Salome Lang steht strahlend und mit leuchtenden Augen in der Sprunghalle des Zürcher Letzigrundstadions. Die riesige Erleichterung ist ihrem ganzen Körper anzusehen. Mit ihrer Siegeshöhe von 1,87 Metern hat die Baslerin soeben ihre persönliche Bestleistung egalisiert. Aber nicht nur: Die 21-Jährige stellte auch den U23-Hallenrekord auf. Das Erstaunlichste dahinter aber ist die Vorgeschichte. Denn nach einer langen Leidenszeit war es für Salome Lang der erste Wettkampf seit anderthalb Jahren.

Der steile Aufstieg der talentierten Springerin von den Old Boys erfuhr im November 2017 ein abruptes Ende. Beim alljährlichen Krafttest zu Beginn des Wintertrainings zwickte es im Rücken. Als Notfall landete sie beim Arzt, doch die Entwarnung kam schnell: ein Hexenschuss, nichts Gravierendes, zwei Wochen Trainingspause. «Vierzehn Tage? Eine elend lange Zeit», sagte sich Salome Lang damals.

Gleich am ersten Wettkampf nach der Verletzungspause egalisierte Lang ihre persönliche Bestleistung.

Gleich am ersten Wettkampf nach der Verletzungspause egalisierte Lang ihre persönliche Bestleistung.

Auf die angekündigte Linderung wartete sie allerdings vergeblich. Also ging die Baslerin zurück zum Arzt. Erst ein MRI brachte den unbequemen Befund: Die Ärzte diagnostizierten gleich zwei Bandscheibenvorfälle. Das Comeback verschob sich. Statt zwei Wochen musste Salome Lang acht Monate pausieren.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als die traurige Realität zu akzeptieren. Die Studentin schrieb das Jahr 2018 sportlich ab und versuchte die Verletzungspause anderweitig zu nutzen. Salome Lang schenkte beispielsweise der Beweglichkeit, der Rumpfstabilität und der Physiotherapie mehr Beachtung. Diese Faktoren waren in ihrem Sportleralltag bisher immer zu kurz gekommen. Ausserdem erkannte sie den mentalen Wert der Pause: «Ich nahm mir in dieser Phase auch einmal Zeit für andere Dinge, etwa zum Kaffeetrinken mit einer Freundin.»

Zwei Schritte nach vorne

Nach dem «Go» der Ärzte im Frühsommer 2018 entschied Salome Lang gemeinsam mit ihrem langjährigen Coach Alain Wisslé, dass sie in der zweiten Saisonhälfte trotzdem keine Wettkämpfe machen wird. Zu kurz wäre die Vorbereitungszeit gewesen. Nach den Zwischenprüfungen im BWL-Studium (in St. Gallen) begann sie Anfang Juli mit dem Aufbautraining, «mit Basic-Arbeit», wie sie verdeutlicht.

Im Stadion weilte Salome Lang während dieser Zeit nur als Zuschauerin. «Vor allem die Schweizer Meisterschaften waren schwer zu ertragen», sagt sie. Doch die weitsichtige Planung und der kontinuierliche Aufbau bewährten sich. Rasch zeigten sich die Fortschritte. Der Körper erinnerte sich quasi an die Bewegungs-Abläufe. Bereits im Training erkannte sie: «Ich kann nach dieser Verletzung, dem Rückschritt, jetzt zwei Schritte nach vorne machen.» Die Unsicherheit vor dem ersten Wettkampf seit rund 16 Monaten war dennoch beträchtlich: «Ich wusste nicht, wozu ich fähig bin. Vor dem Wettkampf verspürte ich eine riesige Nervosität.»

Gehöriger Erwartungsdruck

Salome Lang wählte in Zürich die Anfangshöhe von 1,75 Metern und stieg damit «so hoch wie noch nie» ein. Die Sicherheit für diese Entscheidung hatte sie sich im Training geholt. Und sie reüssierte. Doch im Gegensatz zu früheren Wettkämpfen legte sich die Nervosität auch vor den nächsten Sprüngen kaum. Hinterher vermutet sie: «Ich hatte mir einen gehörigen Erwartungsdruck auferlegt.»

Trotzdem gelang es Salome Lang, die Konzentration hochzuhalten und im entscheidenden Moment eine Balance zwischen Anspannung und Ruhe zu finden: «Es gelang mir, nicht zu viel zu wollen und mich nicht zu verkrampfen.»

Trotz Bestleistung nicht zufrieden

Trotz der Egalisierung der persönlichen Bestleistung war Salome Lang nicht zu 100 Prozent zufrieden. «1,90 Meter und die Limite für die Hallen-Europameisterschaften im März wären schon toll gewesen», sagt sie. Noch bleiben fünf Wochenenden bis zum Selektionstermin. Darum sagt Salome Lang auch: «Mir ist schon mal ein riesiger Stein vom Herzen gefallen.» Nach den Uni-Prüfungen in dieser Woche und dem geglückten Comeback wird sie an allen fünf Wochenenden Wettkämpfe absolvieren.

Nach der Hallen-EM im März will Salome Lang auch an den U23-Europameisterschaften im Juli im schwedischen Gävle antreten. Vor zwei Jahren war sie Vierte, jetzt liebäugelt sie mit dem Podest. Auch auf ihr Heimspiel, die Elite-Schweizer-Meisterschaften im August in Basel, freut sich Salome Lang. Und wenn der Rücken hält, könnten auch die Weltmeisterschaften im Herbst in Doha noch zu einem Thema werden. Die stellen zwar kein direktes Saison-Ziel dar, dennoch ist Salome Langs Optimismus nicht unbegründet: «Ich bin noch nie auch nur annähernd so gut in eine Saison gestartet.»