«Aus einer Blödheit», sagt Marcia Eicher. Deshalb habe sie wieder angefangen, Rennen zu fahren. Und startete damit eine Art zweite Karriere. 

Eicher ist so. Unbekümmert. Locker. Nicht so verkopft wie viele der anderen Rennfahrerinnen es im Vergleich zu ihr zu sein scheinen. Oft hätten Team-Kolleginnen oder Konkurrentinnen Angst, erzählt die 47-Jährige. Angst aber war etwas, das ihr stets fremd war. «Ich fahre einfach Rad.» So einfach, wie es bei ihr klingt, so einfach scheint es für sie auch zu sein.

In ihrer Comeback-Saison wurde Eicher gleich noch Masters-Weltmeisterin. Das Adrenalin war zurück. «Ich habe mich dann mit dem BH-Cycling-Team zusammengetan, dem damals einzigen Frauen-Radsportteam der Schweiz», erzählt Eicher, als sie uns in ihrem Zuhause in Allschwil empfängt. Barfuss sitzt sie uns gegenüber – und spricht einfach drauflos. Radfahren ist ihre Leidenschaft. Und sie hat so viel erlebt, all ihre Anekdoten wären stundenfüllend.

Nach ihrem Beitritt beim BH-CyclingTeam eröffnete ihr der damalige sportliche Leiter, dass er aufhören wolle. Es wäre das Ende gewesen für den Schweizer Frauen-Radsport. Wäre Eicher nicht gewesen. «Ich habe mich sofort gefragt: ‹Wer soll ein Team gründen oder eines weiterführen, wenn nicht ich?›» Man könne nicht immer erwarten, dass andere Menschen alles für einen machen. Manchmal müsse man die Initiative ergreifen. Ohne zu zögern, tat sie das.

Hausbau als Vorbild

«Mit 25 hätte ich diesen Mut vielleicht noch nicht gehabt. Aber jetzt bin über 40.» Also fing sie an zu planen. So, wie sie es auch in ihrem Beruf zu pflegen tut. Die gelernte Architektin kreierte zuerst Baupläne, wie ihr Team aussehen sollte. Sechs Fahrerinnen umfasst es heute.

Dann legte sie den Grundstein für die Realisation des Projektes: Sie suchte mit ihren Mannschaftskolleginnen Sandra und Martina Weiss Sponsoren. «Kein einfaches Unterfangen», wie sie sagt. Seit den Doping-Skandalen der 90er-Jahre friste der Radsport ein Mauerblümchen-Dasein. Kaum jemand wolle Geld investieren. Zu ramponiert ist der Ruf. In ihrer eigenen Person, sowie jenen der Weiss-Schwestern, fand sie die tragenden Säulen, die das Management übernehmen. Und für die Vollendung brauchte sie noch jemanden, der über allem steht, ein Äquivalent eines Hausdachs: einen Trainer. Gefunden hat sie Gregor Lange.

Später Einstieg ins Renngeschehen

Eicher selber hat zwar viel Erfahrung, Dinge wie Trainingspläne widerstrebten ihr aber immer. Die gebürtige Belgierin ist mehr der Mensch für die Emotionen und die Impulse. Und sie will die Erfahrung aus neun Jahren Profi-Karriere weitergeben. «Für mich war der Radsport immer ein Teamsport.» Deshalb fördert sie heute ihre jungen Mitfahrerinnen, versucht, sie besser zu machen. Dasselbe gilt für die Junioren ab 9 Jahren, die sie trainiert. Der Antrieb dafür ist simpel: Sie sieht ihren geliebten Sport aussterben.

«Wir brauchen dringend Nachwuchs. Zu meiner Zeit starteten an Rennen in der Schweiz noch 60 Frauen, heute sind es gerade mal 20. Also braucht es überall Unterstützung, und die gibt es nur durch so durchgeknallte Menschen wie mich, die diesen Sport so schön finden.

Doch was eigentlich macht diese Faszination aus? «Das sind ursprüngliche Gefühle aus meiner Kindheit, als ich mit der Freiheit auf diesem Vehikel wissen wollte, wie weit ich mit eigener Muskelkraft komme.» Damals wusste sie noch nicht, dass es so etwas wie Profi-Rennen gibt.

Marcia Eicher (r) auf ihrem Rennvelo.

Marcia Eicher (r) auf ihrem Rennvelo.

Ahnungslos in die Nati

Darin rutschte sie im für Sportler eher späten Alter von 24 hinein, als ihr im Veloclub Allschwil gesagt wurde, sie habe Talent und solle sich eine Lizenz lösen. «Ich hatte keine Ahnung, wovon die da redeten. Ich habe nie Sport gemacht, ich bin einfach gerne Velo gefahren.»

Ihre Ahnungslosigkeit führte sie nach einem Jahr in die Nati, später nach Italien und Frankreich, wo sie als Profi-Radrennfahrerin lebte, neun Medaillen an Schweizer Meisterschaften sammelte, Rundfahrten gewann und 1997 an der Tour de France gar Siebte im Schlussklassement wurde. Es ging ihr aber nie nur um Resultate. «Das ist vielleicht auch ein Fehler», gesteht sie. Sie, die Teamplayerin, die ihre jetzige Aufgabe als Sportliche Leiterin als «Mission» bezeichnet. Eine Mission, Junge zu fördern, aber auch ihren Sport am Leben zu erhalten und wieder etwas populärer zu machen.

Auch deshalb fährt sie an diesem Sonntag in Zunzgen am GP Oberbaselbiet. Solche Rennen seien unheimlich wichtig für die Förderung des Sports. Geht es um diesen Wettkampf, kommt aber doch noch etwas der Ehrgeiz durch. «Wir fahren auf alle Fälle auf Sieg.» Alles andere wäre in ihren Augen eine Blödheit.