Ein kleiner weisser Sarg steht im Haus von Eva Finkam, geschmückt mit bunten Holzvöglein und Rosenblättern aus dem Garten. Der Tod gehört zum Leben der Attiswilerin. Sie ist auf die Bestattung von Kindern spezialisiert. «Wenn in einer Familie ein Kind stirbt, dann beginnt ein Stück Lebensweg, das man eigentlich gar nicht gehen kann», sagt sie.

In solchen Situationen tut sie, was Bestatter tun: Behördengänge erledigen, helfen, unterstützen. Doch Finkam geht ein Stück weiter in der Begleitung. Bis zum Schliessen des Sargdeckels will sie mit den Eltern eine «Erinnerungskultur» schaffen. «Zwischen Tod und Bestattung habe ich die letzte Gelegenheit, um nochmals Andenken und Erinnerungen zu schaffen. Was man jetzt nicht tut, kann man nie mehr nachholen», sagt die Frau mit den blonden Haaren und den weichen Gesichtszügen.

Der Kindersarg mit Blumen.

Der Kindersarg mit Blumen.

Eva Finkam ist selbst Mutter dreier Jugendlicher. «Der Tod ist leider noch immer ein Tabu. Er wird verdrängt statt gelebt», sagt die gebürtige Emmentalerin. «Früher war es ein natürlicher Teil unserer Trauerkultur, dass wir unsere verstorbenen Familienmitglieder daheim in der Stube schön zurechtgemacht haben.» Finkam will alte Rituale wieder aufnehmen und leben. Man soll keine Hemmungen haben, das Kind selber zu pflegen, etwa einzuölen.

Man soll als Variante den Körper mit Tüchern für die letzte Reise einhüllen dürfen, statt ihn einzukleiden, man darf das Kind ein letztes Mal kämmen. «Durch simple äussere Handlungen wird es einfacher, die inneren Abschiedsschritte zu tun», sagt Finkam. Auch deshalb schlägt sie Eltern vor, das tote Kind vielleicht nochmals nach Hause zu nehmen, es aufzubahren, bei ihm Zeit zu verbringen, mit ihm zu beten oder zu singen oder einfach bei ihm zu sein: «Die Aufbahrung zu Hause ist natürlich. Und mit kühl gehaltenem Zimmer einfach möglich.»

Die Urnen liegen gut in der Hand

Aus einer grossen Stofftasche holt Finkam ein Sargkörbchen aus geflochtenen Weiden hervor, öffnet es. Die Stoffe innen sind weich. Die Eltern können, wenn sie wollen, den Stoffeinsatz selbst nähen; vielleicht aus einem Kleidungsstück, das dem Kind gefiel, vielleicht aus einem Hemd des Vaters. Alles darf – und soll – die Familie selbst entscheiden. Jeder Schritt, der in diesem letzten Moment getan wird, soll überlegt sein. Behutsame Handlungen sollen die Eltern nochmals dem Kind nahe bringen. «In diesem Moment werden die Weichen für eine gelingende Trauerverarbeitung gestellt.»

Vielleicht näht eine Mutter aus dem «Nuscheli» selbst eine Stoffurne, vielleicht kaufen sie dem Kind nochmals ein Schleckzeugsäckli oder den Jugendlichen eine Musik-CD. «Angehörige trauen sich zu Beginn meist nicht viel zu. Aber wenn es geschehen ist, hat es noch niemand bereut», sagt sie. Man müsse den Eltern einfach die nötige Zeit für diese letzten Liebesdienste lassen, die sie oft zuerst selbst herausfinden müssen, was sie sein sollen.

Auf dem Tisch stehen die pastellfarbenen Urnen, die Finkam selbst entworfen hat. Grössere, kleinere. Viel zu klein sind alle. «Sie liegen gut in der Hand, damit sie Eltern tragen können», sagt die Bestatterin, die zuerst die klassischen Ausbildungsmodule absolvierte und heute bei besonderen Wünschen für «eine entschleunigte Bestattung» auch erwachsene Verstorbene auf die letzte Reise begleitet. Eine Handvoll Kinderbestattungen führt Finkam jährlich durch, seit sie 2016 ihre Firma Sternlichtbestattungen gegründet hat. Auf Kinder spezialisiert hat sie sich, nicht nur, weil die ausgebildete Betreuungsfachfrau hier enger mit den Eltern arbeiten kann. Sie hat auch festgestellt, dass entsprechende Angebote trotz der grossen Tragik für die Betroffenen fehlen. Tätig ist sie schweizweit.

Finkam geht ungewohnt offen mit dem Thema Tod um, sie zeigt, dass er im Alltag präsent ist. «Ich merke immer wieder, dass der Tod für viele Menschen ein ungewohntes Thema ist», sagt sie. «Für mich ist der Tod ein Übergang und kein Ende.» Für ihren Mann und die drei Teenager gehört der Beruf der Mutter zum Alltag.

Den Geschwistern Raum geben

Offen mit dem Tod umzugehen und das Umfeld einzubeziehen, das rät Finkam allen Eltern. «Die grosse Gefahr besteht, dass Zurückgebliebene zu Alleingebliebenen werden.» Wer andere einbeziehe, verhindere, dass diese bei der nächsten Begegnung nicht wissen, wie sie reagieren sollen und sich aus Scham abwenden.

Aber so oder so bleibt ein Paar zurück, bleiben Geschwister zurück. «Geschwister sollen die Wahrheit erfahren», sagt Finkam. «Sie sollen wissen, dass sie weinen dürfen. Dazu brauchen sie das Vorbild und die Bestärkung von ihren Eltern, so zu trauern, wie es ihnen gerade zumute ist.» Erklärt werden müsse der Todesfall aber dem Alter angepasst.

Jeder trauere auf seine Art, Männer und Frauen aber oft unterschiedlich, sagt Finkam. «Aber nichts am Trauern ist falsch.» Man müsse sich Raum geben und akzeptieren lernen, dass der Partner auf seine Art mit dem Schicksalsschlag umgeht. «Jeder Schritt braucht in einer solchen Situation Zeit», sagt sie aus Erfahrung. «Wichtig ist, dass sich die Familie selbst einbringen kann.» Ganz genau bespricht sie mit den Eltern den Moment der Sargschliessung. Es ist der letzte Anblick. Für immer.