Auf einmal blüht Edon Zhegrova auf. Die Augen sind wacher als in den Gesprächsminuten zuvor. Er gestikuliert, lächelt. «Es ist einfach ein fantastisches Gefühl. Es ist perfekt. Ich liebe es einfach.» Edon Zhegrova spricht über seine Anfänge. Wie er als kleiner Junge auf den Strassen Prishtinas spielte.

Dort, wo er am liebsten spielt. Weil es für ihn der reine Fussball ist. «Wenn du Strassenfussball spielst, dann kennst du die wahre Bedeutung des Sports. Du liebst den Fussball mehr.» Von morgens bis in den Nachmittag sei er durch die Strassen gejagt, immer mit dem Ball am Fuss oder dem Ball hinterher. Es ist ein romantisches Bild in einer Welt, in der alles immer strukturierter wird. Wieso er es auf den Strassen so mag?

«Weil du frei bist.» Einfach tun zu können, was man wolle, das macht es für ihn aus. «Du kannst Tricks machen, Pässe spielen, Tore schiessen. Du hast niemanden da, der dir sagt, was du tun sollst. Kein Trainer, keine Fans, kein Druck, gar nichts.»

Keine Medientermine vor Startelf-Debüt

Wenn Zhegrova vor einem steht und das erzählt, sieht man ihn wahrlich vor sich als kleinen Jungen in den Strassen Prishtinas. Vom Äusseren wirkt er mit seinen 20 Jahren noch immer sehr jung, sein Gesicht ist jugendlich.

Er wirkt etwas schüchtern, aber gleichzeitig klar und überlegt. So überlegt, dass er beispielsweise bis in dieser Woche, nach seinem ersten Startelf-Einsatz, keine Medientermine hat wahrnehmen wollen. Er wollte sich auf den Fussball konzentrieren, liess er jeweils ausrichten.

Auch klubintern hat er keine Interviews gegeben. Dabei interessiert seine Geschichte. Im Februar hat sich Zhegrova dem FC Basel angeschlossen. Gepriesen als «Kosovo-Messi», mit vielen Vorschusslorbeeren. «Schon als ich jung war, sagten viele Leute, ich würde wie Lionel Messi spielen. Aber ich denke das nicht. Ich sage auch nicht, dass ich wie er spiele. Ich bin Edon Zhegrova. Ich bin nicht Lionel Messi.»

Die Flucht vor dem Krieg

Doch wer ist Edon Zhegrova, dieser 20-jährige Fussballer, der sich gerne auf Instagram zeigt, aber gleichzeitig sagt, dass ihm soziale Medien eigentlich gar nicht so wichtig seien? Geboren wurde er in Deutschland. «Meine Eltern sind während des Kosovo-Krieges dorthin geflüchtet.» Erinnerungen an sein Geburtsland hat er keine mehr. Deutsch spricht er nicht, «aber ich werde es schnell lernen».

Mit zwei Jahren zieht die Familie Zhegrova zurück in die Heimat, in den Kosovo. Dort wächst Edon auf. Mit fünf schliesst er sich einem Verein an, «aber auf der Strasse habe ich deshalb immer noch gespielt». Die Augen blitzen. Erneut. Früh fällt er auf, wird als einer von fünf Spielern an einem Turnier des AC Mailand im Kosovo entdeckt und nach Mailand eingeladen. Dort spielt er vor, die Italiener sind begeistert von ihm. Man werde ihn dereinst verpflichten, wenn er 18 sei, heisst es.

Da er die kosovarische Staatsbürgerschaft besitzt und der Kosovo damals nicht der Uefa und der Fifa angehört, gestalteten sich Transfers kompliziert. Er wird von PSG, Arsenal und Barcelona beobachtet, transferiert wird er aber mit 15 zu Standard Lüttich. Belgien statt Barça. Von Letzterem träumt er noch immer. Barcelona ist eines seiner Lieblingsteams, immer habe er ihre Spiele geschaut, sie bewundert. Dieser Traum ist damals noch weit weg, Belgien die Realität.

Die Aufopferung der Familie

«Die Geschichte, wie ich in Belgien gelandet bin, ist kompliziert. Sie dauert lange», sagt er. Erzählen mag er sie noch nicht. «Ein anderes Mal. Ich habe sie noch nie erzählt. Aber sie ist einzigartig für einen Spieler aus dem Kosovo oder Albanien. Noch nie ist einem Spieler von hier so etwas passiert.» Also Belgien. Lüttich. «Scouts hatten mich bei einem Spiel beobachtet, bei dem ich fünf Tore geschossen habe. Dann wollten sie mich unbedingt.»

Zhegrova unterschreibt, seine ganze Familie zieht nach Belgien. Mit ihm seine Eltern und die zwei Geschwister, beide sind jünger. «Meine Eltern haben viel für mich geopfert. Sie wollten, dass ich im Fussball Erfolg haben kann. Im Kosovo ist das schwierig. Sie wollten das Beste für mich.» In Belgien wird er zum Profi, sein Debüt gibt er beim KRC Genk.

Er schiesst seinen Klub in den Cuphalbfinal, «eine meiner schönsten Erinnerungen an die Zeit dort». Aber es gibt auch schlechte Erinnerungen. Weil er kaum spielt, will er weg. Sein Trainer sagt, er habe das Training geschwänzt, um den Wechsel zum FCB in diesem Frühjahr zu erzwingen.

Die Zukunft heisst Basel

«Ich war immer da. Er hat das wohl gesagt, weil er wollte, dass ich bleibe», kontert Zhegrova. Wo die Wahrheit liegt, weiss nur er selber. Das Thema ist ihm nicht lieb, er spricht in kurzen Sätzen. Das mag er ohnehin. Was er nicht mag? «Über meine Trainer sprechen», sagt er. «Nie.»

Es ist Vergangenheit. Die Zukunft heisst Basel. Hier wollte er hin, «weil schon viele gute Spieler hier gespielt haben.» Spieler wie Xherdan Shaqiri oder Granit Xhaka, mit denen er sich austauscht, auf die er hört, zu denen er aufschaut. «Ich bin stolz darauf, was sie erreicht haben, wie alle im Kosovo.»

Der Kosovo ist Zhegrovas Heimat, auch wenn er bald den belgischen Pass bekommt und Flämisch und Französisch spricht. Aber er wollte immer nur für den Kosovo spielen. «In der Nationalmannschaft geht es nicht darum, für das bessere Team zu spielen, sondern für jenes, für das dein Herz schlägt. Das ist für mich der Kosovo.

Dort bin ich gross geworden, dort ist meine Familie, dort sind meine Freunde. Ich liebe es, dort zu sein. Ich fühle mich fantastisch, wenn ich für den Kosovo spiele.» Da ist es wieder, dieses Aufblühen. Dieses Strahlen. Wie wenn er über den Fussball auf der Strasse spricht.