Mord, nichts weniger. Das verheisst die Nacht der langen Messer. Es ist jene Nacht, die einer Bundesratswahl den ihr gebührenden Teppich ausrollt, und der ist blutrot. Diese Nacht macht aus Kandidaten Magistraten, denn erst mit ihrem Morgen haben sie die Intrigen unter der Kuppel in ihrer spitzesten Form ausgefochten. Unerfahrene mögen schnöden, nur zweitrangige Politiker sonnten sich an diesem Vorglüh-Event im Licht der Kamerateams. Doch wer so denkt, entlarvt sich sofort als Amateur. Stunden vor der Wahl ist alles wichtig. Der Weisswein in der Hand des SP-Fraktionschefs: ein Signal für Walliserin Amherd? Oder sprachen sich da grad im Untergeschoss zwei Parteipräsidenten klandestin für Keller-Sutter aus?

Die Nervosität ist greifbar in dieser Nacht zwischen Macht und Ohnmacht. Sie beginnt, wo alles beginnt, was mit Politik zu tun hat: an einem Apéro. Schliesslich gilt für Bern „in vino meritas“. Schauplatz Hotel Bellevue, Heim der Schönen und Reichen, aber heute ganz für die Politik reserviert. Am Vorabend einer Bundesratswahl geniessen auch Genossen mal ein Cüpli für schlappe 13 Franken. Sinnigerweise veranstaltet die Organisation Interpharma gleichentags und gleichenorts einen Anlass. Während im ersten Stock die Wirtschaft bei Gästen lobbyiert, floriert in der Lobby die Gastwirtschaft.

Die Journalisten-Zauberformel

Welche Bedeutung diesem Anlass zukommt, lässt sich schon an der Journalistendichte bemessen: Dicht an dichter wuseln sie durch das Gedränge, drapiert um den üppigen Weihnachtsbaum. Auch in diesem Jahr bewährte sich die Zauberformel „Drei Journalisten für einen Politiker“: Einer stellt Fragen, einer schreibt und einer stellt das Geschriebene in Frage. Zu Beginn sind es mehr Journalisten als Politiker. Am Ende auch wieder. Vielleicht lässt sich so doch noch herausfinden, was denn die Lieblingsgonfi der werdenden Bundesrätinnen sei? Die gefühlt 78 Liveticker der noch gefühlt vier Medienhäuser lassen diese Frage bislang unbeantwortet. Vielleicht weil die Kandidierenden zu den grossen Abwesenden gehören an diesem Abend. Ohnehin: Wer den Volksvertretern wirklich nahe kommen will, muss nach draussen. Drinnen rauchen die Köpfe, draussen die Raucher. So vornehm ist dieser Anlass, dass ein Hotelangestellter nur damit beschäftigt ist, die achtlos weggeworfenen Stummel zu sammeln.

Ein solcher Abend ist auch das Defilee der bekanntesten Politexperten des Landes. Welche Sieger sie wittern, twittern sofort alle nach. Das Stimmengewirr im Saal ist indes enorm, es ist laut, grauenhaft laut. So laut, dass man SICH SELBST AUF SOCIAL MEDIA MIT GROSSBUCHSTABEN GEHÖR VERSCHAFFEN MUSS. Lieber nimmt man’s dabei mit der Wahrheit nicht so genau, als gar nicht wahrgenommen zu werden. Während sich die Fässer leeren und der Pegel steigt, blicken die ersten immer tiefer ins Glas. Es handelt sich dabei um eine ganz besondere Form der Prophezeiung ­‑ doch fällt es zuweilen schwer, die Sätze der in Trance Verfallenen korrekt zu verstehen.

Nach und nach löst sich die Szene: zuerst die Politiker, dann die Experten, zuletzt die Journalisten. Der Morgen hält Einzug in Bern und die kurze Nacht der langen Messer findet ihr Ende. Abgesehen von einigen etwas bleichen Gesichtern hat sich ihr Ruf in diesem Jahr nicht bestätigt, zumindest nicht im schönen Hotel Bellevue. Wenn es einen Tatort gibt, dann höchstens das Smartphone. Aber eine „Nacht der langen SMS“? Kein Stoff für einen Krimi ­– und schon gar nicht für einen blutroten Teppich.