Noah Okafor vergräbt sein Gesicht im Kragen seines Jäckchens. Die Ansätze eines schüchternen Lächelns sind zu sehen. So erwachsen er ob seiner Körpergrösse und seiner ausgeprägten Physis wirkt, so juvenil sind seine Gesichtszüge und ebendieses Lächeln, das er für einen kurzen Moment zu verstecken versucht.

Noah Okafor überlegt, und sagt schliesslich: «Doch, ich hatte schon einen Plan B. Ich habe die Schule abgeschlossen und eine Ausbildung gemacht.» Aber, wenn er ganz ehrlich sei, «dann habe ich den Fussball schon immer bevorzugt und die Schule eher weniger gerne gemacht». Denn er hatte immer schon einen Traum.

Das Hier und Jetzt gibt ihm Recht. 18 Jahre jung ist Noah Okafor, und mit diesen erst 18 Jahren gehört er der ersten Mannschaft des FCB an. Fünf Tage vor seinem 18. Geburtstag feierte er sein Debüt. «Ich habe das alles gar nicht wirklich wahrnehmen können», sagt er. Rekonstruieren, was ihm durch den Kopf gegangen ist, kann er nicht mehr. «Wahrscheinlich, dass mein Kindheitstraum in Erfüllung geht. Aber ich weiss es wirklich nicht mehr. Ich hatte nur zwei Minuten Zeit, um mich aufzuwärmen, und auf einmal war ich drin.» Alles sei ganz schnell gegangen. Wie eigentlich immer in Noah Okafors Leben.

Die frühe Eigeninitiative

Seine fussballerische Karriere hätte linearer nicht verlaufen können. Vom FC Arisdorf, wo er gross geworden ist und seine Familie noch immer wohnt, wechselte er zum FCB, durchlief ab der U9 sämtliche Altersstufen, trainierte meist mit jenen des um ein Jahr älteren Jahrgangs, und machte schliesslich im Januar den ersten Schritt in die erste Mannschaft.

Er durfte mit ins Trainingslager reisen und erzielte im ersten Testspiel gleich sein erstes Tor – ein traumhaftes. Es war das endgültige Zeichen, dass mit ihm zu rechnen ist. Eher früh als spät. «Ich war immer überzeugt, dass ich es schaffen kann», sagt er selber. Und nach diesem Spiel wussten es alle im Verein. In diesem Verein, der für ihn als kleiner Junge kein grosser Begriff war. «Ich habe meine ersten Erinnerungen an den FCB, als sie mich zu sich geholt haben.»

Im Alter von acht Jahren war das – nur sechs Monate, nachdem Okafor begonnen hatte, bei Arisdorf Fussball zu spielen. «Ich hatte als Baby schon immer einen Ball bei mir. Zuerst in den Händen, dann an den Füssen, angeblich konnte ich schon mit acht Monaten laufen», sagt er und lacht. So schnell wie bei ihm alles geht, darf man ihm auch das glauben.

Entdeckt bei einem Testspiel

Den Schritt zum FC Arisdorf macht er aus Eigenantrieb. «Ich habe mit einem Kollegen Fussball gespielt und es hat mir solche Freude gemacht, dass er mir sagte, ich solle zu ihm in den Verein kommen.» Er bat die Eltern um Kickschuhe und Schienbeinschoner und meldete sich an. Selber. «Ich kann mich erinnern, dass ich ein Blatt ausfüllen musste.»

Schnell begeisterte Noah Okafor alle. In Arisdorf – und in Basel. In einem Testspiel gegen Concordia wurde er vom FCB entdeckt und in der Folge verpflichtet. Seit er 15 ist, wohnt er im FCB-Wohnhaus, wo jeweils jene Talente untergebracht sind, die nicht aus der Region sind. Dass Noah Okafor auch ins Wohnheim berufen wurde, ist ungewöhnlich. «Sie wollten mich intensiver beobachten können», sagt er, wohl wissend, dass nur die grössten Talente aus der Region ins Wohnheim ziehen.

Anrufe aus Nigeria

Einfach sei es nicht gewesen, so früh wegzugehen von seiner Familie. Aber für seinen grossen Traum wagte er auch diesen Schritt. «Anfangs war es schon komisch, nicht mehr zu Hause zu wohnen. Aber ich habe meine Familie fast jeden Tag gesehen, das hat mir geholfen.» Seine Familie, sie bedeutet Noah Okafor viel. Vier Geschwister hat er, einen älteren Bruder und eine ältere Schwester sowie zwei jüngere Brüder, Elijah und Isaiah. Letztere spielen beide auch im Nachwuchs des FCB, eifern dem grossen Bruder nach. «Sie wollen alles genau so machen wie ich.»

Wenn er spricht, spricht er unaufgeregt, ruhig, in kurzen Sätzen. Die Haltung ist cool, die Arme sind verschränkt. Der Blick fällt auf seine Zahnlücke und seinen mittlerweile kurz geschnittenen, blondierten Afro. Noah Okafor hat nigerianische Wurzeln, sein Vater ist im Alter von 17 Jahren via Österreich und München nach Basel gekommen.

Von ihm hat Noah Okafor die Liebe zum Fussball, auch er habe gespielt in Nigeria. Nigeria ist Okafors zweite Heimat, auch wenn er sich in der Schweiz zu Hause fühlt. Drei Mal war es bislang da, zuletzt als er acht alt war. Seine zweite Heimat bemüht sich bereits um ihn, beinahe täglich bekomme sein Vater Anrufe von Vertretern der A-Nati und den Verantwortlichen der U23, welche in zwei Jahren an den Olympischen Spielen teilnimmt – am liebsten mit Noah Okafor.

Das einzige Tief

In diesen Zeiten, wo so viel auf ihn herein prasselt, gibt ihm die Familie Halt – und die Religion. Seine Eltern sind sehr gläubig, auch deshalb haben alle Kinder biblische Namen. Okafors zweiter Name Arinzechukwu - kurz Arinze - bedeutet im Nigerianischen «sei gesegnet». Vor Spielen betet er, «dass es mir gut läuft und ich mich nicht verletze». Bislang blieb er fast verschont. Aber nur fast. Weil er mit 15 innerhalb eines Jahres zehn Zentimeter gewachsen war und seinen wachsenden Körper überbelastet hatte, entzündete sich das Schambein.

Sechs Monate musste er zuschauen, erst nach neun konnte er wieder Spielen. Es war das einzige Tief, durch das Noah Okafor gehen musste. Mithilfe der Religion, der Familie und einem Mentaltrainer fand er hinaus, wurde mental stark, wie er erzählt. «Von da an wusste ich: Ich habe es in meinen eigenen Händen, Profi zu werden.» Eine Lehre beim Ochsner Sport hat er dennoch absolviert und abgeschlossen. Auch wenn es für ihn immer nur den Fussball gab. Diesen einen Traum. Den Traum, den er sich jetzt erfüllt hat.

Ausland abgelehnt

Bevor er am 31. Januar seinen ersten Profi-Vertrag beim FCB unterschrieben hat, hätte er auch ins Ausland wechseln können. Vereine aus England und Deutschland wollten den Offensivspieler. Noah Okafor aber schlug aus, obwohl seine Freunde Nishan Burkart (Manchester United) und Lorenzo Gonzalez (Manchester City) diesen Weg wählten. «Ich wollte hier bleiben. Hier habe ich meinen Freundeskreis, meine Familie. Und hier ist der Sprung einfacher.»

Wenn es sehr gut läuft, will er irgendwann gerne ins Ausland. Vielleicht zuerst nach Deutschland, dann nach England. Ob er damit wartet, bis sein 15-jähriger Bruder auch in der ersten Mannschaft ist, um wenigstens einmal mit ihm zusammen spielen zu können? Noah Okafor vergräbt sein Gesicht im Kragen seines Jäckchens. Er sagt nichts, und damit alles. Schliesslich hat er einen Traum. Und Träume, die pflegt sich Noah Okafor zu erfüllen.