1. Wieso braucht es eine Reform?

Die Schweizer leben viel länger als bei der Einführung der AHV 1948. Damals musste die Rente ein paar wenige Jahre reichen, heute sind es 19 (Männer) bis 22 Jahre (Frauen). Gleichzeitig treten in den nächsten zwölf Jahren die Babyboomer in den Ruhestand. Viele Erwerbstätige werden zu Rentenbezügern. Zum Vergleich: 1948 finanzierten 6,5 Erwerbstätige einen Rentner, bis 2030 sind es noch zwei. Das verkraftet die AHV nicht. Schon heute ist das Umlageergebnis negativ, das wird sich nun verstärken. Das Bundesamt für Sozialversicherungen rechnet damit, dass 2030 fast sieben Milliarden Franken mehr an Renten ausgegeben, als über Lohnbeiträge und Steuern eingenommen werden. Die demografische Entwicklung wirkt sich auch auf die berufliche Vorsorge (BV) aus. Das Kapital, das Erwerbstätige für sich ansparen, reicht nicht, um die Rente über 20 Jahre zu finanzieren. Die tiefen Renditen an den Finanzmärkten verschärfen das Problem. Deshalb müssen beide Vorsorgewerke dringend revidiert werden.

Rentenreform: Das sagt das bürgerliche Ja-Komitee

Rentenreform: Das sagt das bürgerliche Ja-Komitee

Die Abstimmungsschlacht um die Rentenreform ist eröffnet. Als erstes präsentierte am Freitag ein bürgerliches Ja-Komitee aus Vertretern von CVP, FDP, GLP, BDP und EVP seine Argumente. Ruth Humbel (CVP/AG) nimmt Stellung.

2. Was will die Reform?

Die Reform will die Finanzierungslücken in der 1. und 2. Säule schliessen – ohne gleichzeitig die Renten kürzen zu müssen. Bundesrat Alain Berset hat eine umfassende Vorlage präsentiert, das Parlament hat noch wesentliche Veränderungen vorgenommen.

3. Was ändert sich mit der Reform?

Die Reform erschliesst neue Geldquellen für die AHV: Die Mehrwertsteuer wird schrittweise um 0,6 Prozentpunkte erhöht, der Bund zahlt zusätzlich 610 Millionen und das Frauenrentenalter wird innert dreier Jahre an jenes der Männer angepasst (von 64 auf 65 Jahre). Um die Renten auch in der zweiten Säule auszahlen zu können, wird der Umwandlungssatz von 6,8 Prozent auf 6 Prozent gesenkt. Da dieser Satz die Höhe der Rente bestimmt, handelt es sich um eine Rentenkürzung von 12 Prozent. Betroffen sind jedoch nur Löhne im obligatorisch versicherten Bereich (Einkommen bis maximal 84'600 Franken).

Was bedeutet die Rentenreform für einen Mann, der im nächsten Jahr 45 Jahre alt ist?

Was bedeutet die Rentenreform für einen Mann, der im nächsten Jahr 45 Jahre alt ist?

Jan Theiler, Niederlassungsleiter VZ Baden

4. Was ist mit dem Versprechen, das Rentenniveau zu erhalten?

Als Ausgleich für die Rentenkürzung erhalten Neurentner einen AHV-Zuschlag von 70 Franken pro Monat, für Ehepaare wird der Plafond von 150 auf 155 Prozent erhöht. Finanziert wird dies über eine Erhöhung der Lohnabgaben von 0,3 Prozentpunkten. Zudem können Teilzeitarbeitende in der zweiten Säule neu besser sparen dank der Flexibilisierung des Koordinationsabzugs.

Was passiert mit einer Frau, die 59 Jahre alt ist, respektive, einem Mann mit 60?

Rentenreform: Was passiert mit einer Frau, die 59 Jahre alt ist, respektive, einem Mann mit 60?

Michael Mathys, Niederlassungsleiter VZ Aarau

5. Wer profitiert von der Reform?

Hauptsächlich Personen mit tiefen Einkommen, die 2018 45 Jahre alt oder älter sind: Personen ab Jahrgang 1974 wird die BVG-Rente nicht gekürzt, sofern sie im obligatorischen Bereich versichert sind. Trotzdem erhalten sie einen Zuschlag von 70 Franken. Bessergestellt werden auch Teilzeitarbeitende und Personen mit mehreren Arbeitgebern, weil sie neu einfacher eine zweite Säule aufbauen können.

Was bedeutet die Rentenreform für einen Mann, der im nächsten jahr 35 Jahre alt ist?

Was bedeutet die Rentenreform für einen Mann, der im nächsten Jahr 35 Jahre alt ist?

Michael Mathys, Niederlassungsleiter VZ Aarau

6. Wer bezahlt die Reform?

Personen mit Jahrgang 1975 und jünger müssen Abstriche machen: Sie müssen mehr in AHV und BV einbezahlen, kommen aber nicht unbedingt auf eine ähnlich hohe Rente wie die älteren Jahrgänge. Zweitens leisten die Frauen einen grossen Beitrag, weil sie länger arbeiten müssen. Drittens müssen Arbeitgeber sowie Erwerbstätige mehr vom Lohn abgeben. Und viertens zahlen alle Konsumenten über die erhöhte Mehrwertsteuer an die Reform – wobei diese erst 2021 spürbar wird. Ab 2018 fliesst ein Teil der Mehrwertsteuer neu an die AHV, die bisher für die IV verwendet wurde.

Was bedeutet die Rentenreform für einen Mann, der bereits 70 Jahre alt ist?

Was bedeutet die Rentenreform für einen Mann, der bereits 70 Jahre alt ist?

Jan Theiler, Niederlassungsleiter VZ Baden

7. Was ist mit aktuellen Rentnern?

Für heutige Rentner ändert sich nicht viel, ihre Rente ist gesichert. Sie bezahlen – wie alle – durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer einen Teil an die Reform.

8. Was ist die Alternative?

Wird die Vorlage abgelehnt, muss in Windeseile eine neue Vorlage gezimmert werden. Der Zeitdruck ist hoch, denn bei der AHV und den Pensionskassen verstärken sich Finanzierungsprobleme. Um die beiden Vorsorgewerke wieder auf gesunde Füsse zu stellen, gibt es drei Möglichkeiten: Entweder die Renten kürzen, das Rentenalter erhöhen oder mehr in AHV und Pensionskasse einbezahlen – ob nun über Lohnabgaben oder Mehrwertsteuer.

9. Wer unterstützt die Reform?

Der Nationalrat hat am Ende einer erbitterten Diskussion der Reform mit 101 zu 92 Stimmen bei 4 Enthaltungen zugestimmt. Ausschlaggebend waren die Grünliberalen, die im Endspurt die Seite gewechselt haben. Der Grund: Anstatt nun drei Jahre Parlamentsarbeit zu begraben, soll das Volk die Vorlage beurteilen. CVP, BDP, EVP, SP und Grüne unterstützen die Vorlage ebenfalls. Sie sagen, die Vorsorgewerke müssten gesichert werden. Und dies sei nur möglich, wenn das Rentenniveau erhalten bleibe. Dafür sind auch die westschweizer Wirtschaftsverbände sowie die Gewerkschaften und pro Senectute.

10. Wer stellt sich gegen die Reform?

FDP und SVP sind klar dagegen. Sie kritisieren, die Unterfinanzierung der AHV werde mit den 70 Franken verschärft. Unterstützt werden sie von Deutschschweizer Wirtschaftsverbänden sowie linken Gruppierungen, für welche die Reform zu wenig sozial ist.