Theater soll begeistern, packen, anregen und auch provozieren. Die Premiere der Offenbach-Trouvaille (mit der berühmten, aus «Hoffmanns Erzählungen» bekannten Barcarole als Leitmotiv) erfüllt jeden Aspekt. Besser kann man den in Frankreich wirkenden Deutschen, dessen Todestag sich 2019 zum 200. Male jähren wird, nicht ehren, als mit der Wiederentdeckung der romantischen Oper «Les fées du Rhin / Die Rheinnixen». Tobs bringt das Werk in einer zweisprachigen, deutsch-französischen Fassung als Schweizer Erstaufführung und in einer Koproduktion mit der Opéra de Tours auf die Bühne.

Pierre-Emmanuel Rousseau inszeniert einen unter die Haut gehenden Abend, indem er die während des Pfälzischen Ritterkrieges spielende Handlung nach Bosnien verlegt, wo zwischen 1992 und 1995 schreckliche Gräuel passierten. Auf einer Waldlichtung treiben die Soldaten auf Befehl von Capitaine Conrad die Dorffrauen zusammen, bedrohen, quälen und vergewaltigen. Dabei wird nichts der Fantasie überlassen, sondern reales Geschehen projiziert. Im Prinzip abstossende Bilder. Doch verstärken gerade sie das Mitempfinden für das Schicksal von Hedwig und Laura, Mutter und Tochter als Opfer der Schergen. Pierre-Emanuel Rousseau, der auch für Kostüme und Ausstattung zeichnet, zeigt Krieg und Missbrauch nicht diskret verbrämt, sondern brutal-realistisch – und bis in Nuancen glaubhaft gespielt.

Poetische Ästhetik findet er für Gottfrieds Gebet und das «Ballett», den Grande Valse im Feenreich. Einziger Kritikpunkt: Offenbach wollte eine pazifistische Oper mit einem Happy-End schreiben, gewährt den Protagonisten das Überleben. Bei Rousseau gibt es kein Entkommen, eine Gewehrsalve tötet alle. Dabei bleibt er einfach seinem Konzept treu: Krieg ist nicht romantisch, sondern schrecklich und brachial. Der Bieler Opernabend avanciert zum mit minutenlangen Ovationen gefeierten Hit, für manche Tours-Kritiker aber offenbar zum Ärgernis.

Obschon den Akteuren aufwühlende Szenen gelingen. Altistin Marie Gautrot und Sopranistin Serenad Uyar gehörten zum Premieren-Ensemble der Opéra Tours, singen und spielen sich in die Herzen des Publikums. Glühend patriotisch und zart verletzlich gestaltet Uydar das deutsch gesungene Vaterlandslied, lässt als Laura einzig in der Höhe auch schrill gefärbte Töne vernehmen. Marie Gautrot alias Hedwig hasst ihr Schicksal und die Männer. Schönsingen ist ihre Sache nicht. Sie ordnet den reinen Klang den Emotionen unter, verbrennt sich als Mutter eines Soldatenkindes. Lisandro Abadie liebt als orthodoxer Priester Gottfried die in Franz verliebte Laura, singt mit warmer Bassfülle und dem Habit eines noblen Charakters. Yi-An Chen lässt als Bauer und Soldat aufhorchen. Gustavo Quaresma schlüpft in die Psyche des verwirrten Franz, ohne den sängerischen Anforderungen ebenso eloquent zu genügen.

Unangefochten auf überragendem Niveau präsentiert sich Leonardo Galeazzi als Conrad. Der Bariton gebietet über einen Farbenreichtum und eine Ausdruckskraft, die staunend machen. Wandelt sich vom Vergewaltiger und Mörder zum bereuenden Vater und opferbereiten Humanisten. Kniet er vor der Mutter seines im Kriegsrausch gezeugten Kindes, bittet um ihre Verzeihen, erlebt nicht nur der Sänger Galeazzi einen Höhepunkt, sondern auch Offenbachs Musik, erinnert an «Contessa perdona» aus «Figaros Hochzeit», schwingt sich zu mozartscher Tiefe auf.

Wenn Dirigent Benjamin Pionnier die Lautstärke noch ein wenig drosselt und beim gut disponierten Orchester und Chor mehr Feinarbeit liefert, werden die Rheinnixen auch musikalisch zum Ereignis.

Premiere im Stadttheater Solothurn: Freitag, 30. November, 19.30 Uhr.