Ob Pflegefinanzierung, Altersvorsorge oder Ergänzungsleistungen: Wenn ein Sozialwerk die alternde Bevölkerung besonders zu spüren bekommt, dreht sich die Frage nur darum, die «Problematik» des Älterwerdens, der unaufhaltbaren demografische Entwicklung zu lösen.

Die Politik sucht seit Jahren nach Ansätzen, wie die Renten und Pflegeleistungen für die steigende Zahl der Betagten und Hochbetagten finanziert werden soll. Bisher erfolglos. Zuletzt scheiterte im September die Altersreform – auch weil die Jungen das Gefühl hatten, die Renten der älteren Generation alleine über zusätzliche Abgaben finanzieren zu müssen.

Gleichzeitig fühlten sich die Alten übergangen, da der versprochene Rentenzuschlag à 70 Franken pro Monat ausschliesslich Neurentnern zugutegekommen wäre. Die Gegner beschworen als Abstimmungstaktik einen Generationenkonflikt herauf und schafften es so, die Vorlage an der Urne zu versenken.

Zunächst: Das Bild korrigieren

Die Sichtweise jung gegen alt stört Peter Gross, emeritierter Soziologieprofessor der Universität St. Gallen. Schon lange plädiert er für ein positiveres Bild des Älterwerdens. Die Langlebigkeit sei eine «zivilisatorische Errungenschaft», die in der Gesellschaft und vor allem auch der Politik viel zu wenig Anerkennung erhalte. «Das Altern moderner Gesellschaften wird immer noch hauptsächlich als Kostenfaktor, als Klotz am Bein angesehen», moniert er. Dabei würde ein positiveres Bild viele Probleme lösen.

Gross formuliert drei Gegenthesen zum Generationenkonflikt. Dabei geht es ihm darum, von der vorherrschenden Idee wegzukommen, dass die Alten den Jungen hauptsächlich auf der Tasche liegen:

  • Nicht «die Jungen» finanzieren die Renten, sondern Erwerbstätige

Je höher der Lohn, desto höher der AHV-Beitrag. Und da ältere Arbeitnehmer meist mehr verdienen, zahlen sie auch höhere Beiträge in die AHV als junge Kollegen. Gleichzeitig impliziert Gross, dass auch Pensionierte ihren Beitrag beisteuern, wenn sie denn noch arbeiten können oder dürfen.

  • Rentner bezahlen viel ihres Beitrags über verschiedene Steuern

Die Rentner bezahlen ihren gesellschaftlichen und finanziellen Beitrag über Einkommens- und Vermögenssteuern, über Mehrwertsteuern, höhere Krankenkassenprämien, Erbschaften und unentgeltliche Leistungen, wie das Hüten von Enkelkindern. Oftmals pflegen Pensionierte ihre hochbetagten Eltern oder ihren Partner. Zudem vergessen laut Peter Gross viele Junge, dass Bildung hauptsächlich über Steuern finanziert wird – und also stark von den Alten mitgetragen wird.

  • Eine Verjüngung der Gesellschaft ist nicht wünschenswert

«Wenn wir Gesellschaften vergleichen, die in der Mischung mehr junge als ältere Personen haben, sehen wir, dass es ihnen wirtschaftlich meist schlechter geht», sagt Gross. «Das Gerangel um Arbeitsplätze fällt bei uns weitgehend weg.» Die Schweiz stehe eher vor dem Problem,  dass (Lehr-)- Stellen nicht besetzt werden können. Als weiteren Vorteil nennt Gross die Ruhe und den Frieden einer verhältnismässig älteren Gesellschaft.

Alte Zöpfe abschneiden

Aus diesen Prämissen skizziert Peter Gross neue Wege, um die alternde Bevölkerung besser im Alltag zu integrieren. Er fordert von der Wirtschaft und Gesellschaft, über 65-Jährige stärker als wirtschaftlichen Faktor einzusetzen und auch wahrzunehmen. Ein pensionierter Mann ist nicht nur Steuerzahler oder Gratis-Hüte-Dienst, sondern vor allem auch Konsument und Erwerbstätiger. Damit dieses Umdenken gelingt, müssen Weichen neu gestellt werden.

Am dringlichsten hält er die Aufhebung der «Zwangspensionierung». Fast jeder zweite Pensionär würde heute gerne weiterarbeiten, aber nur jeder fünfte kann diesem Wunsch auch nachkommen. Viele Arbeitnehmende fallen einer (gesetzlichen) Altersguillotine zum Opfer: So werden Professoren mit 65 emeritiert, Beamte bis vor ein paar Jahren gerne auch in die Frühpension geschickt.

Erst langsam findet in öffentlichen Betrieben ein Umdenken statt. So führt der Verkehrsverbund der Stadt Zürich ein Pilotprojekt durch, bei welchem Tramchauffeure in gutem Gesundheitszustand nach 65 weiter arbeiten können, wenn sie das wollen. Für Peter Gross ist die Anpassung längst überfällig: «Gegen oben muss die Pensionierung komplett flexibel sein. Wer länger arbeiten will und kann, soll das auch dürfen.»

Markt für Alte öffnen

Freilich ist sich auch der Soziologe der Problematik bewusst, dass der Arbeitsmarkt nicht aktiv nach älteren Arbeitnehmern sucht. Deshalb verlangt er ein Umdenken der Wirtschaft. Der Markt hat verschiedene Nischen entdeckt, sich etwa auf Familien, Studenten oder Single-Haushalte spezialisiert. Gross bemängelt, dass es bisher nicht oder nur ungenügend gelungen ist, Produkte spezifisch für ältere Personen zu entwickeln. «Die Finger eines 75-Jährigen sind nicht mehr so flink, um Milchpackungen zu öffnen», führt er als Beispiel an.

Die Wirtschaft habe noch zu wenig erkannt, welches Potenzial in der Generation der über 65-Jährigen liegt. Das gelte nicht nur in Bezug auf den Konsum, sondern vor allem auch auf die Entwicklung neuer Produkte: «Um die Bedürfnisse der älteren Bevölkerung zu kennen, muss sie aktiv in die Arbeitswelt eingebunden werden.» Gross spricht von einer «Harmonisierung» von Angebot und Nachfrage. Die Situation heute sei paradox: «Während die Kunden immer älter werden, pflegen die meisten Unternehmen nach wie vor einen Jugendwahn und sprechen, auch angesichts der digitalen Herausforderungen, einer Verjüngung der Belegschaften das Wort.»

Einen neuen Sinn finden

Da das Alter auch mit Strapazen und Krankheit begleitet wird, wünscht sich Gross schliesslich auch ein Umdenken der älteren Generation. Wenn Arbeit und Hobbys plötzlich wegfallen, fehlt vielen eine sinnstiftende Aufgabe. Deshalb will er die Menschen dazu ermutigen, sich nicht nur materiell für das Alter abzusichern, sondern eine Sinnhaftigkeit im Altern zu entdecken. Ein Beispiel sind sogenannte Zeitbörsen: Wer seine Zeit einem anderen Menschen widmet, erhält diese gutgeschrieben und kann sie zu einem späteren Zeitpunkt abrufen und selber davon profitieren. Damit leisten sie nicht nur einen Beitrag zur Generationengerechtigkeit, der Umgang mit einsamen oder bedürftigen Menschen ergibt den Menschen einen Sinn.