Die Situation ist vertrackt. «Was wir wollen, ist bereits in den Köpfen der Leute. Doch sie sind einem Irrtum erlegen», sagt Markus Meyer. Er ist im Vorstand des Vereins Monetäre Modernisierung (MoMo) und kämpft für die Vollgeld-Initiative.

Wir treffen ihn und den MoMo-Präsidenten Hansruedi Weber im Bahnhofbuffet Olten. Sie sind misstrauisch. Ein wenig ratlos. Sie finden ihre Initiative einfach nur logisch. Nachteile? Habe sie keine. Und trotzdem findet sie kaum Support. Die Vollgeld-Initianten kämpfen gegen Bundesrat, Parteien, Verbände. Gegen das System.

Was Meyer mit seinem Satz meint: Die meisten Menschen glauben, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) das Geld macht. Doch dem ist nicht so: 90 Prozent des Geldes werden durch die Banken geschaffen, indem sie Kredite herausgeben. Ein Kredit sei eine Schuld: «Wir haben Schuldgeld», sagt Hansruedi Weber. Die Initiative will von diesem System wegkommen: Nur noch die SNB soll Geld schöpfen können.

Die Initianten haben sich ein sperriges Thema ausgewählt. Erfahrungen mit Vollgeld hat noch kein Land gemacht. Die Diskussion ist theoretisch. Weber erzählt, dass er beim Sammeln der Unterschriften für die Initiative erklären musste. Er war bei weitem nicht der erfolgreichste Sammler: «Aber am Abend ging ich aufgestellt nach Hause, auch wenn nur ein Dutzend Leute unterschrieben hatten.»

91 Seiten für eine Revolution

Weber war Primarlehrer und führte später ein «geruhsames Leben als Hausmann». Dadurch war es ihm möglich, ausgedehnt Volkswirtschaft und Philosophie zu studieren. Der Aargauer erinnert an die Finanzkrise vor zehn Jahren, als alle gerufen haben, so könne es nicht weitergehen.

Er stiess auf das Buch «Geldschöpfung in öffentlicher Hand.» Diese 91 Seiten machten ihm klar, dass man bei der Ursache ansetzen muss, nämlich bei der Frage, wie Geld entsteht. Und es war ihm auch klar, dass die Schweiz prädestiniert ist für einen Systemwechsel zum Vollgeld. Wegen der eigenen Währung und der direkten Demokratie: «Wenn wir Schweizer das nicht machen, dann wird es niemand tun.»

Weber spricht gestenreich. Wenn es wichtig wird, sagt er Sätze auf Hochdeutsch. Pensionär Meyer, der früher in einem internationalen Konzern arbeitete, tritt wie ein Pädagoge auf. Er erklärt die Initiative so: «Wir wollen die Geldschöpfung von der Geldverwendung trennen. Die SNB soll das Geld schaffen und der Gesellschaft kostenfrei zur Verfügung stellen – wie der Bund die Strasse.»

Die Vollgeld-Initiative mag kontrovers diskutiert werden. Doch in einem Punkt sind sich alle einig. Die Rolle der SNB würde massiv gestärkt. Die Initianten gehen davon aus, dass die SNB jährlich fünf bis zehn Milliarden Franken an Bund und Kantone ausschütten könnte, weil sie Gewinne aus der Geldschöpfung erzielen würde, die heute bei den Banken anfallen. Diese Zahl ist umstritten.

Doch auch wenn der Geldsegen eintreffen würde, löst er Kritik aus. Die Gegner können sich nicht vorstellen, dass die SNB noch unabhängig agieren könnte. Offen ist zudem, wie die SNB die Geldmenge steuern würde. Weber sagt: «Es wäre die Aufgabe der Nationalbank, für ein vernünftiges Verhältnis zwischen Geld- und Gütermenge zu sorgen.» Ob sie den Geldbedarf der Schweizer Volkswirtschaft besser eruieren kann als die Geschäftsbanken mit ihren Kontakten zu Unternehmen und Haushalten? Für die beiden Finanzprofessoren der Universität Zürich, Urs Birchler und Jean-Charles Rochet, ist das eine Kernfrage zur Beurteilung der Initiative.

Erfahrungen aus der Vergangenheit

Die Initianten kennen die Kritik genau. Sie beobachten die Diskussion, bearbeiten Parlamentarier intensiv, schreiben Leserbriefe. Sie haben auf alles eine Antwort. Wenn die Gegner vor einer Katastrophe für die Volkswirtschaft warnen, dann sagt Weber: «Es kann doch kein Desaster sein, wenn die Schweizer richtiges Geld haben.» Kann unser Land allein auf der Welt solch einen Systemwechsel durchziehen?

«Klar, ein Vollgeldfranken braucht im nationalen und internationalen Zahlungsverkehr nicht anders behandelt zu werden als der bisherige Schweizer Franken.» Doch entstünde nicht ein Chaos? «Mitnichten», sagt Meyer. Er verweist auf die Geschichte. 1848 ging das Münzmonopol von den Kantonen und Städten auf den Bund über – problemlos. 1891 bekam der Bund das Monopol auf Noten – problemlos.

Wie in «Momo»

Im Nationalrat hat die Debatte um die Vollgeld-Initiative erst begonnen. Doch schon jetzt ist klar: Sie wird hochkant durchfallen. Die Waadtländer Sozialdemokratin Ada Marra macht sich dennoch für das Anliegen stark. Sie glaubt, dass die Initiative dazu führen würde, dass der Finanzsektor wieder im Dienste der Menschen stünde. Doch Marra ist eine Ausnahme. Manche Parlamentarier unterstellen den politisch unerfahrenen Initianten, sie würden vom Ausland gesteuert. Andere belächeln sie einfach.

Weber weiss um dieses Bild. Er redet deshalb nur zögerlich über MoMo. Der Name des Vereins – und das Buch von Michale Ende. Darin geht es um ein Mädchen, das gegen Zeitdiebe kämpft. Die grauen Männer, die von der Zeit der anderen leben. Sie sind für die Initianten die Banker, die von unserem Geld leben.