Am Samstag, 3. März, kommt es zum grossen Schaulaufen. Im anthroposophischen Veranstaltungsort «Scala», einem ehemaligen Basler Kino in der Freien Strasse, treten mit Daniele Ganser, Ken Jebsen und Elias Davidsson gleich drei Redner aus der ersten Fraktion der deutschsprachigen Verschwörungsmystiker auf.

An der öffentlichen Tagung referieren sie über «Terror, Lüge und Wahrheit». Wer sich die geballte Einigkeit anhören will, dass die Welt von okkulten Mächten gesteuert werde und die grossen Terroranschläge der vergangenen Jahrzehnte Inszenierungen von Geheimdiensten gewesen seien, kann ein Ticket zu sechzig Franken erwerben.

Der Paracelsus-Zweig, eine Gruppierung, die der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft angeschlossen ist, vermietet nicht bloss die Lokalität, sondern tritt als Veranstalterin auf. Präsident Marcus Schneider sieht im Aufmarsch kein Problem. Er sagt: «Das ist doch interessant.» Er plädiere für ein «offenes Geistesleben». Die Einseitigkeit sei gerechtfertigt zur Einseitigkeit, die einem sonst durch die Medien «um die Ohren geschlagen» werde. Die Vorträge hätten eine «hygienische Funktion» und seien ganz im Sinn von Rudolf Steiner, da man versuche, «hinter die Kulissen» zu schauen.

Anfällig für Exzentriker

Dass sich in der breiten Bewegung der Anthroposophen schon immer neurotische Esoteriker, Geschichtsrevisionisten (vor allem zum Ersten Weltkrieg) und selbst Holocaust-Leugner tummelten, ist bekannt. Doch in Zeiten von «Fake News» und von Verschwörungsszenarien, die über die sozialen Medien leichte Verbreitung finden, geraten die Steiner-Schüler zunehmend in den Einfluss von Agitatoren, die vom Wirken dunkler Mächte schwadronieren. Mit der Veranstaltung im «Scala» kommen die Konspiratisten der anthroposophischen Zentrale, dem Goetheanum in Dornach SO, nun sehr nahe.

Die Art, wie Rudolf Steiner seine esoterische Sekte begründete, macht sie angreifbar. Zum einen verbreitete Steiner selbst Okkultismus und bietet mit seinen mystischen Ausführungen zu einer «geistigen Welt» vielfältige Anknüpfungspunkte für wirres Gedankengut. Zum anderen verhindert sein Dogma – die Glaubensfreiheit des Individuums – jede Form eines institutionellen Korrektivs. Anders als die Katholische Kirche, die Abweichler in frühen Zeiten auf den Scheiterhaufen band und heute exkommuniziert, ist die Steiner-Bewegung ungeschützt gegen Unterwanderung: Eine verbindliche Lehre gibt es so wenig wie eine «Lehrgewalt» und/oder eine «Weisungsbefugnis». Die einzige Wahrheit liegt in Steiners Wort beziehungsweise in dessen unzähligen Schriften. Nach Abschluss der Monsteredition im Jahre 2025 umfasst dessen Werk vierhundert Bücher. Wer sucht, findet darin für jede Lebenslage die treffende Referenz.

Treibende Kraft der «Scala»-Veranstaltung ist der anthroposophische Verleger, Publizist und Vortragsredner Thomas Meyer. Mit der Zeitschrift «Der Europäer» und seiner «Perseus»-Buchreihe führte Meyer bisher selbst innerhalb der Steiner-Bewegung ein Nischendasein. Aufsehen erregte er, als er die Autorin Barbro Karlen promotete, die behauptet, eine Inkarnation von Anne Frank zu sein. Finanziert wird seine Tätigkeit von einem Förderverein, der auf der Liste der gemeinnützigen, also steuerbefreiten Organisation figuriert.

Unter Zutun des Paracelsus-Zweigs öffnet Meyer nun das Tor für Verschwörungsmystiker wie Ganser und Jebsen, die bisher in der Öffentlichkeit wenig mit der Steiner-Bewegung in Verbindung gebracht worden sind.

Das Duo füllt in Deutschland Säle mit einem gläubigen Publikum, das sich vornehmlich aus rechten Kreisen, «Reichsbürgern», Pegida- und AfD-Anhängern rekrutiert. Seriöse Medien geben ihnen immer weniger Plattform für das Ausbreiten ihrer Szenarien, was sie selbstredend als Teil dieser Verschwörung «entlarven». Sie sind zunehmend auf Publikationen wie das «Compact»-Magazin angewiesen, das von der «Zeit» spöttisch als «Hauspost für die Wütenden» bezeichnet wurde. Mit der anthroposophischen Bewegung öffnen sich Rednern wie Ganser, Jebsen oder Davidsson Kreise, die empfänglich sind für alternative Fakten.

Ganser, der zwölf Jahre lang die Basler Steiner-Schule besuchte, hatte zunächst eine seriöse wissenschaftliche Karriere eingeschlagen, bis er sich nach 9/11 zu einem führenden Vertreter der deutschsprachigen «Truther-Szene» entwickelte. An der Universität Basel verlor er den Lehrauftrag, nun arbeitet er als «Friedensforscher» seines eigenen «Swiss Institute for Peace and Energy Research» (SIPER). Ganser trat in Deutschland schon in verschiedenen Waldorfschulen auf, in denen Steinersche Pädagogik gelehrt wird. 2015 gab er der Zeitschrift «Das Goetheanum», einem Zentralorgan der Bewegung, ein langes Interview. Darin kokettiert er mit dem von Steiner besungenen «freien Willen». Als «neue Medienkompetenz» bezeichnet er in diesem Zusammenhang, dass man «nicht mehr passiv konsumiert, sondern aktiv auswählt und sich abgrenzt von dem, was einen nicht interessiert.» Was nicht unvernünftig klingt, ist gleichzeitig eine Blaupause, weshalb man die «Lügenpresse» nicht mehr beachten müsse und sich stattdessen «aktiv» für alternative Medien entscheiden könne.

Ein solches Alternativmedium bietet Jebsen, der seinen richtigen Namen nicht preisgibt. Jebsen, ebenfalls ein Steiner-Schüler, war bis 2011 Berliner Radiojournalist, verlor seine Stelle aufgrund antisemitischer Äusserungen, die er dann doch nicht so gesagt haben wollte. Seither ist er als agitatorischer Redner unterwegs und verbreitet unter dem Label «KenFM» Youtube-Clips. Ganser ist sein häufiger Gast.

Eine besondere Biografie zeichnet Elias Davidsson aus, ein in Palästina geborener, in Island lebender und in Basel ausgebildeter Pianist und Komponist. Er fiel vor zwanzig Jahren auf, als er unter dem Aktenzeichen S182.96/97 die Basler Regierung anzeigte. Er behauptete, sie mache sich der Rassendiskriminierung schuldig, indem sie zum 100. Jahrestag des Zionistenkongresses beitragen wolle. Denn der Zionismus sei eine rassistische Ideologie. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren wegen «Fehlen eines subjektiven Tatbestands» ein. Davidsson legte Beschwerde ein, mit der er vor Gericht abblitzte.

Der Musiker, der während seiner Studienzeit an der Steiner-Schule den Eurythmieunterricht am Klavier begleitete, sieht nach 9/11 die Geheimdienste am Wirken, wenn sich ein neuer Terroranschlag ereignet. Seit einem Jahr hat er eine neue Mission: Der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt sei ein Fake, es sei nie ein Lastwagen in die Menschen gefahren.

Die politischen Ambitionen

Die Anthroposophen verstehen sich als geistige Bewegung. Treten sie den politischen Kampf an, wie mit der nationalen Initiative für ein Grundeinkommen oder auch der Basler Bodeninitiative, so unterlassen sie es, auf die ideologische Fundierung durch Steiners Lehren hinzuweisen. So, als hätte das eine mit dem anderen nichts zu tun. Die «politische Unschuld» ist mit ihren neuen Rednern schwer nicht zu vereinbaren. Deren Positionen sind offen Russland-freundlich, antiamerikanisch und antizionistisch.

Der grüne Politiker Gerold Häfner war dreimal gewähltes Mitglied des Deutschen Bundestages und bis 2014 Europaparlamentarier. Politisch setzte er sich für mehr Bürgerrechte ein, nun ist er Leiter der Sektion Sozialwissenschaften der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Das Einzige, was ihm auf Anfrage zur «Scala»-Veranstaltung einfällt, stammt aus dem rhetorischen Standardbaukasten: «Wir nehmen nicht urteilend Stellung zu Ankündigungen anderer Veranstalter.» Und: «Anthroposophie setzt sich für die Freiheit jedes einzelnen Menschen sowie für ein freies Geistes- und Kulturleben ein.» Dazu gehörten die Denk- und Redefreiheit sowie auch das Recht, Veranstaltungen durchzuführen.