Welche ersten Eindrücke haben Sie von der Stadt Coruña?

Fabian Schär: Sehr positive. Coruña ist eine schöne Stadt, für spanische Verhältnisse relativ klein. Und auch das Klima ist ganz gut, es ist nicht übertrieben heiss, also perfekte Bedingungen, um Fussball zu spielen. Die ersten Wochen habe ich im Hotel verbracht. Mittlerweile habe ich ein Häuschen bezogen. Die Einrichtung steht zwar noch nicht komplett, aber es ist schon mal ein Anfang.

Wie sieht es mit Ihren Spanisch-Kenntnissen aus?

Ich habe vor drei Wochen mit einem Kurs angefangen. Am meisten lerne ich natürlich im Alltag. Man ist die ganze Zeit irgendwie drin. Von meinen Mitspielern können nur drei oder vier englisch. Das ist vielleicht gar nicht schlecht, so komme ich schnell rein. Das «Fussball-Spanisch» habe ich schon einigermassen im Griff. Beim FCB hatten wir uns einst zu fünft vorgenommen, etwas spanisch zu lernen. Wobei nicht wirklich viel hängen geblieben ist, wir haben mehr Faxen gemacht als etwas anderes (lacht).

Beim FCB hat Fabian Schär nicht wirklich viel Spanisch lernen können

Beim FCB hat Fabian Schär nicht wirklich viel Spanisch lernen können

Der Start ist gleich spektakulär. La Coruña empfängt zu Hause Real Madrid. Wie stoppen Sie Bale, Kroos, Benzema und Co.?
Alleine wird es schwierig, das ist klar (lacht). Real zu Beginn, das ist natürlich eine Herkulesaufgabe. Primär freue ich mich auf die Herausforderung. Und wenn wir als Mannschaft eine absolute Top-Leistung einziehen – wer weiss…

Deportivo La Coruña hat goldene Zeiten erlebt. 2000 wurde das Team Meister. 2004 stand es im Halbfinal der Champions League. Spüren Sie die Sehnsucht nach den Erfolgstagen?

Ich merke schon, dass ich bei einem Verein spiele mit grosser Tradition. Deportivo ist einer der – in Anführungszeichen – wenigen spanischen Klubs, die Meister wurden. Und hatte tatsächlich glorreiche Zeiten. Doch mittlerweile sind die Erwartungen etwas zurückgegangen. Die letzten Jahre waren nicht einfach. Es gab auch einen Abstecher in die 2. Liga. Doch nun habe ich das Gefühl, dass wieder etwas im Aufbau ist und etwas Tolles entstehen kann. Ich hoffe natürlich, dazu auch entscheidend etwas beitragen zu können.

Sie sind der einzige Schweizer in der spanischen «La Liga». Nun sind sie also quasi der Botschafter für den Schweizer Fussball in ganz Spanien.

Darüber habe ich mir jetzt noch nicht allzu viele Gedanken gemacht. Was soll ich sagen? Ich will mich hier bestimmt nicht verstecken. Ich habe eine gewisse Erwartung an mich. Primär bin ich froh, dass ich an einem neuen Ort bei Null anfangen kann. Dann sehen wir, wie es sich entwickelt.

Fabian Schär ist der einzige Schweizer in der spanischen La Liga

Fabian Schär ist der einzige Schweizer in der spanischen La Liga

Von aussen betrachtet denkt man: Fabian Schär und die technisch geprägte spanische Liga – das könnte passen! Sehen Sie das ähnlich?

Absolut. Das ist auch der Grund, warum Spanien zuoberst auf meiner Wunschliste stand. Ich verfolge den Fussball verschiedenster Länder. In Spanien ist schon auffällig, dass alle 20 Mannschaften – plakativ gesagt – Fussball spielen können. Ich denke, ich passe da mit meinem Stil hinein. Auch der Trainer gab mir in den Gesprächen dieses Gefühl.

Nicht mehr dabei in der spanischen Meisterschaft ist Neymar. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der 222-Millionen-Ablösesumme gehört haben?

Das ist auf den ersten Blick eine Summe, bei der sich niemand so richtig vorstellen kann, dass ein einzelner Fussballer oder Mensch so viel wert sein kann. Ja, der Fussball und das Business haben sich enorm entwickelt in den letzten Jahren – aber diese Summe ist noch einmal eine andere Dimension, eine brutale Dimension. Andererseits glaube ich auch, dass Paris St. Germain diese Summe mit Trikotverkäufen und Werbeeinnahmen wieder generieren wird. Das haben vergangene Transfers auch schon gezeigt. Trotzdem: Ich weiss nicht, wo das noch alles hinführt in Zukunft. Irgendwie surreal.

Kommt man sich als Fussballer mittlerweile mehr als Ware denn als Mensch vor?

(Überlegt) Das ist jetzt schwierig, zu sagen. Als Ware nicht unbedingt. Aber klar ist: Das Fussball-Business glänzt nicht überall. Ich persönlich habe in den letzten zwei Jahren auch Situationen kennen gelernt, die nicht einfach sind – und die es in vielen anderen Berufsbereichen vielleicht weniger gibt. Einigen wir uns darauf, dass das Fussball-Business ein spezielles ist. Ich hoffe schon, dass sich der Fussball, und vor allem seine Begleitumstände, in Zukunft nicht immer krasser entwickeln wird. Am Ende sind auch wir Fussballer normale Menschen, die ganz normal angeschaut und behandelt werden möchten.

Schär hofft, dass sich das Fussball-Business in den nächsten Jahren nicht noch krasser entwickeln wird.

Schär hofft, dass sich das Fussball-Business in den nächsten Jahren nicht noch krasser entwickeln wird.

In Ihrer Profi-Karriere ging es lange nur in eine Richtung: aufwärts. Dann kam der Wechsel nach Hoffenheim. Und in diesen zwei Jahren mussten Sie einige Rückschläge verkraften. Wie schauen Sie auf die beiden letzten Saisons zurück?

Ich bin froh, dass ich weiterziehen konnte. Ich hatte bei Hoffenheim keine Perspektive mehr. Das war mir schon länger klar. Ich denke, dass es wohl in jeder Karriere solche Tiefs gibt. Bei einigen vielleicht ein bisschen extremer, bei einigen weniger. Dessen muss man sich bewusst sein. Nur: Das ist einfacher gesagt als getan.

Können Sie die Gefühlswelten, die Sie erlebten, etwas genauer beschreiben?

Ich habe manchmal die Freude am Fussball verloren. Vor allem im letzten halben Jahr. Weil ich sah, dass ich am Wochenende sowieso keine Chance erhalten würde, zu spielen, machte es nicht wirklich Spass, am Morgen aufzustehen und ins Training zu gehen. Früher bei Basel habe ich mir nie solche Gedanken gemacht. Da spielte ich immer – und habe mir auch gar nie überlegt, wie es ist, wenn man über längere Zeit nicht spielt. Nun habe ich diese Seite auch kennen gelernt. Und dabei auch mich selbst ein bisschen besser kennen gelernt. Das hilft mir sicher für die Zukunft. Auch wenn es nicht einfach war, die Motivation immer zu finden, gerade nach dem gescheiterten Wechsel im letzten Winter, habe ich immer versucht, positiv gestimmt zu bleiben. Die Rückmeldungen von Trainer und Verein bestätigen mich darin, dass es meist gelungen ist.

Sie sind ein Fussballer, der sich viele Gedanken macht. Ist das manchmal hinderlich?

Es wäre vielleicht schon gut, wenn ich über gewisse Dinge nicht so viel nachdenken würde. Aber so bin ich halt. Das ist mein Charakter und den möchte ich auch nicht ändern.

Zurück zur Gegenwart. Aus dem Duell mit Cristiano Ronaldo im ersten Saisonspiel wird wegen seiner Sperre dieses Wochenende noch nichts. Aber im Oktober reist die Schweiz in der WM-Qualifikation nach Portugal. Wie sehr ist dieses Spiel schon im Kopf?

Noch nicht allzu sehr. Der Kopf sagt: Die WM-Qualifikation wird noch ein ziemlich hartes Stück Arbeit. Aber im Moment bin ich gedanklich voll bei Deportivo La Coruña. Ich will mich hier gut integrieren, auf dem Platz gut beginnen. Das Ziel ist, wieder vollständig in Form zu finden – danach freue ich mich natürlich wie immer auch aufs Nationalteam.