Die Vielzahl an Studien erlaubt es gerade in der politischen Debatte, die «passenden» Erhebungen für das ernannte Ziel zusammenzustellen. Und mit einer geschickten Auslegung kann so «Überzeugungsarbeit» geleistet werden.

Die Ecopop-Initianten werden sich über die vor zwei Tagen veröffentlichte Studie der University of Adelaide, Australien, gefreut haben.

Diese kommt zum Schluss, dass selbst Beschränkungen des Bevölkerungswachstums wie etwa eine weltweite Ein-Kind-Politik nach chinesischem Vorbild, die globalen Probleme im Bereich der Nachhaltigkeit nicht lösen können. Im Jahr 2100 würden immer noch zwischen fünf bis zehn Milliarden Menschen die Erde bevölkern.

Wie Studienautor Barry Brook ausführt, lägen in einer effektiven Familienplanung und einer weltweiten Aufklärungsarbeit viel Potenzial, um das Bevölkerungswachstum zu beschränken und die Ressourcen zu schonen.

Den Initianten von Ecopop, die zehn Prozent der Mittel der Entwicklungszusammenarbeit für die freiwillige Familienplanung verwenden wollen, wird dieses Votum zugutekommen.

Bislang stützte sich das Ecopop-Komitee auf die Zahlen der UNO, welche das Bevölkerungswachstum auf ihrer Website bis 2100 vorrechnet.

Nach dem mittleren Szenario – wenn die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau bis zum Jahr 2100 auf zwei Kinder sinken würde – wüchse die Weltbevölkerung auf 10,9 Milliarden Menschen an. Es könnten aber je nach Variante auch 15,8 Milliarden oder 6,2 Milliarden Menschen sein.

Die UNO-Experten ihrerseits haben explizit auf die Zahlen bis 2050 verwiesen, weil weitergehende Prognosen mit erheblichen Unsicherheiten verbunden wären. Sie gehen davon aus, dass sich 2050 etwa 9,6 Milliarden Menschen den Globus teilen – 2,4 Milliarden mehr als 2014. Dennoch hat die UNO auch Szenarien für 2300 ausgearbeitet. Werden sich die globalen Kinderzahlen bei einem Wert von 2,35 pro Frau einpendeln (der heutige Wert liegt bei 2,5), leben 2300 rund 36 Milliarden Menschen auf der Erde. Bekommt eine Frau im Schnitt jedoch nur noch 1,85 Kinder, schrumpft die Weltbevölkerung bis 2300 auf 2,3 Milliarden Menschen. Bis 2550 würde sich die Menschheit nochmals halbieren.

UNO-Methoden in der Kritik

Unter Demografie-Experten sind die Zahlen wie auch die Methoden der UNO umstritten. So warf Wolfgang Lutz, Leiter des Weltbevölkerungsprogramms am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA), der UNO gegenüber «Spiegel online» vor, sie wende «ein blindes statistisches Verfahren mit vielen methodischen Fragezeichen» an. Die Daten aus der Vergangenheit würden lediglich in die Zukunft fortgeschrieben, und auf die Meinung von unabhängigen Gutachtern sei verzichtet worden.

Laut den Zahlen der IIASA wächst die Weltbevölkerung bis 2050 auf 9,2 Milliarden, danach bis 2070 noch auf 9,4 Milliarden Menschen. In der Folge setze ein langsamer Schrumpfungsprozess ein. In dieser für die Forscher wahrscheinlichsten Variante leben im Jahr 2100 noch 9 Milliarden Menschen. Über 550 Experten hatten diese Studie begleitet. Sie sehen in der Bildung den «wichtigsten demografischen Faktor». Je gebildeter eine Frau sei, desto mehr könne sie den Entschluss fällen, Kinder zu kriegen und die Familiengrösse zu beeinflusssen, was schliesslich zu weniger Kindern führe, so Lutz.

Gegen die Prognose von IIASA stellt sich eine Studie der University of Washington. Forscher um Professor Adrian Raftery haben berechnet, dass das Bevölkerungswachstum bis 2100 anhalten wird. Anders als bei anderen Studien würden ihre Ergebnisse zeigen, dass Afrika stärker wachse als angenommen, erklären sie. Bis 2100 würde Afrika über vier Milliarden Menschen beherbergen. Die Weltbevölkerung werde deshalb auf bis zu 12,3 Milliarden Menschen ansteigen.

Düstere Untergangsszenarien

Der Club of Rome, der schon 1972 mit seiner Studie «Grenzen des Wachstums» für Furore gesorgt hat, hat sich vor zwei Jahren erneut an eine Prognose für 2052 herangewagt: 9,5 Milliarden Menschen, die Energie, Land, Wasser und Nahrung benötigten. Es sei also durchaus möglich, dass die Menschheit auf diesem Planeten nicht überlebe, malte Hauptautor Jorgen Randers schwarz. Szenarien hat es also für jeden Geschmack.