Arnold Gjergjaj, die Poster vom Kampf gegen David Haye hängen hier in Ihrem Boxclub immer noch an den Wänden. Warum haben Sie die noch nicht abgenommen?

Arnold Gjergjaj: Diese Poster wurden vor dem Kampf schon aufgehängt. Diese nun abzunehmen, bringt nichts, da sie ja ihren Platz dort haben. Wenn ich heute an den Postern vorbeilaufe, denke ich immer an den Kampf zurück. Dass da etwas schiefgelaufen ist. Die Poster sind meine Motivation für weitere Kämpfe.

Sie haben sich den Kampf gegen Haye anders vorgestellt.

Klar! Ich war vor einem Kampf noch nie so sicher, habe mich noch nie so gut gefühlt. Obwohl es bisher der Schwerste meiner Karriere war. Haye ist ja einer der besten Boxer der Welt zurzeit. Ich war mir aber so sicher, dass der Kampf gut laufen würde. Dann ging alles sehr schnell.

Sie haben in Interviews gesagt, dass sie vor dem Kampf gegen Haye keine Anspannung spürten. Warum?

Ich weiss es nicht. Normalerweise steigt mein Puls immer an, wenn ich vor einem Kampf den Ring betrete. Dann werde ich normalerweise auch immer ein wenig nervös. Gegen Haye war das nicht so. Da dachte ich schon: «Etwas stimmt nicht, etwas ist komisch.» Das war ein Fehler. Ich hätte von Anfang an wach sein sollen.

Dann ging es los – und es war dann auch schnell wieder vorbei.

Nach dem ersten Gong habe ich keine Erinnerung mehr. Ich kann mich nur noch erinnern, dass es so war, als wären drei, vier Hayes vor mir, die auf mich einprügeln.

Was haben Sie gedacht, als Sie nachher die Bilder im Fernsehen sahen?

Ich habe mir den Kampf noch nicht angeschaut. Einzelne Ausschnitte schon, aber nicht den ganzen Kampf. Eigentlich sollte man seine Kämpfe im Nachhinein immer analysieren. Aber ich bin noch nicht bereit dazu.

Werden Sie das irgendwann können?

Wenn ich es wieder gut gemacht habe, dann vielleicht schon.

Wie war die Stimmung dann in der Garderobe, nach dem Kampf?

In diesem Moment kannst du gar nichts mehr machen, der Kampf ist dann vorbei. Mein Trainer (Angelo Gallina; Anmerkung der Red.) und ich haben dort auch nicht besprochen, was ich hätte besser machen müssen. Das werden wir jetzt aber tun, in den nächsten Wochen, wenn wir uns auf den nächsten Kampf vorbereiten. Wir müssen klar ansprechen, was gut lief und was weniger gut war. Eigentlich habe ich mich ja diszipliniert auf den Kampf gegen Haye vorbereitet, gut trainiert (überlegt). Vielleicht aber auch nicht. Bei einem solchen Gegner wie Haye brauchst du eine andere Vorbereitung.

Bessere Sparringpartner?

Das auch. Aber vor allem eine bessere Vorbereitung. Man muss mit Profis zusammen arbeiten, die Erfahrung haben. Solche, die schon viele Vorbereitungen auf solche Kämpfe durchgemacht haben. Nur solche Leute können wissen, wie das alles funktioniert. Ich kann das nicht, auch Angelo kann das nicht. Er hat bis jetzt alles richtig gemacht, aber für weitere Kämpfe braucht man auch andere Leute. Aber solche Trainer gibt es nicht wirklich viele oder sie stehen bereits unter Vertrag.

Gibt es einen Trainerwechsel in Ihrem Team?

Das müssen wir anschauen. Für einen Trainerwechsel muss man auch investieren. Wenn ein Trainer extra für mich aus Amerika in die Schweiz käme, müsste er sich hier zuerst wohlfühlen. Dann ist es egal, wie viel Lohn man ihm zahlt. Er würde nicht da bleiben, wenn es ihm nicht passt. Und das gleiche gilt für mich. Ich könnte das hier alles auch nicht verlassen.

Wie geht es Ihnen körperlich nach dem Kampf gegen Haye?

Es ist jetzt wieder ok. Ich hatte in den Ferien im Kosovo einen Autounfall, bei dem mir einer von der Seite ins Auto gefahren ist.

Wie schlimm war der Unfall?

Ich musste ins Spital, hatte den Fuss verletzt. Meine Frau, die auch im Auto sass, hatte Prellungen an den Rippen. Als ich nachher unser Auto sah, wurde mir klar, dass ich zehn Schutzengel an meiner Seite hatte. Es war schlimm.

In einem solchen Moment rückt wohl die Niederlage bei einem Boxkampf plötzlich in den Hintergrund?

Genau das habe ich auch gedacht. Im Moment des Unfalls geht alles so schnell. Und nachher schaust du nicht, ob es dir gut geht, sondern den Leuten, die mit dir im Auto sitzen. Meine Schwester, die neben mir sass. Mein Schwager, meine Frau. Und ich war am Steuer. Doch es war mir zuerst nur wichtig, ob sie unverletzt sind. Erst dann habe ich auf mich geschaut, ob alles stimmt. Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert.

Wie kam es zum Unfall?

Der Mann, der mit uns kollidiert ist, war während der Fahrt am Handy. Er hat nicht gebremst, hat nicht gemerkt, dass er auf die falsche Seite der Strasse gekommen ist. Ich habe natürlich versucht, auszuweichen. Er hat uns aber trotzdem erwischt, zum Glück nur leicht an der Seite. Fünf Zentimeter haben gefehlt und er hätte mich frontal erwischt. Diese Leute, die während dem Fahren am Handy sind, sollte man gleich für zwei, drei Wochen einsperren.

Immer mehr Leute sind während dem Fahren am Handy, spielen Pokemon oder sonstiges.

So etwas Blödes würde ich nie spielen. Die Welt ist schon ein wenig seltsam, wenn man sich Zeit für solche Spiele nimmt. Man könnte viel schönere Sachen machen als immer am Handy zu sein. Lieber geht man in den Wald, grillieren mit Kollegen. Oder man liest ein Buch oder macht Sport. Uns geht es eigentlich so gut.

Genau aus diesem Grund können sich die Menschen vermutlich auch Zeit nehmen für solche Spiele. Weil es ihnen zu gut geht.

Genau. Ich habe in meiner Heimat Kosovo Krieg erlebt. Das war schrecklich! Ich käme nie auf die Idee, solchen Unwichtigkeiten wie ein Spiel auf dem Handy einen Wert zu geben. Es geht doch einfach darum, frei zu leben. Um Familie, um Freunde.

Was denken Sie über den vermehrt aufkommenden Terror in Europa?

Das ist alles ganz schlimm. Das hat doch gar nichts mehr mit Glauben zu tun. Ein normal gläubiger Mensch würde nie sagen: «Bring einen anderen Menschen um.» Ich weiss echt nicht, was das für eine Politik ist. Ich glaube nicht, dass es je einen Pfarrer gegeben hat, der gesagt hat: «Schau, der ist ungläubig, bringe ihn um.» Auch das, was in Frankreich passiert ist, finde ich unglaublich. Da feiert man ein schönes Fest und dann kommt einer und überfährt alle und fängt dann noch an zu schiessen. Einer, der so etwas macht, ist müde vom Leben.

Kam es bei Ihnen im Boxclub je zu Gewalt neben dem Ring?

Nein, noch gar nie. Hier im Boxclub ist es wie in einer Familie, mit vielen verschiedenen Charakteren, die sich durch den Sport auch öffnen können. Ich habe hier Jugendliche bei mir, aber auch alte Menschen. Der Älteste ist 76. Der ist topfit. Der kommt zu mir, weil er einfach Spass am Boxen hat. Früher hat er nie geboxt, aber er hat mir gesagt: «Ich will das jetzt noch richtig lernen, bevor ich sterbe.» Dieser Typ macht eine Stunde Training mit, als wäre er 15.

Nochmals zum Kampf gegen Haye: Haben Sie die Niederlage mental verarbeitet?

Langsam schon. Es muss weitergehen. Zwei Monate waren genug, man muss nach vorne schauen. Ich war eine Woche im Kosovo, habe meine Familie besucht. Das habe ich genossen.

Was hat Ihre Familie nach dem Kampf gegen Haye gesagt?

Meine Mutter und mein Vater haben mich nicht gefragt: «Warum hast du verloren?» Sie waren nur froh, dass ich gesund bin.

Wie haben Sie die extreme mediale Kritik nach der Niederlage wahrgenommen?

Für das sind die Medien da, kritisch zu sein. Aber es hat mir natürlich schon weh getan. Ich habe vor dem Kampf gegen Haye immerhin 29 mal gewonnen, war die Nummer 22 der Weltrangliste.

Sie haben die Kritik also mitbekommen?

Nur oberflächlich. Aber man bekommt es irgendwie immer mit. Es gab aber auch positive Rückmeldungen von vielen meiner Fans. Familie und Boxfreunde aus Basel, die mir auf die Schulter geklopft und gesagt haben: «Du musst weitermachen!»

Gab es niemanden aus dem Freundeskreis, der Ihnen zum Rücktritt geraten hat?

Nein, niemand. Es wäre ja auch schade. Ich bin im besten Box-Alter. Und ich will es mir selber beweisen, dass ich es besser kann als gegen Haye.

Was hat Ihnen nach der Niederlage bei der Erholung geholfen?

Das war sicher mein Boxclub. Wieder mit den Leuten zusammen zu kommen, sie zu trainieren.

Haben Sie selber das Training wieder aufgenommen?

Ja, bereits vor den Ferien im Kosovo, habe ich wieder mit leichtem Training angefangen. Ich bin jeden Tag in Bewegung.

Wieso machen Sie weiter?

Weil ich es besser machen möchte.

War Ihnen das von Anfang an klar, also direkt nach der Niederlage?

Nein, in den ersten zwei, drei Wochen nach dem Kampf wollte ich alles hinschmeissen, aufhören. Das war schon immer so bei mir. Wenn ich früher bei den Amateuren Kämpfe verloren habe, wollte ich danach auch immer aufhören. Aber danach war ich immer stärker. Auch meine Frau sagte, dass ich weiter machen soll.

Was müssen Sie verbessern in Hinsicht auf kommende Kämpfe?

Ich muss mit Leuten zusammenarbeiten, die Erfahrung haben. Aber das müssen wir jetzt im Team alles noch besprechen. Vielleicht haben die auch eine ganz andere Meinung dazu, wie ich.

Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und Trainer Angelo Gallina?

Das ist gut, war es schon immer.

Ist ein Titel-Kampf nach dieser Niederlage noch realistisch?

Sicher, das ist immer noch mein grosser Traum. Ich war ja kurz davor. Hätte ich Haye geschlagen, wäre mir ein Titel-Kampf sicher gewesen.

Was müssen Sie tun, um wieder so weit zu kommen, wie vor dem Haye-Kampf?

Dafür braucht es sicher zwei Kämpfe, zwei Siege. Das müssen aber Gegner sein, die mich weiterbringen.

Wann steht der nächste Kampf an?

Vermutlich im November, vielleicht auch Dezember.

Aber Angst vor dem nächsten Kampf haben Sie jetzt nicht, nach dieser deutlichen Niederlage?

Nein, Angst habe ich nicht (überlegt). Also doch, Angst vor einer weiteren Niederlage habe ich schon. Aber es muss weiter gehen.