ganz Myanmar herumgefahren und fliege im Helikopter der Armee. Der Nachteil ist, dass ich als Sonderbeauftragte unter ständiger Beobachtung stehe. Das war als Schweizer Botschafterin anders.

Dann können Sie sich doch nicht frei bewegen?

Ich werde zwar eskortiert, wen ich aber treffe, entscheide ich selber. Bis jetzt wurde mir kein einziges Gespräch verwehrt. Selbst mit Binnenvertriebenen konnte ich sprechen und habe schreckliche Dinge erfahren. Ich trage diese aber nicht in die Medien. Vielmehr erkläre ich den Burmesen immer wieder: Ich bin nicht hier, um euch Lektionen zu erteilen, sondern unterstütze euch auf dem Weg der Demokratisierung. Der Druck kommt ja schon genug von anderen.

Zum Beispiel von der UNO, die im August in einem Bericht Gräueltaten und ethnische Säuberungen anprangerte.

Genau.

Auch Sie gehören zur UNO. Hat das Ihren Handlungsspielraum nicht eingeschränkt?

Nein. Obwohl ich zur UNO gehöre, werde ich in Myanmar weniger als eine UNO-Vertreterin angesehen. Vielleicht, weil ich immer wieder betone, dass ich Brücken zwischen ihnen und der UNO bauen will. Ich will Vertrauen schaffen, allen zuhören und sie kennen lernen. Deshalb spreche ich auch mit der Armee – und werde es auch weiterhin tun. Nur dann kann ich im Hintergrund etwas bewirken. Es hat aber viel Energie gebraucht, sämtlichen UNO-Mitgliedern meine Strategie zu erklären.

Sie kennen De-facto-Staatschefin Aung San Suu Kyi. Als Friedensnobelpreisträgerin verkörperte sie Hoffnung, nun scheint sie eine Marionette der Generäle zu sein.

Man muss ihre Lage berücksichtigen: 25 Prozent der Parlamentssitze gehören dem Militär, es kann wichtige Ministerposten stellen und ist Teil der Regierung. Deshalb muss sie mit der Armee zusammenarbeiten. Vor drei Jahren fanden die ersten demokratischen Wahlen in Myanmar statt – nach 60 Jahren in Isolation. Man kann in drei Jahren nicht Wunder erwarten. Natürlich wäre es wünschenswert, dass sie Diskriminierung und Gewalt öffentlich verurteilt. Angesichts ihrer Situation gilt es, darauf zu vertrauen, dass sie weiter für Frieden und Demokratie kämpft. Sie hat nicht ihr Leben geopfert und war 15 Jahre im Hausarrest, um nun tatenlos zuzuschauen.

Sie arbeiten als Spitzendiplomatin und sind Mutter zweier erwachsener Kinder. Was raten Sie jungen Frauen, die einen ähnlichen Weg anstreben?

Den richtigen Mann zu wählen. (lacht)

Was kann der?

Mein Mann und ich haben uns die Betreuung der Kinder aufgeteilt. Das war nie pro forma, ich konnte mich voll auf ihn verlassen. Wir waren für die Kinder austauschbar. Als sie klein waren, riefen sie manchmal «MaPa», wenn sie nicht wussten, wer gerade zu Hause ist. Zudem standen wir uns in der beruflichen Entwicklung nie im Weg, sondern überliessen uns – je nach Posten und Angeboten – abwechselnd den Vortritt. Jungen Frauen rate ich, eigens konkrete Vorschläge zu machen und nicht auf Angebote zu warten. Auch ich musste damals das Jobsharing auf Botschafterstufe selber ins Leben rufen. Das hätte das Aussendepartement doch niemals von sich aus angeboten.

Bis heute gibt es immer noch deutlich mehr Männer als Frauen in der Diplomatie. Was braucht es, damit sich das ändert?

Mehr Männer, die Teilzeit arbeiten und zu Hause die Verantwortung übernehmen wollen. Das ist kein Zuckerschlecken: Am Ende des Jahres gibt es von den Kindern keine Prämie und abends auch kein Dankeschön. Seitens der Arbeitgeber sollten die Präsenzzeiten gelockert werden, denn mit dem Laptop lässt sich die Arbeit von überall erledigen.

Diplomatie braucht Fingerspitzengefühl. Was machen Sie, wenn Sie richtig wütend sind?

Das passiert zum Glück nicht oft. Wütend werde ich vor allem über Ungerechtigkeiten.

Dann haben Sie aber viele Gründe, sich zu empören.

Ich brauche die Energie, um etwas gegen die Ungerechtigkeiten zu machen. Dass ich angesichts von schweren Menschenrechtsverletzungen gefasst bleiben kann, erstaunt viele. Sie berühren mich aber enorm. Doch was nützt es, wenn ich weine? Das hilft niemandem. Ich will meine Energie nicht für Wut verschwenden. Wenn es einem gut geht, sollte man dankbar sein – und jenen helfen, die nicht so viel Glück hatten.

Das wird in der aktuellen Weltpolitik momentan anders gehandhabt.

Ja, es gibt nationalistische und egoistische Tendenzen. Einige Länder igeln sich ein und schauen nur für sich. Dass der Menschenrechtsschutz überhaupt infrage gestellt werden kann, ist furchtbar.

Sie bezeichnen sich selbst als Brückenbauerin. Weltweit werden derzeit aber eher wieder Mauern errichtet. Vor wenigen Tagen waren Sie an der UNO-Generalversammlung in New York und konnten sich selbst ein Bild machen. Ist der Multilateralismus am Ende?

Nein, die Generalversammlung ist sehr wichtig. Da kommen alle zusammen und man sieht die Unterschiede der einzelnen Länder. Man muss sich zusammenraufen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Die UNO ist dafür da, diesen Zusammenhalt zu wahren und für die Werte der Menschenrechte einzustehen.

Wie sehen Sie die Rolle der Diplomatie im Zeitalter von Donald Trump?

Sie ist wahrscheinlich noch wichtiger geworden. Die Diplomaten wählen ihren Beruf, weil sie über den eigenen Gartenzaun hinausschauen und weil sie für Werte arbeiten, die universell gelten. Leider wurde das Aussendepartement der USA ziemlich verkleinert, und ich bedauere, dass die USA aus dem Menschenrechtsrat ausgeschieden sind. Ich hoffe, dass sie wieder zurückkommen und dass wir alle zusammen am gleichen Strick ziehen.

Ist Diplomatie schwieriger geworden?

Ich würde sagen: anders. Als ich vor 27 Jahren angefangen habe, mussten wir noch Konventionen erarbeiten. Das war genauso schwierig. Ich war dafür zuständig, dass die Schweiz der UNO-Frauenkonvention beitritt, darüber gab es damals auch Diskussionen. Ich war an der Weltfrauenkonferenz, da hatte die Schweiz noch das Abtreibungsverbot. Diplomatie ist immer auch Innenpolitik, man muss im Land selber überzeugen.

Haben Sie Trump erlebt an der Vollversammlung?

Ja, ich sass ziemlich nah bei ihm. Als Sonderbeauftragte darf ich im Saal sitzen.

Als Trump über seine angeblich grossen Erfolge sprach, brach Gelächter im Saal aus. Wie wirkte diese Szene auf Sie?

Das habe ich so noch nie erlebt. Es war ja ein Auslachen, nicht ein miteinander Lachen. Das war schon erstaunlich.

Verändert die Sprache eines Trump oder Erdogan die diplomatische Kommunikation? Ist der Umgang roher geworden?

Der Ton unter den Diplomaten ist immer noch respektvoll. Aber generell stelle ich eine Verrohung der Sprache durch die Politiker fest – die durch Twitter befeuert wird. Man muss aufpassen, dass dadurch die Werte nicht aufgeweicht werden.

Wie zeigt sich das in der Friedensvermittlung?

Die Arbeit hat sich nicht gross verändert. Als Vermittlerin muss ich mich in die anderen einfühlen, die kulturellen Unterschiede gut kennen und ein politisches Gespür für die Situation entwickeln. Die Arbeit findet im Stillen statt, man muss sich selber zurücknehmen. Es kommt vor, dass ich mich manchmal wie ein Boxsack fühle. Alle Minister lassen ihre Wut gegenüber Myanmar an mir aus. Aber ich kann das vertragen. Ich weiss, es gehört zum Job.

Was kriegen Sie alles zu hören?

Es wird ziemlich kritisiert, auch mit heftigen Ausdrücken.

Zum Beispiel?

Das kann ich nicht sagen. Alle Gespräche bleiben vertraulich.

Sie waren bis vor wenigen Monaten Schweizer Botschafterin in Deutschland. Das Land erlebt gerade eine Regierungskrise nach der anderen. Die AfD wird immer stärker und durch ostdeutsche Städte marschieren offen Rechtsradikale. Haben sich diese Entwicklungen in den letzten Jahren abgezeichnet?

Die AfD ist ein schwieriges Thema. Denn: Wo zieht man die Grenze zwischen direkter Demokratie und Ausgrenzung? Es war selbst für mich keine einfache Frage, wie weit ich Kontakt mit der AfD haben kann. Denn die haben natürlich auch den Kontakt zu mir gesucht.

Weil die AfD die Schweiz gerne als Vorbild darstellt.

Genau. Da muss man sich schon fragen, wo die Grenze ist.

Wo haben Sie sie gezogen?

Ganz klar beim Rassismus.

Als Sie das Amt als Botschafterin in Deutschland angetreten haben, war Angela Merkel in einer ganz anderen politischen Lage als heute. Woher kommt der Machtverlust?

Ich glaube, dass sie in der Migrationspolitik die Ängste der Leute nicht wahrgenommen hat. Meiner Ansicht nach waren diese auch nicht begründet. Wir haben in der Schweiz einen Ausländeranteil von 25 Prozent, in Deutschland sind es vielleicht 12 oder 13 Prozent. Da braucht man sich vor einer Überfremdung oder vor Jobverlust nicht zu fürchten. Durch ihre Flüchtlingspolitik hat sie viel Rückhalt im Land verloren – aber in meinen Augen doch das Richtige getan.