Die Schweizer Spitzenforscher sind besorgt: Falls das institutionelle Rahmenabkommen bachab geht, droht das vorläufige Aus der Forschungszusammenarbeit mit der EU: «Es besteht das Risiko, dass die Schweiz ausgeschlossen wird», sagte ETH-Präsident Joël Mesot gestern in Brüssel (siehe Kurzinterview unten).

Zusammen mit Martin Vetterli, Präsident der ETH Lausanne, und Gian-Luca Bona, Direktor der Empa-Forschungsanstalt, traf Mesot am Rande einer Fachkonferenz auch eine EU-Delegation aus dem Bereich Forschung und Innovation. Dabei habe man sich der exzellenten Forschungs-Kooperation zwischen der Schweiz und der EU versichert. Unklar blieb jedoch, wie es bei einem Nein zum institutionellen Rahmenvertrag weitergehen würde. Denkbar ist, dass die EU dann die Assoziierungs-Verhandlungen zum Forschungsprogramm «Horizon Europe» zurückhalten würde und die Schweiz ab 2021 vom Zugang zu den EU-Fördernetzwerken abgeschnitten wäre.

Dabei geht es um viel Geld: Die EU will den Etat für das neue «Horizon Europe»-Forschungsprogramm auf 100 Milliarden Euro aufstocken. Es ist das grösste Förderprogramm für Wissenschafter und Wissenschafterinnen weltweit.

Von den EU-Milliarden hat die Schweiz denn auch gut profitiert. In den Jahren 2007 bis 2014 flossen 233 Millionen Franken mehr ins Land, als nach Brüssel überwiesen wurde. In der bis 2020 laufenden Periode besteht zwar noch ein Ungleichgewicht zuungunsten der Schweiz. Dies aber nur, weil die EU im Jahr 2014 als Reaktion auf die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative die Schweiz schon mal vorübergehend ausgesperrt hatte und in dieser Zeit Projekte gar nicht oder nur eingeschränkt gefördert wurden.

Im selben Topf wie die Briten

Aber selbst wenn die Vollassoziierung wieder klappen sollte, muss sich die Schweizer Forschung auf einen schlechteren Zugang einstellen. Schuld ist der Brexit: Die EU regelt im Hinblick auf den Austritt des Vereinigten Königreichs ihre Zugangsmodalitäten für Drittländer neu. Die Schweiz dürfte sich dann nicht mehr in der Kategorie der EWR-Länder Norwegen, Liechtenstein und Island wiederfinden, sondern im selben Topf wie Grossbritannien. Die Folge könnte sein, dass die Schweiz nicht mehr vollumfänglich um die sogenannten «ERC-Grants», die eigentliche Königsdisziplin in der Wissenschaftsförderung, konkurrieren könnte.

Mit der neuen Rahmenrichtlinie zu «Horizon Europe» will die EU ausserdem die Vergabepraxis ändern. Bislang wurden die Fördergelder jeweils an die besten Projekte und Forschenden vergeben. Die Schweiz räumte da mit ihren guten Unis regelmässig ab. Auch Grossbritannien gehört mit seinen Top-Hochschulen nach Deutschland zu den grössten Empfängern von ECR-Grants.

Ein Änderungsvorschlag des EU-Parlaments sieht nun vor, dass alle zwei Jahre eine Korrektur stattfindet, um mögliche Ungleichgewichte zwischen den eingezahlten Beiträgen und den zugesprochenen Förderungen auszugleichen.

Der 55-Jährige ist seit 1. Januar Präsident der ETH Zürich. Davor war er über 10 Jahre Direktor des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) in Villigen.

Joël Mesot

Der 55-Jährige ist seit 1. Januar Präsident der ETH Zürich. Davor war er über 10 Jahre Direktor des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) in Villigen.