Der Eidgenössische Schwingerverband (ESV) glaubte einmal mehr, in der Dopingbekämpfung alles unter Kontrolle zu haben. Wie in der Schwingerszene bekannt, erkrankte der Wolfisberger Bruno Gisler wenige Tage vor dem Saisonhöhepunkt in Burgdorf. Der Nordwestschweizer Königsanwärter kämpfte vehement und, wie sich nun zeigt, mit unerlaubten Mitteln gegen eine Grippe.

Der 30-jährige Gisler, der in der Sägemehlszene als loyaler, umgänglicher, aber auch sehr seriöser Athlet gilt, traf die Dopinganschuldigung schwer. Plötzlich muss er über die Schwingerwelt hinaus beweisen, dass er sich nicht mit unerlaubten Mitteln dopen, sondern lediglich sein Fieber eindämmen wollte.

Erklärung wirft Fragen auf

Im Gegensatz zu anderen ertappten Dopingsündern stellte sich der Spitzenschwinger der Öffentlichkeit, um seine Unschuld aufzuzeigen. Mit seinem Umfeld und Team hatte man nach Erklärungen gesucht und schliesslich einen Weg gefunden, wie die verbotene Substanz «Nikethamid» in seinen Körper gelangt sein könnte. Doch die Geschichte mit der Verwechslung eines Spagyrik-Sprays seiner Frau hielt der chemischen Analyse seiner Urinprobe nicht lange stand. Fachleute, allen voran Mathias Kamber, der Direktor von Antidoping Schweiz, zweifeln den Erklärungsversuch von Bruno Gisler an. Am wahrscheinlichsten sei die Einnahme des Sugus-ähnlichen Lutschmittels Gly-Coramin. In diesem kommt das künstlich erzeugte Stimulanzium vor. Darauf angesprochen, erklärte der Solothurner Spitzenschwinger gegenüber dem Schweizer Fernsehen, dass er dieses Mittel nicht eingesetzt habe.

Aber Gisler sieht sich weiter in die Enge getrieben. Der Hersteller des homöopathischen Sprays wehrt sich gegen die Anschuldigungen. Inzwischen steht auch der Verbandsarzt der Nordwestschweizer Schwinger, Dr. Urs P. Martin, im Gegenwind. Er hatte ausgesagt, Nikethamid komme auch in der Natur vor. Der Spagyrik-Spray-Hersteller widerspricht dieser Behauptung.

Schwingerverband reagiert

Der ESV akzeptierte die Verwechslungsthese von Gisler. Er erkannte ein «leicht fahrlässiges» Verhalten und sprach lediglich eine sechsmonatige Sperre aus. Mit den Zweifeln an Gislers Erklärungen zum positiven Dopingtest wächst auch die Kritik am Schwingerverband. Alle grösseren Sportverbände der Schweiz unterstehen Swiss Olympic und damit einer unabhängigen Dopingstrafbehörde. Im Sägemehlsport ist dies nicht der Fall. Der ESV gehört Swiss Olympic nicht an und regelt die Dopingbekämpfung auf eigene Faust. Zwar wird die korrekte Durchführung von Dopingkontrollen Swiss Olympic übertragen. Doch über die Anzahl und das Strafmass bei positiven Tests entscheidet die verbandseigene Dopingkommission, basierend auf einem eigenen Dopingreglement. Abschliessende Rekursinstanz ist der Zentralvorstand.

Nun hat der Eidgenössische Obmann Mario John gegenüber dem Schweizer Fernsehen eingeräumt, dass der Verband einen Beitritt zu Swiss Olympic und damit die Übertragung der Dopingbekämpfung in Betracht ziehe. Allerdings sei die Zeit bis zur Jahresversammlung im März 2014 zu knapp.

Zu wenig Kontrollen

2012 führte der ESV lediglich 18 Kontrollen durch. Im Judo, einer anderen Kampfsportart, testete Swiss Olympic hingegen 91 Mal. Obwohl die Schwinger im eidgenössischen Jahr über 20 Athleten überprüften, betont Mathias Kamber immer wieder, dass eine solche Anzahl für eine glaubwürdige Dopingbekämpfung viel zu tief sei. Noch im August sagte der Antidoping-Schweiz-Direktor: «Wenn sich Schwingen als saubere Sportart präsentieren kann, ist dies unbezahlbar.» Vier Monate später sieht er sich jäh bestätigt.