Thomas Minder bezeichnet die Initiative als «Exportschlager» und «Standortvorteil» für die Schweiz. Gleichzeitig betonen die Gegner, dass der Gegenvorschlag des Parlamentes die wichtigsten Forderungen der Initiative übernimmt. SVP-Nationalrat Christoph Blocher spricht von «80 bis 90 Prozent». Und in einer Mitteilung von Economiesuisse heisst es: «Der Gegenvorschlag geht in Vergütungsfragen weiter als die Initiative.» Dennoch investiert der Wirtschaftsdachverband acht Millionen Franken in die Nein-Kampagne. Ein Widerspruch?

Meinrad Vetter, Dossierverantwortlicher bei Economiesuisse, verneint. Er relativiert die Prozentzahlen: «Das ist Kaffeesatzleserei.» Ganz einfach deshalb, weil nicht alle 24 Forderungen der Initiative gleich bedeutsam seien. Vetter nennt drei Punkte, die der Wirtschaft Sorge bereiten, weil sie den Standort schwächen würden: die Strafbestimmungen, die verbindlichen Abstimmungen über die Vergütungen der Geschäftsleitung sowie den Stimmzwang für Pensionskassen.

Erschwerte Ansiedlungen

Zwar geht heute niemand ernsthaft davon aus, dass alteingesessene Unternehmen wie Novartis oder die UBS bei einem Ja zur Initiative aus der Schweiz abwandern würden. Doch die Ansiedlung neuer Unternehmen dürfte erschwert werden. Dies gilt insbesondere aufgrund der Strafbestimmungen, die die Initiative vorsieht. Verstösse sollen mit Freiheits- und Geldstrafen geahndet werden.

Hans-Ueli Vogt, Rechtsprofessor an der Universität Zürich, geht denn auch davon aus, dass sich diese Strafbestimmungen negativ auf die Schweiz auswirken, wenn eine Firma unterschiedliche Standorte evaluiert. «Strafrechtliche Verfahren schaffen für ein Unternehmen ein grösseres Reputationsrisiko als zivilrechtliche Verfahren», sagt Vogt. Doch er wendet auch ein, dass dieser Faktor in einer Gesamtwürdigung der Standortfaktoren von untergeordneter Bedeutung sei.

Meinrad Vetter von Economiesuisse verweist hingegen darauf, dass ausländische Unternehmen mit einer neuen Organisationsform die Minder-Bestimmungen umgehen könnten. So hat schon heute Glencore seinen Sitz in der Schweiz, ist aber an der Börse auf den Bermudas kotiert. «Firmen könnten in solche Corporate-Governance-Oasen ausweichen, wo nicht einmal internationale Mindeststandards gelten», sagt Vetter.

Auch Dominique Biedermann, als Chef der Anlagestiftung Ethos ein Vorkämpfer gegen exzessive Saläre, glaubt, dass sich ein Ja zur Initiative nachteilig auf den Standort auswirken würde, allerdings aus einem anderen Grund. Die Initiative sieht vor, dass die Generalversammlung bindend über die Löhne der Geschäftsleitung abstimmen soll. Für Biedermann ist klar: «Wenn ein Verwaltungsrat ein Geschäftsleitungsmitglied engagiert, muss er auch den Lohn fixieren können.» Muss nun aber die Generalversammlung über den Lohn befinden, erschwere dies die Personalrekrutierung von Managern. Biedermann glaubt deshalb nicht, dass grosse Firmen wie Transocean oder Weatherford bei einem Ja zur Initiative noch in die Schweiz gekommen wären: «Es wäre zu kompliziert, eine Geschäftsleitung zur rekrutieren», sagt Biedermann.

Was würde übernommen?

Für den Ethos-Chef sind zwei Punkte entscheidend: Beim Gegenvorschlag des Parlamentes muss die Generalversammlung über den Vergütungsbericht abstimmen. Zudem können bereits Aktionäre, die lediglich 0,25 Prozent des Kapitals stellen, einen Antrag zur Änderung eben dieses Vergütungsreglements einreichen. «Das ist wirkungsvoller als bindende Abstimmungen über Geschäftsleitungslöhne», sagt Biedermann.

Der Ethos-Chef bestätigt den Befund der Gegner, dass der Gegenvorschlag in einzelnen Punkten weiter geht als die Initiative. So hält er die ausgebaute Rückerstattungsklage für überrissene Saläre für effizienter als die Strafandrohungen der Abzockerinitiative.

Rechtsprofessor Vogt wendet hingegen ein, dass bei einem Ja zur Initiative viele Punkte des indirekten Gegenvorschlages wohl übernommen würden. «Die Verschärfung der Rückerstattungsklage war schon geplant, als noch nicht feststand, dass es einen indirekten Gegenvorschlag zur Minder-Initiative geben wird», sagt Vogt.

Biedermann würde diese Wette nach dem langen parlamentarischen Ringen um den Gegenvorschlag nicht eingehen. Dies ist übrigens ein weiterer Grund, weshalb die Wirtschaft mit viel Geld gegen die Initiative kämpft: Bei einem Nein träte der indirekte Gegenvorschlag in Kraft - und die Firmen hätten wieder Rechtssicherheit.