Die Tabelle lügt nicht. So lautet eine von vielen und oft zitierten Fussballwahrheiten. Die einen davon sind gehaltvoller, die anderen weniger. Und diese ganz spezielle hat manchmal etwas mehr, manchmal etwas weniger Wahrheitsgehalt.

Wer die Tabelle der Super League anschaut, mag vielleicht denken, dass die 16 Punkte, die den FC Basel von den Berner Young Boys trennen, mitunter auch aus Wettkampfglück entstanden sind. Dass die Tabelle etwas gar deutlich ist, eine etwas schmeichelhaftere Distanz gerechter wäre. Aber tatsächlich lügt die Tabelle nicht. Die 16 Punkte Unterschied haben ihre Berechtigung. Jeder einzelne davon. Weil es für jeden Punkt mindestens eine Ursache gibt. Eine Auflistung.

1 Das Fehlen der Champions League lähmt

Es war eine ungeschriebene Regel in den letzten Jahren: Der FC Basel startet langsam in die Saison, muss sich erst warm- und einspielen, und nimmt in der Liga dann Fahrt auf, wenn die Gruppenphase der Champions oder Europa League beginnt. Der hohe Rhythmus hat dem FCB immer gutgetan. Nicht nur im letzten Jahr, als nach dem verpatzten Start die Euphorie der Champions League dafür gesorgt hat, dass es plötzlich auch in der Liga lief – und man bis Ende Hinrunde auf zwei Punkte an YB hat herankommen können.

In diesem Jahr aber stottert der Basler Motor. Auch Ende November noch. Weil etwas fehlt, das die letzten 17 Jahre immer da war: die Teilnahme am europäischen Geschäft. Ein FCB ohne Königsklasse ist ein FCB mit wenig spielerischer Klasse.

2 Der Ausverkauf des Kaders wirkt sich aus

Viel von dieser spielerischen Klasse hat der FCB aber auch selbst verschuldet verloren. In diesem Sommer, aber auch im letzten Winter. Dann nämlich, als man nach und nach die besten Spieler abgegeben und sie mit nicht gleichwertigen ersetzt hat. Die Folge: Das Kader des FCB ist dünn – obwohl es mit 29 Spielern auf dem Papier breiter ist als jenes der Young Boys, welches 25 Spieler umfasst.

3 Die Händchen des Sportchefs zahlt sich aus

Zwar nicht alleine dafür verantwortlich, aber immerhin das Gesicht der Basler Transferpolitik ist Sportchef Marco Streller. Doch soll an dieser Stelle nicht seine Arbeit kritisiert werden, sondern jene seines Pendants gelobt werden. Christoph Spycher ist einer der grössten Faktoren dafür, dass YB dem FCB enteilt ist. Seine Nase, sein Verhandlungsgeschick und sein Naturell sorgen dafür, dass YB eine Einheit ist. Auf dem Platz, aber auch neben dem Platz. Da wirft es den Verein nicht einmal aus der Bahn, wenn der Meistertrainer geht.

4 Die Probleme der Individuen überwiegen

So sehr YB als Einheit daherkommt, so sehr ist jeder Einzelne beim FC Basel mit sich selber beschäftigt. Qualität kann jeder aufweisen, aber die Individuen funktionieren nicht als Team. Ein Problem, das der FCB schon vor einem Jahr hatte, als Renato Steffen mahnte, jeder Spieler sei zu sehr mit sich selber beschäftigt. Damals wurde dieses Thema geklärt. Dank sensationellen Champions-League-Spielen, dank Spielern wie Steffen, Michael Lang, Manuel Akanji oder Tomas Vaclik. Aber eben ...

5 Das Bewusstsein über die Bedeutung des Klubs fehlt

Spieler wie ebendiese Langs, Steffens oder Akanjis waren auch Spieler, die wussten, für was für einen Klub sie spielen und was für ein Trikot sie sich Woche für Woche überstreifen. Wer sich im Umfeld des FCB bei einigen ehemaligen, aber auch aktuellen Mitarbeitern umhört, der hört einen Satz momentan immer wieder: Wenn man dem FCB zuschaut, hat man das Gefühl, die Spieler wüssten nicht, was für ein Trikot sie tragen. Denn wüssten sie es, würden sie sich anders präsentieren.

6 Die meisterliche Stärke in engen Spielen ist verloren

Eine Folge von Punkt fünf ist, dass auch die Gegner merken: Das ist nicht mehr der FCB von früher. So sagte Thun-Captain Denis Hediger vor einem Duell gegen die Basler, dass man spüre, dass der FCB verunsichert und gegen ihn etwas zu holen ist. Wie wahr das ist, zeigen die engen Spiele. Früher entschied der FCB sie für sich. Frei nach dem Motto: Auch wenn wir schlecht spielen, gewinnen wir. Eine meisterliche Qualität. Aber: Vom Meistertitel ist man so weit entfernt wie davon, enge Spiele entscheiden zu können.

7 Die Fehlbeurteilung des 5:1 im letzten Heimspiel gegen YB

Dass man nach dem Ausrutscher in der letzten Saison dieses Jahr wieder Meister werden könnte, daran hat man in Basel tatsächlich geglaubt. Schliesslich ist «das Kader 2018 besser als jenes von letztem Jahr» (Streller im Februar) und wurden «die Abgänge adäquat ersetzt» (ebenfalls Streller, dieses Mal im Juli).

Gestärkt wurden diese Eindrücke beim FCB von einem furiosen 5:1 am 10. Mai im Joggeli gegen YB. Ein Spiel, das zeigte, zu was man wirklich fähig sei – so glaubte man in Basel. Was dabei vergessen ging: YB war damals schon Meister.

8 Die Schwäche in den Heimspielen

Natürlich wusste man aber auch, dass man in gewissen Dingen besser werden muss, wenn man die vergangene Saison als einmalige Sache abtun möchte. Zum Beispiel wollte man wieder eine Heimmacht werden. Das Vorhaben scheiterte bereits im ersten Saisonspiel (1:2 gegen St. Gallen). Es wurde zwar besser, aus sieben Heimspielen gewann man vier. Aber: Nicht ein einziges Mal davon war das Dargebotene überzeugend oder erweckte den Eindruck vom Joggeli als Festung.

9 Die Schwäche in den Auswärtsspielen

Noch schlimmer als zu Hause aber ist es auswärts. Nur zwei von sieben Spielen auf fremdem Terrain konnte der FCB gewinnen. Zum Vergleich: YB schaffte dies in sechs von sieben Fällen.

10 Die Durchlässigkeit der Defensive

Eine Ursache für die mangelhaften Resultate ist die Defensive. Obwohl der FCB bereits 29 Tore geschossen hat, beträgt das Torverhältnis null. Mit 29 Gegentoren nach 15 Runden hat der FCB einen Wert, der Angst macht. In den letzten acht Jahren hatte er nach 36 Runden jeweils nur marginal mehr Gegentreffer aufzuweisen. Drei Beispiele: Ende letzte Saison waren es 36 Gegentore, 2017 35 und 2016 38.

11 Die Anzahl der Verletzungen hat zugenommen

Mit ein Grund für die Defensiv-Problematik ist der Ausfall von Abwehrchef und Captain Marek Suchy. Wie viele Tore er hätte verhindern können, ist nicht zu beantworten. Dafür aber die Frage, ob der FCB wieder mehr Verletzte zu beklagen hat. Mit Kevin Bua verletzte sich in Thun bereits der elfte Spieler in dieser Saison. Und es hört nicht auf: Valentin Stocker hat seit dieser Woche wieder Probleme mit dem Oberschenkel. Sein Einsatz gegen YB? Fraglich.

12 Die Unfähigkeit, Führungen über die Zeit zu bringen

Die vielen Verletzungen und die damit verbunden unumgänglichen Rotationen vor allem in der Abwehr führen auch dazu, dass die Mannschaft destabilisiert ist. Dieses Gefühl ist schwer greifbar, aber anhand von etwas erkennbar: Sie bricht oft ein, kann Vorsprünge nicht über die Zeit bringen. Nicht umsonst wäre man Leader, würde jeweils nach 45 Minuten abgepfiffen – und wäre man Letzter, würde nur die zweite Halbzeit zählen.

13 Die Offensivspieler brauchen zu lange für Tore

Dass man die Vorsprünge so einfach herschenkt, ist das Eine. Man verpasst aber auch, aus Chancen Tore und den Sack zuzumachen. Der FCB erspielt sich meist viele Möglichkeiten, nutzt aber viel zu wenige davon. Albian Ajeti ist der beste Basler Skorer, die grossen Knipser-Qualitäten gehen ihm aber ab. Er benötigt zu viel Zeit für ein Tor. Statistisch heisst das: Ajeti braucht 213 Minuten für ein Tor – Hoarau nur 89.

14 Die Last in der Offensive ist zu schlecht verteilt

Noch besser als Hoarau ist YBs Jean-Pierre Nsame. Er braucht gerade mal 75 Minuten. Auch die Werte von Christian Fassnacht (172 Minuten), Miralem Sulejmani (162) und Roger Assalé (186) sind besser als jene von Basels Bestem Ajeti. Sowieso: Die Berner Offensive ist viel breiter aufgestellt als jene des FCB. Die Last der Basler liegt auf den Schultern Ajetis und van Wolfswinkels. Nur sie zwei können fünf oder mehr Tore aufweisen. Bei YB gibt es sechs Spieler mit fünf oder mehr Toren.

15 Die Ansprüche an Resultate haben abgenommen

All diese Miseren haben auch dazu geführt, dass die Ansprüche kleiner und die Freude über kleine Erfolge grösser geworden sind. So freut sich der Klub auf Twitter über ein 1:1 gegen Luzern in letzter Minute so ausgiebig, dass es komisch anmutet. Und so sprechen Spieler nach einer schlechten Leistung und einem 1:1 davon, wie gut man defensiv gestanden sei.

Dass die Offensive beinahe inexistent war, darüber wird geschwiegen. Über solche Leistung hätte sich beispielsweise der Spieler Streller aufgeregt. Heute ist man froh, nur nicht die nächste Pleite erklären zu müssen. Eine Einstellung, die eigentlich gar nicht FCB-like ist.

16 Die Nebenschauplätze beanspruchen zu viel Energie

Bei allen Problemen und Diskussionspunkten, welche das Kader und dessen Leistungen aufwerfen, ist es doch erstaunlich, wie viel Raum die Nebenschauplätze einnehmen. Sei es der Fauxpas an der Gala, der Kauf des Stadions, das Schweigen nach der Trainerentlassung, die ungeliebte E-Sports-Abteilung oder schlicht der streitbare Präsident: All das sorgt dafür, dass man sich beim FCB nicht darum kümmern kann, worum es eigentlich gehen sollte: Wie man wieder besser Fussball spielen kann.