Der Armee gehen die Soldaten aus. Das befürchtet Nationalrat Walter Müller (FDP, SG). Angesichts der wachsenden Zahl von Armeeangehörigen, die in den Zivildienst wechseln, spricht Müller von «Abschleichern», die den Bevölkerungsschutz gefährdeten.

Ins Visier nimmt er jene Frauen und Männer, die den zivilen Sinneswandel erst nach der Rekrutenschule durchmachen. Vergebene Investitionen in die militärische Ausbildung seien das, behauptet er – mit Erfolg. Die Mehrheit des Nationalrates stimmte im Juni einer Motion zu, die fordert, dass sich Armeeabgänger nur noch die Hälfte der geleisteten Diensttage anrechnen lassen dürfen, wenn sie vom Militär- in den Zivildienst wechseln.

Noch weiter geht Bundesrat Johann Schneider-Ammann, an dessen Departement der Zivildienst angegliedert ist. Er schlägt vor, dass die Betroffenen mindestens 150 zusätzliche Diensttage zu leisten haben, unabhängig davon, wie lange sie zuvor Militärdienst geleistet hätten.

Der Zivildienst soll also einer Härtekur unterzogen werden. Das ist der politische Wille – und in den Augen von Nicola Leiseder ein grosser Fehler. Der 27-Jährige ist einer jener «Abschleicher», denen die Politik neue Steine in den Weg legen will. Er absolvierte 255 Diensttage als Grenadier und wechselte anderthalb Wiederholungskurse vor seiner Armee-Entlassung in den Zivildienst.

Singzwang und Unterdrückung

Er sei oft gefragt worden, wieso ausgerechnet er, der «Greni», so etwas tue, erzählt Leiseder beim Abendbier in der Luzerner Neustadt. Der Entscheid habe für ihn primär mit den Zuständen in der Armee und weniger mit den Verlockungen des Zivildienstes zu tun gehabt. «Zu schaffen machte mir das weitverbreitete rechte Gedankengut unter den Grenadieren.»

Andere Ansichten als harte SVP-Parolen seien nicht akzeptiert worden. «Wer auf den Fahrten im Duro nicht bei der Nationalhymne mitsang, wurde aggressiv zurechtgewiesen.» Diesen Zwang zum Patriotismus hielt der Elite-Soldat irgendwann nicht mehr aus. «Die unterdrückerische politische Stimmung – gerade bei den Kadern – wurde für mich je länger, je mehr zum Problem.»

Die aktuelle Debatte über Leute wie ihn, die vom Militär- in den Zivildienst wechseln, stimmt den angehenden Archäologen nachdenklich. Natürlich gebe es Fälle, die denen der Wechsel in den vermeintlich lockereren Zivildienst aus egoistischen Gründen geschehe. «Die Armee macht es sich aber schon sehr einfach, wenn sie jetzt vorschnell mit dem Finger auf den Zivildienst zeigt.» Den «Abschleicher»-Vorwurf lässt der ExGrenadier nicht generell gelten. «Als Zivildienstler leiste ich anderthalb mal so viele Diensttage, wie ich es in der Armee noch hätte tun müssen. Wenn mich jetzt jemand als ‹Abschleicher› betitelt, nehme ich das persönlich.»

Zu Müllers Vorwurf der verschwendeten Investition sagt Leiseder: «Das ist Schwachsinn. Die Verschwendung findet bei den nicht kompatiblen IT-Systemen oder beim sinnlosen Verballern von Munition statt, aber sicher nicht bei den paar hundert Zivildienstabgängern.»

Basil Zemp gibt Leiseder recht. Der 28-jährige Luzerner war Soldat bei den Füsilieren und ist ebenfalls ein «Abschleicher». Zemp hätte noch zweieinhalb WKs leisten müssen, als er in den Zivildienst wechselte. Auch er kritisiert die Zustände in der Armee. «Wenn ich mich im Militär sinnvoll hätte betätigen können, wäre ich geblieben. ‹Abgeschlichen› bin ich, weil ich das tatenlose Rumhocken nicht mehr aushielt.»

Die RS habe ihm gefallen, die Betreuung sei professionell gewesen. «Danach aber hatten wir es nur noch mit oft heillos überforderten Milizoffizieren zu tun.» Zemp fühlte sich völlig nutzlos. «Ohne die groben Missstände in der Armee wäre ich nie in den Zivildienst», sagt der Wirtschafts-Ingenieur. Auch Zemp findet den «Abschleicher»-Vorwurf daneben.

«In Friedenszeiten muss man jedem die freie Wahl lassen, wie er seinen Dienst absolvieren will.» Schneider-Ammanns 150-Tage-Forderung sei masslos übertrieben. «Sinnvoller wäre es, wenn man eine Gewissensprüfung für jene einführte, die während ihrer militärischen Ausbildung in den Zivildienst wechseln wollen», findet Zemp.

Aktiv gegen «Abschleich»-Vorwurf

Das Fazit der beiden Ex-Soldaten ist deutlich: Schuld an ihrem Abgang ist nicht der vermeintlich lockere Zivildienst, schuld sind die Missstände in der Armee. Wie viele der 2683 Armeeangehörigen, die 2016 nach der RS in den Zivildienst wechselten, diese Ansicht teilen, bleibt unklar. Einen Grund für den Wechselwunsch müssen die Betroffenen nicht angeben.

Klar aber ist, dass Nicola Leiseder und Basil Zemp den «Abschleicher»-Vorwurf in den anstehenden politischen Debatten nicht auf sich sitzen lassen werden. Leiseder geht jetzt schon aktiv gegen den Vorwurf vor. Diese Woche hat er in einem Online-Kommentar gelesen, die wachsende Zahl der «Abschleicher» sei ein Spiegelbild der «verweichlichten Gesellschaft».

Leiseder hat dem Kommentator geschrieben: Das stimme schon mit dem Spiegelbild. Nur sei die Gesellschaft keinesfalls verweichlicht, sondern vielmehr reifer geworden. Die junge Generation sei nicht mehr bereit, sich jedem Schwachsinn bedingungslos unterzuordnen.