Plötzlich war er weg. Alles, was man von ihm an seinem letzten bekannten Wohnort bei zwei Basler DJs fand, war sein Handy mit leerem Akku. Von Christian Reinwald keine Spur. Noch zwei Jahre zuvor spielte er unter Friedel Rausch beim FC Basel. Der Aufstieg zum 100-Jahr-Jubiläum 1993 war das Ziel. Der FCB scheiterte knapp und Rausch war Geschichte, Claude «Didi» Andrey übernahm – und für Reinwald war kein Platz mehr. «Er brachte Stefan Huber mit und wollte keinen Konkurrenzkampf», erinnert sich Reinwald. Sicher, es hatte auch mit seinem Lebenswandel zu tun, damit, dass er zu oft zu lange unterwegs war. Aber Reinwald sagt: «Es lag nicht an meiner Leistung, ich hatte eine gute Saison in Basel.»

Eine halbe Saison spielte er noch für Pratteln in der 1. Liga. Aus Spass am Spiel. Im Frühjahr 1995 war er nicht mehr Teil des Teams, das mitten im Abstiegssumpf steckte und aufgrund von Sperren und Verletzungen plötzlich ein Goalie-Problem hatte. Also wandte sich Beat Stinglin, damals Präsident des FC und der Gemeinde Pratteln, an die «Basler Zeitung», sagte: «Wenn Reinwald diese Zeilen lesen sollte, wären wir froh, wenn er sich bei uns melden würde.» Aber Reinwald war und blieb weg.

Christian Reinwald (rechts) mit Lionel Weitnauer während dem Champions-League-Spiel zwischen dem FCB und Benfica Lissabon.

  

«Das kann sich heute kein Profi mehr leisten»

Christian Reinwald lacht. Heute lebt er auf den Philippinen, damals zog es ihn von Basel nach Berlin. Der Liebe wegen. Aber die Episode um Stingelin und seinen Aufruf hat er nicht vergessen: «Natürlich erinnere ich mich. Mit Beat habe ich heute noch ab und zu via Facebook Kontakt», sagt er. Damals spielte sich ein grosser Teil seines Lebens in der Nacht ab. Wie teilweise schon zuvor während seiner Zeit beim FCB. Heute sagt er: «Was wir geboten haben, war schon heftig. Das kann sich heute kein Profi mehr leisten.» Wir, das war eine Gruppe um André Sitek, Fredi Chassot und ihn. Ihr Stammlokal, das Route 66.

Christian Reinwald, André Sitek und Fredi Chassot (im Bild) schlugen öfters über die Stränge. Ihr Stammlokal, das Route 66.

  

Zweieinhalb Jahre lebte Reinwald in Deutschlands Hauptstadt, verdiente sein Geld ein letztes Mal mit Fussball bei Türkspor Berlin – drei Deutsche und er, der Rest Türken. Das war nicht die grosse Bühne, aber er konnte davon leben. Alimentiert wurde der Klub von Besitzer Atalay Özçakir, der «TD1», den ersten und erfolgreichsten türkischen TV-Sender in Berlin, gegründet hatte. In jedem Training war ein Kamerateam dabei. Ein kleines Bisschen Ruhm in der Fussball-Provinz.

Reinwald kehrt zurück in die Schweiz und damit nach Basel, er heiratet, fliegt in die Flitterwochen auf die Malediven. Doch die Ehe scheitert und Reinwald kriegt Probleme mit den Behörden. Er packt seine Sachen, fliegt auf die Philippinen und beginnt dort, 35-jährig, ein komplett neues Leben. «Ein, zwei Jahre zuvor war ich dort in den Ferien. Mir hat es so gut gefallen, dass ich einen Monat später zurückkehrte, ein Stück Land pachtete und anfing zu bauen», erinnert sich der heute 54-Jährige. Das Ferienhaus wurde zur neuen Heimat.

Christian Reinwald mit seiner Familie.

  

Neues Projekt

Unterdessen lebt Reinwald seit mehr als 18 Jahren in Sipalay. Obschon er quasi bei Null angefangen hat, ist er heute Besitzer eines kleinen Tauchschulen-Imperiums. Auf Negros, Palawan und Cebu hat er Ressorts aufgebaut. Mit Bungalows und mehreren Schiffen. «80 Prozent meiner Gäste kommen aus Europa», sagt er, «der Rest aus Asien.» Rund 320 Betten hat er an seinen drei Standorten, 120 Angestellte kümmern sich um das Wohl der Gäste, das Management besorgen fünf Europäer.

So hat Reinwald Zeit für sein neustes Projekt: eine Altersresidenz in Sipalay. Rund 70 Häuser sollen es am Schluss sein, sechs seien bisher fertig. Alle mit Meersicht, ein Fitnessstudio gehört dazu, ein grosser Pool, bei Bedarf medizinische Versorgung. Reinwald sagt: «In der Schweiz werden viele ältere Menschen ins Altersheim abgeschoben. Hier zahlst du für eine 24-Stunden-Betreuung durch eine Krankenschwester 400 Franken.»

Unternehmer und Vater

Lebemann – das war er einmal. Reinwald ist jetzt in erster Linie als Unternehmer und Vater. «Ich bin ruhiger geworden», sagt er und lacht. Wobei, was heisst schon ruhig, bei einem wie Reinwald. Sesshaft, ja. Aber ruhig? Vor 16 Jahren hat er seine Frau Charity, eine Philippinin, geheiratet. Gemeinsam haben sie die Kinder Ken (15), Lara (14) und Deborah (12).
Seit sie in die Schule gehen, ist die Familie entzweit. Unter der Woche leben Mutter und Kinder in Bacolod, drei Stunden nördlich vom Ressort, wo der Vater weilt. Am Wochenende und in den Ferien ist die ganze Familie in Sipalay vereint. «Hier gibt es keine vernünftige Schule», sagt Reinwald. Also hat er sich kurzerhand ein Haus in der 560'000 Einwohner zählenden Hauptstadt der Insel Negros gekauft, weil es dort Privatschulen gibt.

Die Ausbildung seiner Kinder ist ihm wichtig. Sobald sie mit der Schule fertig sind, sollen sie in der Schweiz eine Lehre machen. Christian Reinwald aber bringt nichts mehr zurück. Das heisst: Zwei Mal im Jahr fliegt er nach Europa wegen Tauchmessen in Deutschland. Dann besucht er seine Eltern, seine Stiefgeschwister – und Basel. Ein kurzer Anruf bei Gusti Nussbaumer genügt, um den Aufenthalt mit einem Spielbesuch zu verbinden. Wie zuletzt beim sensationellen 5:0 gegen Benfica. «Ich bin noch immer FCB-Fan, schaue praktisch jedes Spiel, das im SRF gezeigt wird», sagt er. Und das obwohl er nur eine Saison hier spielte. Aber Reinwald fand Freunde fürs Leben in Basel.

Beim 5:0 gegen Benfica Lissabon war Reinhard im Stadion und verpasste somit auch nicht das Super-Tor von Dimitri Oberlin:

Alles begann mit zwei Papageien

Zurückkehren ist trotzdem kein Thema, sein Leben spielt längst an einem anderen Ort. Auf den Philippinen, wo er das Tauchen zum Beruf gemacht und nebenbei eine Vogelzucht aufgebaut hat. «Ich hatte im Ressort zwei Papageien, die laut sein konnten und manche Besucher störten. Also baute ich unweit vom Ressort eine Voliere und musste sie fortan drei Mal am Tag füttern. Aber jedes Mal fünf Minuten den Berg hoch- und wieder runterlaufen für zwei Vögel, das war mir zu dumm», erzählt Reinwald.

Macaus, Kakadus, Edelpapageien – unterdessen nennt der Ex-FCB-Goalie über 450 Vögel sein Eigen. Den Hügel muss er nicht mehr hochgehen, sieben Angestellte kümmern sich um die Tiere. Er handelt mit den Vögeln, hat einen Hyazinthara für knapp 20 000 Dollar an den Jurong Park in Singapur verkauft. Christian Reinwald ist ein Paradiesvogel, wie man ihn sich nicht bunter vorstellen könnte. Geboren in der Ostschweiz, heimisch geworden auf den Philippinen, im Herzen aber immer noch in Basel, wo er seinen fussballerischen Höhepunkt erreichte.