Die St. Jakobshalle liegt grösstenteils im Dunkeln. Nur die vier Felder sind beleuchtet, auf denen sich die Athleten flink bewegen. Mit grosser Wucht dreschen sie auf den Shuttle, der sich im Flug verlangsamt, nur um ebenso präzise wieder retourniert zu werden. Die Schuhsohlen quietschen auf dem grünen Boden und die Shuttels zischend durch die Halle. Die Qualifikation des internationalen Turniers Swiss Open ist in vollem Gange.

Christian Kirchmayr beobachtet das Geschehen von der Tribüne aus. Die Nummer 2 des Schweizer Badmintons kann es kaum erwarten, den blauen Trainer abzustreifen und selbst auf den Platz zu stehen. Dabei war seine Teilnahme lange ungewiss. Erst am Vorabend erfährt der Therwiler, dass er von der Reserveliste auf die Teilnehmerliste gerutscht ist. «Dass ich hier bin, ist ein grosser Glücksfall», sagt der Blondschopf.

Langwierige Verletzung

Denn Kirchmayr hat eine schwierige Zeit hinter sich. Im Oktober verschoben sich zwei Wirbel, Schwellungen und Risse an den Bandscheiben folgten. Auch eine Kortisonspritze im Januar brachte nicht die gewünschte Wirkung. Kirchmayr konnte nicht richtig trainieren, an Ernstkämpfe war schon gar nicht zu denken, und rutschte in der Weltrangliste bis auf Position 266 ab. Es war der erste Härtetest in der Karriere des 23-Jährigen. «Doch ich habe nie gezweifelt. Ich wusste immer, dass ich zurückkommen werde», sagt er. Mit hartnäckigem Aufbautraining und eisernem Willen hat er gegen die Rückenprobleme angekämpft. Und reüssiert.

Umso schöner ist es nun für ihn, sein Comeback an seinem Lieblingsturnier zu geben: «Den ersten Ernstkampf nach fünf Monaten Verletzungspause am Swiss Open zu bestreiten, ist wunderschön.» Auch, weil seine Familie und seine Freundin anwesend sind, um ihn zu unterstützen.

Obwohl er vor Heimpublikum spielt, setzt sich Kirchmayr keinen grossen Druck auf: «Ich freue mich einfach, wieder auf dem Platz zu stehen und werde sehen, was möglich ist.» Sein Trainer John Dinesen ist zuversichtlich: «Er ist zurück. Und er ist wohl weiter, als er selbst glaubt.» Die Verletzung habe Kirchmayr überwunden – nur den Muskelkater werde er wohl mehr spüren als gewohnt. Trotzdem: Am Swiss Open ist er bereits in der 1. Runde gegen Lucas Corvée ausgeschieden. Noch fehlen die Matchpraxis und das blinde Vertrauen in den eigenen Körper. «Das Hauptziel ist es, hier in Basel einen guten Einstieg zu schaffen und schnell wieder in den Turnierrhythmus zu finden», sagt Dinesen.

Ziel: Tokio 2020

Doch auch wenn Kirchmayr in Topform wäre – er hätte am international hervorragend besetzten Swiss Open wohl keine ernsthafte Chance gegen die Badmintonstars aus Asien. Die Athleten des östlichen Kontinents dominieren die Szene auf allen Ebenen. Das ist auch nicht verwunderlich, ist Badminton in Asien doch die Volkssportart schlechthin.

In der Schweiz gehört Kirchmayr zu den wenigen Profis. Seit 2014 trainiert er mit dem Nationalteam in Bern. Zwei Einheiten pro Tag, sechs Tage die Woche. Daneben studiert er Rechtswissenschaften an einer Fern-Universität. Viel Zeit für anderes bleibt ihm nicht – auch nicht zum Geldverdienen. Er «überlebt» vom Badminton dank Beiträgen von Sponsoren, Stiftungen und dem Militär, wo er die Sport-RS absolviert hat. Durch sein Leben als Profi wird Kirchmayr nicht reich. Doch das ist auch nicht sein Ziel. Er will lieber in die Top 200 der Weltrangliste. Danach möchte er es unter die hundert Besten schaffen. Sein grösster Traum aber ist die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio. Der letzte Schweizer, der an Olympischen Spielen teilgenommen hat, war Christian Bösiger 2008 in Peking. Kirchmayr hat sich also ein hohes Ziel gesteckt.

«Da wartet noch viel Arbeit auf uns», meint Trainer Dinesen. Doch: «Kirchmayr hat die Einstellung dazu. Seine Ankündigungen sind keine leeren Worte.» Der Weg ist noch weit. Am Swiss Open beginnt er.