Die Anwälte kennen einander. Bereits 2017 standen sich die zwei Rechtsexperten in der Causa «Kristina» gegenüber. Auch damals ging es um das Thema ­In-vitro-Fertilisation, schliesslich verglich man sich. 2017 ging es um zwei «Geschwister». Während Kristina nicht von ihrem vermeintlichen Vater abstammte, waren bei ihrer «Schwester» beide Elternteile nicht die angenommenen. Kristina versuchte damals ihren leiblichen Vater zu ­finden.

Nun ist diese Form der künstlichen Befruchtung erneut Gegenstand eines Zivilprozesses. Eine 43-jährige Thurgauerin klagt und erhebt mehrere Vorwürfe gegen die von ihr im Jahr 2015 aufgesuchte medizinische Einrichtung, die sich auf In-vitro-Fertilisation spezialisiert hat.

Streit um Therapieplan

Nachdem die Frau bereits mehrere erfolglose Behandlungen hinter sich hatte, wandte sie sich an den Vorarlberger Spezialisten. Sie wurde ausreichend aufgeklärt, ein Therapieplan erstellt. Hormonbehandlung, Gewinnung der Eizellen, Befruchtung, Zurücksetzen der zwei entstandenen Embryonen in die Gebärmutter. Doch dann beginnt bereits der Streit um Anzahl, Dokumentation und weiteren Verlauf.

Die Patientin geht in ihrer Klage davon aus, dass zunächst zwei sogenannte Blastozysten, das sind Entwicklungsstadien der Eizellen nach der Befruchtung, transferiert wurden. Vier, so die 43-Jährige, seien in Stickstoff eingefroren worden. Nachdem der erste Versuch, doch noch ein Kind zu bekommen, fehlschlug, versuchte man es ein zweites Mal mit den aufgetauten Embryonen.

Ab hier wird die Sache sehr verwirrend. Die Klage geht davon aus, dass der Patientin «falsche» Eizellen eingepflanzt wurden. Das heisst: Eizellen einer anderen Frau, befruchtet mit dem Spermium eines fremden Mannes. «Das kann ich definitiv ausschliessen, das muss ich klipp und klar sagen», kontert der Geschäftsführer des medizinischen Zentrums. Auch beim zweiten Versuch kam es zu einer Fehlgeburt. Nach Rechnung der Patientin müssen noch zwei weitere befruchtete Eizellen existieren. Deren Herausgabe verlangt sie jetzt.

Sicht der Beklagten

Nach dem Transfer der zwei qualitativ besten Blastozysten seien laut der medizinischen Einrichtung vier übrig geblieben. Nach gründlicher Beurteilung der Qualität wurden laut Protokoll lediglich zwei eingefroren. Es sei nämlich wichtig, dass die Blastozysten eine bestimmte Qualität aufweisen, um Einfrieren und Auftauen gut zu überstehen.

Das medizinische Zentrum verfüge über ein Softwaresystem, welches verschiedene Protokolle miteinander verknüpfe und Manipulationen ausschliesse. Man habe Unterlagen nicht «zögerlich» herausgerückt, wie behauptet, nichts vertuscht. Die Beklagte führt schriftlich auch an, dass die Patientin die Kosten ihrer Behandlung nicht bezahlt habe, weshalb ein Anwalt eingeschaltet wurde. Als Reaktion wäre dann die Kritik an der Behandlung gekommen, so der Beklagtenvertreter. Das Angebot, die Sache von der objektiven Stelle der Patientenanwaltschaft untersuchen zu lassen, habe man abgelehnt. «Wir sind zu Gericht gegangen, weil wir die Sache von einem Gericht entschieden haben wollen», hält der Klagsvertreter fest.

Die Klägerin begehrt 10'000 Euro Schmerzensgeld für die psychische Belastung. Von nebulösen Vermutungen, Trittbrettfahrern und Geschäftsschädigung spricht die Gegenseite. Der Prozess kreist um komplexe biologische Vorgänge, um Patientenidentifikationscodes und schwer durchschaubare Dokumentationsvorschriften. Nach mehrstündiger Verhandlung ist klar, dass ein Computerexperte und weitere Zeugen benötigt werden, weshalb der Prozess vertagt wird.