Granit Xhaka, was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an den FC Basel denken?

Granit Xhaka: Der FC Basel ist in meinem Herzen. Ich kenne nur Basel, war nie der Typ, der nach Zürich oder Luzern gegangen ist, wenn er mal Zeit hatte. Es war immer nur Basel. Der FCB war für mich der Türöffner für meine Karriere. Wäre ich nicht beim FCB gewesen, weiss ich nicht, ob ich mich sonst wo durchgesetzt beziehungsweise überhaupt einmal eine Chance bekommen hätte.

Also verspüren Sie vor allem Dankbarkeit?

Ja, zum einen gegenüber der Klubseite, aber auch gegenüber den erfahrenen Mitspielern und meinem damaligen Trainer, Thorsten Fink, der mir mein Profi-Debüt ermöglicht hat. Aber der FCB hat nicht nur mir, sondern meiner ganzen Familie in allen Belangen die Türen geöffnet und beigestanden. Auch deshalb ist meine Bindung zum Verein noch immer gross – genauso wie zur Stadt. Wenn ich mal zwei Tage frei habe, komme ich nach Basel, besuche meine Eltern und wenn möglich auch ein FCB-Spiel und unterstütze meinen Bruder Tauli.

Sie wurden mit vier Jahren widerwillig zu Concordia ins Training geschleift und verbrachten Ihre ersten Fussballer-Jahre dort. Wie kam es dann zum Kontakt mit dem FCB?

Die beiden Klubs waren ja damals auf eine gewisse Art zusammen, aber doch Konkurrenz. Congeli war in der Challenge League, der FCB in der Super League. Wir hatten bei den Junioren immer gute Spiele gegen den FCB. In diesen wollte man immer besonders gut sein, weil man wusste, dass man dann vielleicht irgendwann zum FCB darf.

Granit und Taulant Xhaka posieren im Frühling 2011 zusammen vor dem Basler St. Jakob-Park. Foto: Freshfocus

Granit und Taulant Xhaka posieren im Frühling 2011 zusammen vor dem Basler St. Jakob-Park. Foto: Freshfocus

Was bei Ihnen mit 12 Jahren der Fall war.

Das war eine lustige Geschichte. Ich durfte nur dank meines Bruders und meines Vaters zum FCB. Tauli war ebenfalls bei Congeli und Remo Gaugler (heutiger Kaderplaner der ersten Mannschaft, Anm.d.Red.) wollte ihn unbedingt zum FCB holen – mich aber nicht. Mein Vater hat Remo dann gesagt: «Es tut mir leid, aber entweder du nimmst beide Jungs, oder du bekommst gar keinen.» So bin ich beim FCB gelandet.

Sie waren also nur das unerwünschte Anhängsel.

Das habe ich aber gar nicht realisiert damals. Ich habe in jener Zeit auch noch nicht begriffen, dass wenn ich nicht zum FCB hätte gehen können, ich vielleicht nie Profi geworden wäre. Meinen Eltern war das sowieso nicht so wichtig. Sie haben uns anfangs nur zum Fussball gebracht, weil sie damit verhindern wollten, dass wir auf die falsche Bahn geraten. Danach wollten sie immer, dass einer von uns Jungs Fussballer wird und einer Richtung Schule geht. Da ich in der Schule relativ gut war, war es das Ziel, dass Tauli den Weg zum Profi-Fussballer einschlägt. Das hat Gott sei Dank geklappt, in der Schule war er nämlich eher nicht so gut (lacht)! Fussballerisch war Tauli dafür stets das grössere Talent von uns beiden. Dass wir es jetzt beide geschafft haben, ist umso schöner.

Granit Xhaka und Mohamed Elneny gratulieren dem FCB zum Geburtstag

Granit Xhaka und Mohamed Elneny gratulieren dem FCB zum Geburtstag

Sie sehen Ihren Bruder als das grössere Talent als sich?

Ja, das war er immer schon. Von klein auf. Und meiner Meinung nach ist es noch heute so. Ich bin einfach der härtere Arbeiter. Während Tauli vielleicht gerne etwas auf morgen verschiebt, mache ich es lieber heute und morgen. Da ich jener mit weniger Talent war, habe ich auch nie daran geglaubt, mal Fussballer werden zu können. Ein Traum war es, mehr nicht.

Wann haben Sie erstmals daran geglaubt, dass Sie Profi werden könnten?

Ich selber habe ehrlichgesagt nie daran geglaubt, bis es soweit war. Ich war immer klein, dünn und konnte mich nie durchsetzen. Während andere aus dem 92-er Jahrgang immer schon mit den Älteren mit durften, habe ich immer einen Schritt nach dem anderen gemacht, war immer nur in meiner Altersgruppe. Dann kam mit 15 noch ein Kreuzbandriss dazu, für den ich heute aber auch dankbar bin.

Wieso?

Weil er mich im mentalen Bereich extrem gestärkt hat. Die Stärke, die ich heute habe, gründet darin. Ich habe zu dieser Zeit meine Lehre angefangen, hatte viel mit Älteren zu tun, das hat mich ebenfalls weiter gebracht.

Danach bahnte sich auch Ihr Durchbruch an. Kurz nach der Genesung wurden Sie U17-Weltmeister und in die erste Mannschaft berufen.

Und Thorsten wurde ein Fan von mir.

Granit Xhaka (rechts) und sein Förderer Thorsten Fink zu gemeinsamen FCB-Zeiten.

Granit Xhaka (rechts) und sein Förderer Thorsten Fink zu gemeinsamen FCB-Zeiten.

Ist er der wichtigste Trainer Ihrer Laufbahn?

Er ist sicher der, der mich entscheidend gefördert hat und dem ich am meisten zu verdanken habe auf Profi-Stufe. Aber auch im Nachwuchs gab es Leute, die grossen Einfluss hatten. Remo Gaugler ist dort sicher die Nummer 1. Ohne ihn wäre ich nie beim FCB gelandet, auch wenn er das ja gar nicht wollte (lacht). Aber auch der damalige U21-Trainer, Patrick Rahmen, sowie Werner Mogg, der mich in der U16 trainiert hat, waren von grosser Bedeutung. Werner Mogg hat zwar nie an mich geglaubt, wie ich mal gelesen habe. Ich war ihm wohl ein zu grosser Lausbube.

Dass er das Potential in Ihnen nicht gesehen hat, ist wohl eine seiner wenigen Fehleinschätzungen.

Ja, da hat er komplett falsch gelegen! (lacht) Nein, Spass beiseite. Ich habe erst nach der Zeit unter ihm einen grossen Wachstumsschub gehabt. Eine Maschine bin ich auch heute noch nicht. Aber wenn ich die Bilder von früher sehe, denke ich mir schon jedes Mal, dass es ein Wunder ist, dass ich mir nicht in jedem Spiel etwas gebrochen habe.

Hatten Sie als Junior Vorbilder in der ersten Mannschaft?

Ich kann mich noch an das erste Mal erinnern, als ich in die Kabine der Profis durfte. Ich war dreizehn, glaube ich. Da sassen Spieler wie Julio Hernan Rossi und Christian Giménez – und ich durfte neben ihnen sitzen. Giménez hatte diese rotblauen Schuhe, die sehe ich noch immer vor mir. Rossi und Giménez, die waren ein super Duo. Ich habe aber auch immer die Yakin-Brüder bewundert, die in Basel noch heute einen Riesen-Status haben. Wer an Basel denkt, denkt auch immer gleich an sie. Aber es gab auch noch Oliver Kreuzer, Massimo Ceccaroni, Pascal Zuberbühler. Beim FCB gab es so viele tolle Spieler, die man sich zum Vorbild hat nehmen können, nicht zuletzt auch Alex Frei, der uns viele wichtige Ratschläge mitgegeben hat.

Sind die Yakins auch puncto Planung nach der Karriere ein Vorbild?

Für mich wäre es schon ein Traum, irgendwann Trainer zu sein wie die beiden. Vielleicht auch mit Tauli zusammen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob er sich als Trainer sieht oder nicht.

Verbinden Sie mit den genannten Spielern auch die Erinnerung an ihr erstes Spiel als Zuschauer im Joggeli?

Nein, das erste Spiel war eines, bei dem ich Ballbub war. Das war der Cupfinal 2008 gegen Bellinzona. Vielleicht war ich davor schon mal im Stadion, aber an dieses Spiel habe ich die klarste Erinnerung. Ich habe das Bild noch genau vor mir, wie Eren Derdiyok unglaublich hoch springt, seine Füsse gefühlt auf Höhe des Kopfes des Bellinzona-Verteidigers sind, und er so das 1:0 per Kopf erzielt.

Waren Sie Derdiyoks Ballbub?

Das weiss ich nicht mehr. Seiner oder der von Scott Chipperfield vielleicht, der war damals auch noch dabei. Ich weiss nur noch, dass ich genau hinter dem Tor stand und die Szene mit Derdiyok ganz genau gesehen habe.

Der FCB hat den Final gewonnen und wurde Cupsieger. Ein Gefühl, das auch Sie aus Basler Zeiten kennen – neben so vielen anderen, positiven Emotionen. Welches ist Ihr FCB-Highlight?

Sicher die beiden Meistertitel 2011 und 2012, aber auch der Cupsieg. Wenn ich jedoch die ganze Zeit betrachte, dann ist der 2:1-Sieg gegen Manchester United das grösste Erlebnis meiner FCB-Laufbahn. Bei United standen damals Spieler wie Ryan Giggs, Nani oder Paul Scholes im Kader. Wir waren im Hinspiel schon gut und ich war richtig enttäuscht, dass wir nur ein 3:3 geholt haben. Das hat mich so geärgert, dass Pipi Streller mich beruhigen musste. Aber es war dennoch ein geiles Spiel. Diese Leistung in Basel dann zu bestätigen beziehungsweise einen drauf legen zu können und diese Truppe heimzuschicken, das ist mit Worten kaum zu beschreiben.

Mittlerweile spielen Sie bei Arsenal, sind FA-Cup-Sieger, haben Welt- und Europameisterschaften erlebt. Wo rangiert dieses Spiel heute noch?

Das ist noch immer eines der Highlights. Dieses Spiel hat mir persönlich sehr viel gezeigt. Es hat mir beigebracht, dass man wirklich jeden Gegner schlagen kann, wenn man als Mannschaft auftritt. Egal ob in einem kleineren oder einem grösseren Verein. So etwas bleibt einem in Erinnerung. Das ist etwas, was du irgendwann deinen Kindern erzählst. Ich bekomme auch immer noch Hühnerhaut, wenn ich mir auf Youtube Videos von diesem Spiel anschaue.

Saison 2011/12: FC Basel – Manchester United 2:1

Saison 2011/12: FC Basel – Manchester United 2:1

Das tun Sie?

Ja. Manchmal schaue ich mir die Videos auch vor einem Spiel an. Dieses Gefühl von damals macht mich einfach glücklich. Wir haben das zusammen geschafft. Thorsten Fink hatte uns erst kurz vorher verlassen, Heiko Vogel hatte das Vertrauen bekommen und dort weiter gemacht, wo wir mit Thorsten aufgehört hatten. Dann aber gleich noch Manchester United zu schlagen - davon träumst du vielleicht, du wagst kaum daran zu glauben, es realisieren zu können.

Werden Sie in England auf solche Spiele angesprochen?

Es ist eher so, dass ich es meinem heutigen Team-Kollegen Danny Welbeck unter die Nase reibe! (lacht) Er war damals bei United, im Hinspiel hatte er noch zwei Tore erzielt, aber im Rückspiel gab es nichts zu holen. Er hat dieses Spiel ebenfalls noch ganz genau in Erinnerung, einfach schlechter als ich!

Damals durchlebte der FCB goldene Zeiten, im Moment steckt er in einer Krise. Wie weh tut Ihnen das?

Es tut mir sehr weh – in doppelter Hinsicht. Der FCB ist erstens noch immer mein Verein aus jener Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin und jener Klub, bei dem ich meine ersten Profi-Schritte machen durfte. Zweitens ist es der Verein, bei dem mein Bruder spielt und viele weitere Leute sind, mit denen ich noch immer guten und häufigen Kontakt pflege. Den FCB nicht mehr so dominant zu sehen, schmerzt. Aber ich glaube noch immer an den FCB.

Woher nehmen Sie diese Überzeugung?

Weil ich vor allem an Pipi Streller glaube. Mit ihm habe ich zusammengespielt, ich weiss, was er für ein Mensch ist. Und ich weiss, wie sehr es ihm weh tut, dass es nicht so läuft. Im Moment hat es sich gedreht, YB ist zum Vorbild geworden, aber der FCB wird zurückkommen. Das wird nicht heute oder morgen passieren, aber wenn man im Winter vielleicht reagiert, investiert, dann kann es funktionieren.

Apropos zurückkommen: Ist es Ihr Ziel, irgendwann wieder für den FCB zu spielen?

Definitiv! Meine Karriere hat hier begonnen und daher ist es mein Ziel oder viel mehr mein Wunschtraum, irgendwann zurück zu kehren. Das wird sicher nicht schon mit 28 der Fall sein, so ehrlich bin ich. Viel mehr ist Alex Frei für mich das beste Beispiel, wie man es machen kann. Er ist mit über 30 zurückgekommen, hat trotzdem noch Leistung gebracht und dem FCB ein paar Titel geschenkt. Natürlich sind die Erwartungen hoch, wenn man nochmal zurückkommt. Aber es ist ganz klar ein Traum.

Bis dahin erleben Sie den Klub aus der Ferne. Am 15. November feiert der FCB sein grosses, 125-Jahr-Jubiläum. Was wünschen Sie ihm?

Ich wünsche dem FCB zu seinem Jubiläum ganz einfach, dass er wieder dorthin zurückkommt, wo er hin gehört: ganz nach oben. Er ist der beste Klub aller Zeiten in der Schweiz, auch wenn YB gerade die Nase vorne hat. Aber es gibt für mich nur einen Klub in der Schweiz, und das ist der FCB. 125 Jahre sind eine stolze Zahl. Wie sich dieser Verein in dieser Zeit entwickelt hat, zu einem Spitzenklub - sicher in der Schweiz, aber auch in Europa – geworden ist, das verdient grossen Respekt. Das hat sich der FCB als Klub, mit den Fans und allen Spielern die je da gewesen sind und allen, die künftig noch da sein werden, absolut verdient. Ich bin einfach nur stolz, ein Teil davon sein zu dürfen.