Früher wurden hier Konfitüren eingemacht. Heute wird auf dem ehemaligen Hero-Areal im aargauischen Lenzburg gewohnt. Zur Gesamtüberbauung gehört auch ein Wohn- und Pflegezentrum.

Seit dem 1. Juni 2015 wird hier neben der intensiven Pflege – mit einer Abteilung für Demenzkranke – auch betreutes Wohnen angeboten. 43 Seniorenwohnungen sind mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet. Es sind auf den ersten Blick schlichte Wohnungen ohne viel Luxus. Im Badezimmer ein Alarmknopf. Ein Hinweis, dass hier ältere Bewohner erwartet werden.

Wer hier wohnt, kann bei Bedarf die Pflegedienstleistungen in Anspruch nehmen oder ins Restaurant etwas essen gehen. Das Ziel ist es, dass die Bewohner möglichst lange ihren eigenen Haushalt führen können, sich alleine oder mit dem Partner zu Hause fühlen können. Die beiden Bereiche – Alterswohnen und Pflegebereich – haben separate Hauseingänge. Sie sind durch einen Gang miteinander verbunden.

Luxusresidenzen für Begüterte

Solche kombinierte Alters- und Pflegeheime entstehen in vielen Teilen der Schweiz. Doch nicht jeder Pensionierte kann sich diese Wohnform leisten. Eine Wohnung mit Zusatzdienstleistungen kostet gut und gerne 6000 Franken pro Person. Daran bezahlt die Krankenkasse einen Teil und je nach Kanton auch der Steuerzahler über die Spitex-Finanzierung.

Der grosse Rest, über 3000 Franken, muss der Pensionär in den meisten Kantonen der Schweiz selber berappen. Hochgerechnet braucht ein Bewohner ein verfügbares Einkommen von 4000 bis 5000 Franken pro Monat. Bei einer tiefen Rente ist das nicht zu schaffen.

Viele Menschen mit einer an sich tiefen Pflegestufe werden deshalb heute direkt in ein Pflegeheim geschickt. Denn dort wird der Aufenthalt durch Ergänzungsleistungen gedeckt. Auch wenn diese Institution den Staat rasch einmal 10 000 Franken kostet pro Person und Monat. Das Rechenbeispiel zeigt, welche Auswirkungen falsche Anreize bei den Sozialversicherungen haben können. So wurden in den vergangenen Jahren viele Pflegeheime gebaut und teure Fachkräfte – zum Teil aus dem Ausland – rekrutiert.

Die jährlichen Pflegekosten in der Schweiz belaufen sich auf inzwischen rund 10 Milliarden, Tendenz stark steigend. Eine Studie der Credit Suisse von 2015 geht davon aus, dass bis 2040 53'000 zusätzliche Pflegebetten nötig sind. Dies entspricht einem Investitionsbedarf von rund 20 Milliarden Franken – oder fast einer zusätzlichen Milliarde Franken pro Jahr.

Ob das alles nötig sein wird, lässt sich bezweifeln: Gemäss den Berechnungen des Verbandes Senesuisse, dem die wirtschaftlich unabhängigen Alters- und Pflegeeinrichtung in der Schweiz angeschlossen sind, könnten mit der Einführung eines gleichberechtigten Systems für betreutes Wohnen Steuergelder in Millionenhöhe gespart werden.

Menschen mit einem normalen Einkommen müssten jedoch dafür Ergänzungsleistungen erhalten. Der Effekt einer neuartigen Förderung wäre laut Senesuisse-Zahlen einschneidend: Von den rund 71'000 Bezügern von Ergänzungsleistungen, die 2016 in einem Pflegeheim leben, ist mindestens ein Drittel der Pflegestufe 0–3 zugeteilt. Diese Personen brauchen höchstens eine Stunde Pflege pro Tag, sie brauchen also keine intensive Betreuung.

Würden diese Personen in betreute Wohnungen statt in ein Pflegeheim ziehen und würde ihnen dort die nötige Betreuung bezahlt, könnte der Staat – insbesondere die Kantone – hochgerechnet 608 Millionen Franken im Jahr sparen: «Natürlich ist nicht jeder Fall gleich, es gibt etwa auch die psychosomatisch bedingte Pflegebedürftigkeit.

Aber die Rechnung zeigt doch auf, dass wir zu viel Steuergelder für teure Pflegeplätze ausgeben», sagt Christian Streit, Geschäftsführer von Senesuisse, der unter anderem auch die private und börsenkotierte Immobilienfirma Swiss Prime Site mit ihrer auf betreutes Wohnen im Alter spezialisierten Tochterfirma Tertianum angeschlossen ist .

Streit fordert deshalb auf, dass der «Zwang» zu ungerechtfertigten Pflegeheimaufenthalten für EL-Bezüger aufgehoben wird, dass bei den Ergänzungsleistungen eine dritte Kategorie geschaffen wird, die das Modell des betreuten Wohnens auch für weniger Vermögende zugänglich macht.

Kantone als Befürworter

Beim St. Galler Regierungsrat Martin Klöti, Präsident der kantonalen Sozialdirektorenkonferenz, rennt Streit mit seinen Forderungen offene Türen ein: «Wir unterstützen vonseiten der Kantone das betreute Wohnen. Es ist nicht nur eine finanzielle Frage. Sondern es ist auch im Sinne der Betroffenen, wenn sie möglichst lange aktiv bleiben können.» Für die meisten älteren Menschen sei es ja nicht nur eine Last, sondern auch eine Freude, wenn sie möglichst lange einen eigenen Haushalt führen oder kochen könnten.

In St. Gallen wurde ein Weg gewählt, bei welchem der Kanton einen Teil der Kosten dieser betreuten Wohnformen übernimmt. Auch andere Kantone, etwa Graubünden, bezahlt einen Teil an diese Wohnformen. «Es wäre wünschenswert, wenn in einer künftigen Gesetzesrevision auch der Bund klar festlegt, wie betreutes Wohnen definiert wird und wie es mittels Ergänzungsleistungen auch für weniger begüterte Menschen ermöglicht werden kann», so Klöti.

Die Ergänzungsleistungen sind zu einem immer bedeutenderen Zweig der sozialen Sicherheit geworden. Sie sollen denjenigen die Existenz sichern, die von den Renten der ersten und zweiten Säule zusammen nicht leben können, sofern sie nicht noch über entsprechendes Vermögen verfügen. Früher wurden kaum Ergänzungsleistungen beantragt. In den ersten Jahren nach der Einführung wurde das Instrument von der Bevölkerung kaum genutzt.

Heute beziehen 12,5 Prozent der Rentner Ergänzungsleistungen, also faktisch jeder Zehnte. Entsprechend haben sich die Ausgaben in den letzten fünfzehn Jahren von 2,3 Milliarden Franken auf 4,9 Milliarden Franken mehr als verdoppelt. Mehrheitlich sind dies Kantonsausgaben. Entsprechend ist der Druck von dieser Seite hoch, die aktuelle Revision der Ergänzungsleistungen durchzubringen. «Für uns ist wichtig, dass die Ausgaben nicht im gleichen Mass steigen wie in den vergangenen Jahren», sagt Martin Klöti.

Derzeit wird das System der Ergänzungsleistungen revidiert. Es ist neben der Altersreform 2020 eine weitere grosse Reform eines Sozialwerks, das unter der zunehmenden Alterung der Gesellschaft ächzt. Insbesondere soll eingeschränkt oder verunmöglicht werden, dass Neurentner aus dem obligatorischen Bereich der Pensionskasse Kapital beziehen können.

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben nämlich gezeigt, dass viele Kapitalbezüger später – nachdem das Kapital aufgezehrt wurde – auf Ergänzungsleistungen zurückgreifen müssen. Ein anderer Teil der Revision betrifft die Anpassung der Mietzinsmaxima. Über 40 000 EL-Beziehende bezahlen Mieten, die über dem anrechenbaren Maximum liegen.

Politik hat den Ball übernommen

Gut möglich, dass sich demnächst das Parlament im Rahmen der Revision der Ergänzungsleistungen auch mit dem betreuten Wohnen beschäftigen muss. Die nationalrätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK-N) hat vor zwei Wochen beschlossen, dass sie prüfen möchte, inwiefern das betreute Wohnen im Alter bei der Berechnung der EL berücksichtigt werden könnte, damit unterstützungsbedürftige Menschen nicht gleich in ein Pflegeheim eintreten müssen.

Dazu sagt die Solothurner SP-Sozialpolitikerin und SGK-N-Mitglied Bea Heim: «Viele Menschen möchten im Alter so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben, auch wenn sie auf die eine oder andere Hilfeleistung angewiesen sind. Oft ist dies auch kostengünstiger als ein Heimeintritt. Nun gilt es zu prüfen, wie das «Betreute Wohnen» im Rahmen des EL-Bedarfs zu definieren und zu berechnen wäre.» Mit einem solchen Schritt würde auch dem Wandel der Lebensformen im Alter entsprochen. Wenn damit auch noch EL-Kosten eingespart werden könnten, sei dies umso besser.

Noch gibt es also gesetzliche Hürden zu überwinden. Dann entsteht womöglich eine neue Nachfrage und ganz ein neuer Markt für private Anbieter, wie Senevita oder Tertianum. Bisher haben sie vor allem bisher Luxuswohnungen für vermögende Rentner gebaut. Künftig würde wohl mehr Wohnraum für den Mittelstand entstehen. «Natürlich würden wir sicher auch in diesem Bereich tätig werden, sobald das Gesetz eine Förderung von betreutem Wohnen erlaubt.

Es gibt jedoch auch Gemeinden und andere öffentliche Institutionen, die bereits aktiv geworden sind, die auch weiterhin aktiv sein werden», sagt Tertianum-CEO Luca Stäger. Wichtig sei ihm die Tatsache, dass die öffentliche Hand massiv sparen könne. Denn es bräuchte weniger Pflegebetten und die Dauer des Aufenthalts eines Betagten im Pflegeheim verkürzte sich.