Das Baselbieter Lied beginnt bekanntlich mit der Ortschaft «Schönenbuch» (vo Schöne­buech bis Ammel); diese Gemeinde ist flächenmässig nicht nur die zweitkleinste im Kan­ton Basel-Landschaft, sondern auch die ländlichste im Bezirk Arlesheim und hat eher Zu­gang zum Sundgau (Frankreich) als zur Stadt Basel. Wer von Allschwil hinauf nach Schö­nenbuch fährt, könnte das Gefühl bekommen, auch im Emmental, Entlebuch, Mittelland oder gar Berner Oberland zu sein.

Exploit des jüngeren Bruders

Der «Ziegelhof» ist ein stattlicher Landwirtschaftsbetrieb und wird von der Familie Voggen­sperger bewirtet. Auch die «Jungmannschaft» ist im Einsatz – bei der täglichen Arbeit, aber auch im Sägemehl. Bis dato war Janic Voggensperger, der anfangs September 20 Jahre alt wird, das familiäre Aushängeschild und darf, trotz seines jugendlichen Alters, bereits auf 14 Kranzerfolge hinweisen. Am Sonntag kam mit Rang 5 ein weiteres Eichenlaub dazu. Er blieb ungeschlagen, doch zwei Gestellte gegen Reto Leuthard und Christoph Bi­eri (einer von fünf Eidgenossen, die am Start waren) verhinderten, dass er eventuell auf ei­nen Schlussgang hoffen durfte.

Mit Lars Voggensperger schaffte sein 17-jähriger Bruder den sensationellen 2. Rang. Fünf (nahezu) platte Siege gegen teils viel ältere Rivalen und nur eine Niederlage (gegen Tobias Widmer) brachte Voggensperger II, der eine Lehre als Landschaftsgärtner absolviert, den ersten Kranzgewinn. Nach seinem letzten Erfolg bran­dete Jubel auf dem Kampfareal auf.

Duell um den Festsieg – Räbmatter gegen Alpiger.

  

«Mached endlich öppis»

Den Festsieg holte sich Nick Alpiger. Was der 21-jährige Aargauer mit Wohnsitz Staufen zeigte, war ganz grosses Kino. Im 4. Gang bodigte er seinen Kantonsrivalen Patrick Räb­matter. Keine zwei Stunden später standen sich die beiden Aargauer im Schlussgang, wo­bei die Ausgangslage deutlich war (auf dem Notenblatt von Alpiger waren 49.50 Punkte vermerkt, Räb­matter wies 48.75 Punkte auf). Der finale Gang wollte nicht in Schwung kommen, die bei­den Schwinger verbissen sich ineinander und einer der Jungen, die vorne am Sägemehlr­ing hockten, meinte vielsagend: «Mached endlich öppis».

Nun, die brütende Hitze (auf den vier Sägemehlringen wurden über 40 Grad gemessen) und der lange Tag hatten ihren Tribut gefor­dert. Nach genau sieben Minuten und sieben Sekunden setzte Räbmatter, ein Hüne von gut 150 Kilogramm Lebendgewicht, zu einem Schlungg an. Alpiger konnte diesen pa­rieren und gleich kontern – und wenig später lag Räbmatter, wie im 4. Gang, platt auf dem Rü­cken. Für den charismatischen «Koloss» kein Grund zur Trauer – spontan umarmten sich die beiden Kontrahenten und Räbmatter schul­terte Alpiger, der auch gegen 100 Kilo­gramm auf die Waage bringt. Man wünschte sich in anderen Sportarten (ein Schelm, wer an Fussball denkt) auch eine derartige Fairness und diesen Respekt vor dem Rivalen.

Räbmatter schultert Alpiger und trägt ihn im Ring herum.

  

Matthias Sempach vor Ort

Aufmerksamer Beobachter des sonntäglichen Schwingfestes war kein Geringerer als Mat­thias Sempach. Der Schwingerkönig von 2013, einer der «Bösesten», aber auch beliebtes­ten Schwinger im Lande, hatte im letzten Jahr am «Ziegelhof»-Schwinget in Schönenbuch  teilgenommen. «Für mich war es eine Ehre, ans Basellandschaftliche auf den Hof der Fa­milie Voggensperger einge­laden zu werden», so der Berner, welcher vor kurzem – aus ge­sundheitlichen Gründen – seinen Rücktritt vom Aktivschwingen gegeben hat. Ohne Allüren war er für die Zuschauer ein fassbarer (ex-)König. So, wie es im Schwingsport Brauch ist, dass sich Aktive und Pas­sive auf Augenhöhe begegnen und sich duzen.

Matthias Sempach (mit einem seiner Söhne) als Zaungast.

  

Dem Festakt wohnten auch die beiden Baselbieter Regierungsräte Anton Lauber (von sei­nem Wohnort Allschwil aus hat er fast Sichtkontakt zum Ziegelhof) und Thomas Weber. Fah­nenschwinger, Jodelgesänge und Volksmusik rundeten einen Anlass ab, der aufzeigte, dass Schwingen zwar urchig bleibt, aber auch Agglomerationsgemeinden in urbanen Ge­bieten längst erobert hat.