Ist es routinierte Ruhe oder die Ruhe vor einem neuen Ansturm? Jürg Noth lächelte, als er sagte: «Im Moment ist die Lage an den Grenzen ruhig.» Und nach einer kurzen Pause schob der Chef des Grenzwachtkorps nach, was niemanden überraschen dürfte: «Die Lage», die Flüchtlingsströme also, könne sich rasch ändern.

Während die obersten Grenzwächter und Zöllner am Dienstag in Basel auf das vergangene Jahr zurückblickten, meldete sich aus Genf die Internationale Organisation für Migration.

Zwei Monate nach Jahresbeginn seien bereits mehr als 100 000 Flüchtlinge und Migranten über das Mittelmeer nach Europa gekommen. 2015 ist diese Zahl erst im Juli erreicht worden.

Flüchtlinge: Illegale Einreisen 2015 an den wichtigsten Grenzposten

Flüchtlinge: Illegale Einreisen 2015 an den wichtigsten Grenzposten

Wenn Hunderttausende Menschen nach Europa fliehen, dann ist das auch an den Schweizer Grenzen zu spüren. Die hiesigen Grenzwächter hatten im vergangenen Jahr alle Hände voll zu tun: 2015 zählten sie 31 000 Menschen, die illegal eingereist waren. Dies entspricht einer Zunahme von 118 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, als 14 300 illegal eingereiste Menschen gezählt wurden.

Schweizer Grenzwächter am Anschlag

Schweizer Grenzwächter am Anschlag

Immer mehr Menschen versuchen illegal Güter in die Schweiz zu schmuggeln, 7000 Strafverfahren wurden 2015 deswegen eingeleitet. Und auch die Flüchtlingskrise macht der Grenzwache zu schaffen, wie Roger Zaugg, Kommandant Grenzwachtregion Basel, sagt. 

Die Behörden sprechen von einem «Rekordwert» bei den rechtswidrigen Aufenthaltern. Diese gehen grösstenteils auf Asylbewerber zurück. Von den 31 000 aufgegriffenen Menschen haben mehr als 18 000 einen Asylantrag in der Schweiz gestellt. Bei den anderen knapp 13 000 handelt es sich um Wirtschaftsflüchtlinge und Menschen, welche die Schweiz ohne Asylgesuch durchqueren wollten.

«Massive Zunahme der Migration»

Auch die Zahl der gefassten Schlepper hat zugenommen. 466 entsprechende Fälle zählte das Grenzwachtkorps im vergangenen Jahr, 2014 waren es noch 384 Fälle. Für Jürg Noth kommt das einem «ewigen Spiel» gleich: «Wir ändern unsere Taktik und die Schlepper ändern ihre Taktik.» Dass knapp ein Viertel mehr festgenommen werden konnten, führt Noth auf die «enge Zusammenarbeit» mit der deutschen Bundespolizei und auf eine Task Force im Tessin zurück.

Allerdings ist die Zahl der verhafteten Schlepper verhältnismässig noch immer tiefer als die Zahl der aufgegriffenen Migranten. Die Dunkelziffer ist hoch.

Die Flüchtlingsrouten nach Europa lassen sich kaum voraussagen, nicht selten ändern sie sich im Wochentakt. Schliesst ein Land seine Grenzen, suchen Schlepper und Flüchtlinge nach anderen Wegen, um nach Westeuropa zu kommen. Das macht die Lage für die Behörden umso unberechenbarer, wie sich in den vergangenen Monaten eindrücklich zeigte.

«Wir kamen bisweilen an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit», sagte Korpschef Noth. Im Frühling 2015 reisten die Flüchtlinge vor allem über das Tessin in die Schweiz, im Sommer über das St. Galler Rheintal und dann über die Nordgrenze. Unter dem Strich wurden die meisten der illegal eingereisten Menschen im Süden angehalten. Das Grenzwachtkorps zählte im Tessin insgesamt 10 900 illegal Eingereiste, gefolgt von der Ostschweiz mit 7000. In der Nordschweiz, zu der die Regionen Basel und Schaffhausen zählen, wurden 6400 Menschen aufgegriffen.

Nur weil der Flüchtlingsstrom im Süden wieder abnahm, sei die Arbeit für die Grenzwächter zu bewältigen gewesen. Je nach Bedarf wurden Mitarbeiter in andere Regionen geschickt. Im Frühjahr etwa verstärkten Kollegen aus der Nordwestschweiz das Dispositiv im Tessin. Das geht nicht ohne Abstriche, wie Noth einräumte: So wurden die Öffnungszeiten einzelner Grenzübergängen reduziert.

Beruhigung ist alles andere als absehbar. Weil Österreich seine Südgrenze besser kontrollieren will, werden auch die Flüchtlingsrouten bald wieder in neue Bahnen gelenkt – zum Beispiel über Italien in die Schweiz. Die Verlagerung dürfte die Grenzwächter im Tessin erneut fordern. Das Grenzwachtkorps rechnet in den kommenden Monaten mit einer «massiven Zunahme der Migration».

Einsatz der Armee denkbar

Vorderhand sollen die Kräfte ausreichen, zumal das Grenzwachtkorps eben erst um 48 Stellen aufgestockt worden ist. Sollte das Korps an Kapazitätsgrenzen stossen, ist ein Einsatz der Armee für Jürg Noth denkbar. Das machte der Korpschef überraschend deutlich klar. Infrage komme ein solcher Einsatz aber erst, wenn das Korps von den Kantonspolizeien nicht mehr «im nötigen Umfang» unterstützt werden könne.

Beim Verteidigungsdepartement heisst es auf Anfrage der «Nordwestschweiz», bislang sei kein Unterstützungsgesuch des Grenzwachtkorps eingegangen. Allerdings dürften Soldaten ohnehin einzig für Assistenzdienste eingesetzt werden. Entscheidungsgewalt hätten sie dabei keine.