An Abstimmungssonntagen erhält das Rodersdorfer Wahlbüro regelmässig einen Anruf des Kantons Solothurn. Ob denn in der Gemeinde im hinteren Leimental alles mit rechten Dingen zugegangen sei, möchten die Mitarbeiter des Oberamts wissen.

Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger in Rodersdorf votieren häufig deutlich linker als die allermeisten Gemeinden im Raum Basel. Ende September befürwortete man als einzige Ortschaft im Solothurnischen neben dem 29-Einwohner-Nest Kammersrohr die Fair-Food-Initiative. Selbst die progressive Stadt Basel lehnte die Volksinitiative ab. Wäre es nach dem Dorf im Bezirk Dorneck gegangen, hätte die Schweiz im Herbst 1989 sogar die Armee abgeschafft.

Viele Lehrer und Künstler

Seit Jahren tickt die 1300-Einwohner-Gemeinde politisch anders als die restliche Region. Unsere Suche nach Spuren, weshalb in der beschaulichen Ortschaft linke Ansichten auf einen guten Nährboden treffen, beginnt im 10er-Tram. Die längste internationale Tramlinie Europas endet in Rodersdorf. Gemächlich schlängelt sich das gelbe Tram durch das Leimental. Kurz bevor wir die Endstation erreichen, macht die Bahn einen Schlenker durch das französische Leymen.

Die Kinder, die mit dem Tram zur Schule fahren, wechseln zwischen Französisch, Deutsch und Schweizerdeutsch hin und her, wenn sie sich unterhalten. Ist es etwa die Nähe zu Frankreich, von dem Rodersdorf fast vollständig umgeben ist, die seine Einwohner stark beeinflusst? Der Kontakt zu Menschen aus dem Nachbarland quasi eine Voraussetzung dafür, um an der Urne liberal abzustimmen? Diese Gedanken nehmen wir mit, als wir an der Station in Rodersdorf das Tram verlassen.

Vorbei am geschlossenen Restaurant Bahnhof, das im Dezember wieder eröffnen soll, machen wir uns auf den Weg zu Max Eichenberger. Der Sozialdemokrat war von 2005 bis 2013 Gemeindepräsident von Rodersdorf. Der pensionierte Naturwissenschaftler lebt zusammen mit seiner Frau als Stockwerkeigentümer in einer Siedlung, welche die beiden Ende der 1980er-Jahre mitgegründet haben.

«Die Nähe zu Frankreich mag durchaus einen Einfluss darauf gehabt haben, dass sich einst ein anderer Schlag von Leuten hier ansiedelte», sagt er. Zuvor sei Rodersdorf ein Bauerndorf wie viele andere Ortschaften in der Region Basel gewesen.

Einen Umschwung habe vor allem der Bau des Gymnasiums Oberwil im Jahr 1972 mit sich gebracht. «All die Lehrerinnen und Lehrer mussten irgendwo wohnen – und viele entschieden sich, ins hintere Leimental zu ziehen», erklärt Eichenberger. Die moderaten Landpreise hätten das Übrige dazu beigetragen. Der Zuzug von Pädagogen habe eine Dynamik ausgelöst, die viele Künstler dazu brachte, sich in Rodersdorf niederzulassen. «Die vielen linksliberalen Menschen hier hinten haben auch unseren Entscheid, Basel zu verlassen, beeinflusst.» Für ihn, wie auch für viele Zuzüger, sei klar gewesen, dass man sich im Dorf engagieren möchte.

Eine Folge dieser Teilnahme am Dorfleben war ein Erstarken der Sozialdemokratie in Rodersdorf. Von den sieben Gemeinderatsmitgliedern gehören aktuell vier der SP an. In den vergangenen Jahren wurden etliche gemeinschaftliche Projekte aus der Taufe gehoben. Dazu gehört ein Patenprogramm für Asylsuchende, dank dem etwa ein Eritreer in einer Autogarage in Rodersdorf eine Lehre absolvieren kann. Wohl am bedeutendsten ist jedoch die Interessensgemeinschaft zur Rettung des vor der Schliessung bedrohten Dorfladens. Der Laden ist heute der wichtigste Treffpunkt der Gemeinde.

Dort treffen wir einen alteingesessenen Rodersdorfer, der zeigt, dass nicht alle Einwohner gleich denken. Der Senior steht dem Geschehen in seiner Gemeinde eher kritisch gegenüber. «Ich stelle eine Spaltung fest», sagt er. Es gebe im Dorf einige Personen, die sich mit den anderen Ansichten, die ins Dorf kamen, nicht anfreunden konnten. Der FDP-Gemeinderat Roland Matthes erklärt: «Auf der einen Seite sind die Anhänger der SP, auf der anderen die der Bürgerlichen. Es gibt in Rodersdorf nur schwarz oder weiss, was ich sehr schade finde.» Oft schon habe ein Entscheid der Gemeindeversammlung eine Motion nach sich gezogen.

Zusammenhalt im Dorf sei gross

Regelmässig im Dorfladen anzutreffen ist auch die wohl derzeit bekannteste Einwohnerin von Rodersdorf. Seit 2013 steht die Sozialdemokratin Karin Kälin Neuner-Jehle dem Dorf als Gemeindepräsidentin vor. Eine Spaltung kann auch sie nicht von der Hand weisen. Sie betont aber: «Der Zusammenhalt der Menschen ist hier gross.» Sie erlebe die meisten Rodersdorfer als offen und pragmatisch.

Im Solothurner Kantonsrat, dem sie seit letztem Jahr angehört, sei schon der eine oder andere Spruch gefallen. «Ich wurde schon gefragt, ob wir unseren Einwohnern etwas ins Trinkwasser mischen.»