Es war eine kleine Sensation, die der «Landbote» da im Oktober 2014 publik machte: Hans-Max Gamper (1877–1930) spielte für den FC Winterthur. Ein Spiel zwar nur, aber immerhin, der berühmte Gründer des FC Barcelona, weltbekannt unter dem Namen Joan (katalonisch für Hans) Gamper, spielte einst für den kleinen FC Winterthur.

Beim Durchwühlen des Klubarchivs stiess der Grafikdesigner Kai Jerzö auf die Dokumente. Jerzö recherchierte für sein Buch «FC Winterthur 1896–2016: 120 Jahre Klubgeschichte» und entdeckte, was bis dahin niemand wusste: Hans Gamper spielte in der Schweiz nicht nur für den FC Excelsior Zürich, den FC Zürich und den FC Basel, sondern auch für den FC Winterthur. Wie begabt der damals 19-Jährige war, belegen die Niederschriften vom 13. März 1897: Vier Tore erzielt Gamper beim 5:0-Triumph gegen «Victor» St. Gallen.

Ein Bezug zu Winterthur hat Gamper ohnehin: Hier erblickte Hans-Max am 22. November 1877 das Licht der Welt. Er ist eines von fünf Kindern. Doch als Mutter Rosine-Emma an Tuberkulose stirbt, zieht Vater August zurück in seine Heimatstadt Zürich. Hans hat sportliches Talent, ist ambitionierter Läufer und Velofahrer, spielt Tennis, Golf und Rugby. Doch der Fussball steht über allem.

Als 18-Jähriger ist er Mitgründer des FC Zürich, spielt später mit Sicherheit ein Spiel für den FC Basel. Weil er vom FCB angefragt wird, ob er für ein internationales Spiel gegen den FC Mülhausen die Basler verstärken möchte, so schrieb es seine Enkelin Emma Gamper vor fast zehn Jahren in der NZZ. Was heute undenkbar ist, war damals gang und gäbe.

«Mehr als ein Club»

Der Vater ist es, der Gamper dann dazu bewegt, die Schweiz zu verlassen. Sein Ziel: Fernando Poo, spanische Kolonie in Afrika. Dort wollte er helfen, den Zuckerhandel aufzubauen. Doch er bleibt in Barcelona hängen. Der Hafen, die Menschen aus aller Welt, die Sonne – Gamper verliebt sich in diese Stadt zwischen Pyrenäen und Mittelmeer.

Eines aber fehlt: ein Fussballklub. Gamper ist kein Zauderer. Per Zeitungsannonce sucht er Gleichgesinnte und gründet am 29. November 1899 mit anderen Pionieren den FC Barcelona. «Gamper behauptete, der Fussballklub müsse die Stadt vertreten und deshalb stolz ihren Namen weitertragen», schreibt seine Enkelin mehr als hundert Jahre später.

«Gamper behauptete, der Fussballklub müsse die Stadt vertreten und deshalb stolz ihren Namen weitertragen.»

Emma Gamper, Enkelin von Hans Gamper

«Gamper behauptete, der Fussballklub müsse die Stadt vertreten und deshalb stolz ihren Namen weitertragen.»

Die Katalanen springen auf. Der FC Barcelona wird zum Aushängeschild für sie, die sich nichts mehr wünschen als die Unabhängigkeit von Spanien. Das Motto «Mehr als ein Club» hat bis heute Bestand und ist zugleich politisches Statement.

Gamper ist Captain, schiesst zwischen 1899 und 1902 120 Tore in 51 Partien und hält bis heute den Rekord von 9 Toren in einer Partie. Nicht nur sportlich hinterlässt er Spuren: Neunmal ist Gamper Präsident des FC Barcelona, wann immer der Verein finanziell in der Krise steckt, hilft er. Das erste Stadion?Gebaut von Gamper.

«Més que un club (Mehr als ein Club)»

«Més que un club (Mehr als ein Club)»

Das Jahr 1925 verändert alles. Ein englisches Schiff bringt das Unheil. Joan Gamper, wie er sich in Barcelona nennt, lädt die Mannschaft ins Stadion ein. Die Musikkapelle spielt die spanische Nationalhymne. Ohne böse Gedanken. Doch das Publikum dreht durch, pfeift gnadenlos. Die Pfiffe werden von Diktator Primo de Rivera als Katalanismus gewertet und Gamper genötigt, zurückzutreten, und für drei Monate des Landes verwiesen.

Gamper geht zurück nach Zürich. Sein Klub, der FC Barcelona, wird für sechs Monate geschlossen. Seine letzten fünf Jahre sind schlecht dokumentiert. Laut seiner Enkelin verspekulierte er sich an der Börse mit Zuckeraktien, verlor sein ganzes Geld, als die Börse 1929 crashte.

Wenige Monate später, am 30. Juli 1930 erschoss sich Gamper an der Carrer Girona Nr. 4 in Barcelona. Zurück bleibt sein grosses Erbe. Und dazu gehört auch je ein Spiel für Basel und eines für Winterthur, die morgen im Cup-Halbfinal auf der Schützenwiese aufeinandertreffen.