Monsieur Andrey, heute vor 25 Jahren sind Sie mit dem FC Basel durch ein 1:1 in Carouge in die NLA aufgestiegen. Warum haben Sie anschliessend die Party geschwänzt und sind in Genf geblieben, während die Mannschaft in Basel ausgelassen gefeiert hat?

Claude Andrey: Da gab es ein kleines Kommunikationsproblem. Ich war nicht informiert, dass dieses grosse Fest wirklich stattfindet. Deswegen gibt es jetzt diese Anekdote. Wenn wir an diesem Tag nicht aufgestiegen wären, würde heute niemand darüber reden.

Was gab es in Genf Wichtigeres, als mit Ihrer Mannschaft zu feiern?

So darf man das nicht sehen. Es gab nichts Wichtigeres. Die Aufstiegsfeier war einfach nicht von vornherein geplant, mein Besuch in der Heimat schon. Ich habe an diesem Abend nichts Spezielles gemacht. Für mich war die tägliche Arbeit einfach wichtiger. Als Trainer war ich ja verantwortlich, dass wir die Saison ordentlich zu Ende spielen, auch wenn wir mathematisch schon aufgestiegen waren.

Feiern Sie nicht gerne?

Doch. Aber erst am Ende der Saison. Man zählt die Toten ja auch erst nach dem Krieg, nicht mittendrin.

So feierte der FC Basel den Aufstieg 1994:

Knapp ein Jahr früher, im Sommer 1993, wurden Sie FCB-Trainer. Nach dem Abgang von Friedel Rausch ging alles ganz schnell.

In der Tat. Zwischen den Saisons hatten wir damals nur rund zehn Tage Ferien. Ich war bei Sion entlassen worden, Rausch hat den FCB überraschend kurz vor dem Trainingsauftakt in Richtung Kaiserslautern verlassen. Basel brauchte schnell eine neue Lösung. Ich hatte zwar noch einen Vertrag in Sion, doch als mich FCB-Sportchef Gusti Nussbaumer angerufen hat, ging alles ganz schnell. Auch finanziell haben wir uns schnell gefunden. Ich stand ja noch am Anfang meiner Trainerkarriere. Deswegen war die Möglichkeit den FCB zu trainieren eine grosse Sache.

Friedel Rausch verliess den FC Basel 1993 und wechselte in die Bundesliga.

Friedel Rausch verliess den FC Basel 1993 und wechselte in die Bundesliga.

Was haben Sie damals verdient?

Das bleibt geheim. Sprechen wir lieber über Fussball.

War es kein Rückschritt von der NLA mit Sion wieder in die NLB zu Basel zu gehen?

Nicht unbedingt. Basel ist ja nicht Frauenfeld. Der Verein gehörte nicht in die NLB, die Perspektiven waren besser als bei manchem NLA-Klub. Das Ziel war von vorne rein der Aufstieg. Basel hatte es ja zuvor fünf Jahre lang vergeblich versucht (lacht).

Was haben Sie verändert?

Als ich kam, war alles vogelwild. «Desorganisation totale.» Wegen des verpassten Aufstiegs sind viele Spieler abgesprungen. Wir mussten sieben neue Spieler integrieren und alles neu aufbauen. Für mich war das eine sehr bereichernde Situation. Ich bin einer, der gerne etwas aufbaut. Wenn schon alles funktioniert, bin ich weniger kreativ.

Was haben Sie konkret aufgebaut?

Den Fussball. Ich musste neue Spieler und einen Assistenten für mich finden und daraus eine Mannschaft formen. Da war Gusti Nussbaumer eine enorme Hilfe. Es gab damals nur den Vorstand, ihn und die Mannschaft. Mehr nicht. Das hiess: Gusti und ich konnten einfach machen. Zu zweit ist es einfacher als zu zwanzigst. Für mich als Trainer war das super.

Ihre Spieler hatten zu Beginn Bedenken, ob ein Romand der Richtige ist.

Für mich war das ja auch alles neu. Ich war aber vorher zweieinhalb Jahre im Tessin Trainer und wusste, dass ich – auch ohne Muttersprachler zu sein – gut zurechtkomme. Doch die Skepsis der Basler habe ich natürlich auch gespürt.

Wie haben Sie reagiert?

Als Trainer musst du die Spieler überzeugen. Sie müssen merken, dass es gut ist, wenn wir zusammenarbeiten. Ich war immer nah am Team, weil ich am Fussball vor allem die Arbeit mit den Spielern mag.

Sie haben im Training damals beim Fünf gegen Zwei immer mitgespielt und sollen der Beste gewesen sein.

Ja (lacht). Das habe ich aber nur gemacht, um einen guten Draht zu den Spielern zu finden. Ich habe zwar als Spielertrainer bei Bulle angefangen, aber in Basel war ich 42. Da war das keine Option mehr.

Welche Sprache wurde gesprochen?

Das war ein ständiger Mix. Ich hatte in der Schule etwas Hochdeutsch gelernt. Mit der Zeit habe ich immer öfter deutsch gesprochen. Aber ein Drittel der Mannschaft war ja auch frankophone. Smajic war bei Xamax, Hertig bei Servette, Huber bei Lausanne. Wegen der Sprache gab es nie Probleme. Im Fussball brauchst du eh nur 60 bis 70 Wörter.

Sind Sie noch in Kontakt mit einigen Spielern von damals?

Mit Admir Smajic gelegentlich. Marco Walker oder Massimo Ceccaroni treffe ich gelegentlich bei Jugendturnieren. Philippe Hertig ist jetzt beim SFV. Den sehe ich auch manchmal. Die anderen nicht wirklich. Viele Spieler von damals haben heute einem anderen Beruf und sind heute deswegen auch nicht mehr im Fussball.

Marco Walker und Admir Smajic verfolgen gemeinsam einen Gegenspieler.

Marco Walker und Admir Smajic verfolgen gemeinsam einen Gegenspieler.

Massimo Ceccaroni arbeitet damals auch noch bei der Polizei. Wer hatte sonst noch einen Beruf?

Steingruber, Baumgartner, Ucella, der zweite Torwart Grüter. Diese Spieler haben es geschätzt, dass ich manchmal am Abend noch ein Extratraining gemacht habe. Für alle, die am Morgen wegen der Arbeit nicht dabei sein konnten.

Erinnern Sie sich an Ihre ersten Spiele als FCB-Trainer?

Ja. Wir hatten Schwierigkeiten und haben gegen Delémont und auch gegen die Old Boys direkt verloren. Das Ziel war aber, am Ende aufzusteigen, nicht die ersten zwei Spiele zu gewinnen. (lacht)

Im Laufe der Saison wurde ihre Verteidigung mit nur 21 Gegentoren zum Prunkstück. War die Defensive immer am wichtigsten für Sie?

Nein. Das ist eine Legende.

Wegen Ihrer Spielweise haben die Fans voller Ironie angefangen «Didi offensiv, Didi offensiv» zu singen.

Das war wegen einer Kampagne des «Blick». Die mochten meine Art nicht. Vielleicht, weil ich welsch bin. Sie wollten mich destabilisieren und haben mir eine defensive Ausrichtung angedichtet.

Man sagt, eine gute Verteidigung gewinnt Titel. Dann ist es doch ok, wenn man defensiv spielt.

Für mich wird bei dieser Diskussion das Problem verschoben. Wir haben die meisten Spiele dominiert, weil wir die besseren Spieler hatten. Aber das wollte der «Blick» nicht einsehen. Sie haben mir sogar mal erklärt, dass es bei dieser Kampagne um Politik ging und sie dadurch in der Region Basel Fuss fassen wollten. Sie wollten Privilegien, aber die gab es bei mir nicht. Das hat ihnen nicht gefallen. Auf französisch sagt man: «Si tu n’es pas mon ami, tu es donc mon enemie». (Wenn du nicht mein Freund bist, bist du halt mein Feind.)

Wollten Sie sich nicht schon früher gegen die Kampagne wehren?

Nein. Wer mich wirklich kennt, weiss: Ich war eine Nummer 10, der man immer nachgesagt hat, sie würde zu wenig verteidigen. Meine Spielphilosophie war nie defensiver als offensiver. Aber wenn man den Ball nicht hat, muss man verteidigen. Das ist auch klar (lacht).

Trotzdem haben die Fans «Didi offensiv» gesungen.

Das ist der Basler Humor. Die Fans haben sich beeinflussen lassen. Wenn es 1:0 oder 0:0 steht und du als Fan vorher die Berichte gelesen hast und dann siehst, dass Andrey nur mit einer nominellen Spitze spielt, dann sieht das defensiv aus. Dabei war das nur eine andere Art, das Offensivspiel anzukurbeln.

«Der Boulevard wollte mich destabilisieren und hat mir eine defensive Ausrichtung angedichtet.»

Didi Andrey:

«Der Boulevard wollte mich destabilisieren und hat mir eine defensive Ausrichtung angedichtet.»

Das müssen Sie erklären.

Smajic brauchte viele Bälle, deshalb spiele er nicht in vorderster Front sondern als hängende Spitze. Und auch unsere Aussenverteidiger haben sehr offensiv gespielt. Ich mag mich an ein Tor erinnern, dass Rechtsverteidiger Ceccaroni per Flanke vorbereitet und Linksverteidiger Walker per Kopf vollendet hat. Man findet immer für beide Seiten Argumente. Persönlich hat mich das nicht gross gestört. Wegen den Schlagzeilen habe ich mir nie gesagt: «Ouh, jetzt muss ich ein Offensivspektakel zünden.»

In der Aufstiegssaison kamen am Ende mehr Zuschauer ins Joggeli als heute. Wie erklären Sie das?

Vielleicht weil wir so defensiv gespielt haben? (lacht). Nach fünf Jahren NLB waren die Leute frustriert. Sobald es Hoffnung auf den Aufstieg gab, war das Seelenbalsam für alle, die diesen Klub lieben. Am Ende ist das aber wie mit einem Kind und dem Spielzeug. Wenn es nie eines hat und dann eines bekommt, freut es sich riesig. Wenn es zu viele Spielzeuge hat, langweilt es sich.

Was für eine Stimmung im alten Joggeli:

Im Joggeli hing damals ein Banner: «Didi gegen Rausch – das war ein guter Tausch».

(Lacht). Das war nach dem Aufstieg, vorher sicher nicht. Da sehen Sie, was der Erfolg mit den Leuten macht.

Was hat sich für den FCB und für Sie in der ersten NLA-Saison verändert?

Nicht viel. Mich freut, dass wir es gleich in die Playoffs geschafft haben. Das erste Jahr nach dem Aufstieg ist immer das schwierigste. Am Anfang ist die Euphorie noch da, doch dann kommen die Schwierigkeiten. Unsere finanziellen Mittel waren in der NLA nicht zehnmal grösser als in der NLB. Wir hatten immer noch Probleme. Für mich war es deswegen sehr wichtig, dass wir in der NLA bleiben konnten. Das war der Beweis, dass meine Aufbauarbeit gut war.

Sie sind sogar Sechster geworden und haben anschliessend UI-Cup gespielt. Gegen Sheffield, Aarhus und Karlsruhe.

Jeder Trainer wünscht sich, international zu spielen. Für einen solchen Erfolg braucht es eine solide Basis. Diese aufgebaut zu haben, macht mich glücklich. Nachher hat sich der Verein entwickelt, auch neue finanzielle Möglichkeiten gehabt. Aber für das Haus brauchte es einen soliden Grundstein. Die letzten 25 Jahre haben gezeigt, dass das der Fall war.

Ihr Abschied aus Basel verlief nicht wie gewünscht. Sie wurde beschuldigt, an Transfererlösen mitzuverdienen.

Das stimmt nicht. Die Justiz hat mir recht gegeben. Die Anschuldigungen wurden abgewiesen und ich habe Schadensersatz erhalten. Der Verein wollte trotzdem nicht mehr mit mir weiterarbeiten.

War Ihre Unterschrift auf diesem Dokument ein Fehler?

Ja, aber das war alles mit den verantwortlichen Personen abgesprochen und ich habe wegen dieser Unterschrift nie Geld kassiert. Es gab keinen Grund, mich dafür zu entlassen. Wenn Sie einen Hund haben und den nicht mehr wollen, gehen Sie zum Tierarzt, sagen er hat Tollwut und dann kriegt er eine Spritze.

Sie haben anschliessend vom FCB Geld eingeklagt.

Ja, aber wir haben uns im Guten geeinigt.

Bereuen Sie, dass Ihre Erfolgsgeschichte beim FCB so endete?

Das war kein ideales Ende für die Zusammenarbeit. Aber, welches Ende ist schon ideal. Friedel Rausch, der kurz vor der Saison einfach abhaut oder Didi Andrey, der fälschlicherweise beschuldigt wird und von dem man sich deswegen trennt? So ist das Leben, so ist der Fussball. Für mich war das Ganze schnell erledigt. Ich behalte Basel nur in positiver Erinnerung. «Nie meh Nati B», diese positiven Emotionen, diese Euphorie nach fünf Jahren Frust: Das sind schon unvergessliche Momente.

Sie sind später in Afrika gelandet. Lag das auch an ihrem unrühmlichen Abschied aus Basel?

Ein bisschen vielleicht. Aber das Abenteuer Afrika hat mich schon länger fasziniert. Ich bin immer gern gereist, habe gerne in der Jugend gearbeitet. Aber ich hätte damals auch zu Lugano gehen können. Doch wir haben mit der Familie entschieden, dass wir nach Kamerun gehen.

Was haben Sie dort genau gemacht?

Einen Klub gegründet und vier bis fünf Jugendmannschaften trainiert. Das was Ceccaroni heute in Basel macht.

Oder in Indien.

Ja (lacht). Wir haben damals auch einen Klub gekauft. In Griechenland. Dort sollten unsere afrikanischen Talente in Europa Fuss fassen. Diese Mannschaft habe ich dann auch ein Jahr trainiert.

Wann waren Sie zuletzt in Basel?

Das ist über ein Jahr her. Ich habe ein Spiel besucht, weiss aber nicht mehr welches.

Waren Sie nicht bei Gala zum 125. Geburtstag des Vereins?

Nein, man hat mich nicht eingeladen. Warum, weiss ich nicht. Es ist aber auch nicht schlimm, ich bin jetzt deswegen nicht beleidigt.

Wären Sie denn hingegangen?

Wenn es in meine Agenda gepasst hätte, wahrscheinlich schon. Ich gehe immer sehr gerne nach Basel und werde dort jeweils nett empfangen.

Was halten Sie von den neuen Ideen von FCB-Präsident Bernhard Burgener?

Ihn durfte ich schon damals kennenlernen. Er war schon zu meiner Zeit nah dran. Ich will seine Arbeit aber nicht bewerten. Auch wenn sich der Fussball stark verändert hat, ist für mich die Entwicklung der Spieler nach wie vor das Wichtigste. Ich bin halt alte Schule. Aber schauen wir uns doch den FCB an. Vor sechs Jahren hatten sie ein super Mannschaftsgefüge mit vielen Leadern. Wenn man die nicht hat, wird er schwer. Denn kein Spieler wird von heute auf morgen ein Leader. Diese Werte werden immer gleich bleiben. Da ändern Playstation, 50 Staffmitglieder und Videoanalye auch nichts. Die Basis bleibt immer die gleiche.

Die FCB-Fans werfen Burgener vor, dass er die Basis vernachlässigt.

Jetzt hat aber auch YB den Turnaround geschafft. Es ist halt auch schwierig, die Position an der Spitze für immer zu verteidigen. Basel war jetzt zehn Jahre der Krösus, aber vielleicht hat dieser Wandel auch damit zu tun, dass der Verein seit zwei Jahren anders geführt wird.

Sind Sie immer noch FCB-Fan?

Nein. Ich habe keinen Lieblingsverein. Ich bin Fan des Fussballs und der Spieler. Wenn ich Barcelona schaue, dann wegen Messi, wenn ich Paris schaue, dann wegen Neymar. Die Spieler machen die Mannschaft aus, nicht umgekehrt.

Was machen Sie eigentlich heute?

Ich kümmere mich immer noch auf Mandatsbasis um die Ausbildung junger Fussballer. Beim Schweizer Verband, in Trainingscamps. Ausserdem bin ich beim Projekt Bio-Banding beteiligt. Dabei kümmern wir uns um Talente, deren Wachstum dem chronologischen Alter hinterherhinkt. Da haben wir in der Schweiz ein Problem. Die Kleinen werden zu früh ausselektioniert. Da gibt es ein grosses Potenzial. Ich muss den Verband und die Vereine überzeugen.