Sie toben. Fabian Frei, Taulant Xhaka und Albian Ajeti stürmen in die Katakomben der Stockhornarena. «Scheissdreck!» ist noch eines der netteren Worte, das sie schreien. Ajeti tritt einen Trainingsdummy beinahe kaputt. Und Frei wendet sich an die Journalisten und ruft: «Jetzt bin ich aber gespannt, ob etwas steht! Oder ob nur über die letzten 20 Minuten geschrieben wird!» Ein emotionaler Ausraster, wie er Seltenheitswert hat.

Was ist passiert? Der FC Basel hat soeben das Spiel gegen den FC Thun mit 2:4 verloren. Und das, obwohl man bis zur Nachspielzeit der ersten Halbzeit 2:0 in Führung gelegen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt ist der FCB konzentriert, kontrolliert, kompakt. Doch danach beginnt sich der Abend für den FCB zu wenden. Basil Stillhart erzielt aus einer Offside-Position das 1:2. Unverdient, haben die Thuner bis zu diesem Zeitpunkt doch eine blutleere Leistung gezeigt. Zwar haben sie mehr Ballbesitz, das jedoch entspricht dem Matchplan des FCB.

Die Thuner scheint die Aufgabe, nach sechs Jahren wieder einmal gegen den FCB gewinnen zu müssen, zu hemmen. Bestes Beispiel ist Marvin Spielmann, der einen korrekt gepfiffenen Penalty von Jonas Omlin pariert sieht. Thun ist verunsichert, der FCB hingegen steuert auf einen ruhigen Abend zu, hat alles im Griff.

Tor zu Unrecht aberkannt

Und dann dieser Anschlusstreffer. Wie gefährlich ein 2:1 sein kann, musste der FCB in der jüngeren Vergangenheit – nicht zuletzt vergangenen Sonntag – lernen. Um Ähnliches zu vermeiden, forcieren die Basler gleich nach der Pause ihren dritten Treffer. Der fällt in der 48. Minute – wird jedoch aberkannt. Zu Unrecht. Der Ball prallt von Thun-Keeper Guillaume Faivres Kopf in dessen Tor. Mit ganzem Umfang ist er drin. Das Schiri-Gespann um Stephan Klossner merkt dies nicht. Es ist ein Fehlentscheid, der die Diskussionen um die Torlinien-Technologie und den Videobeweis anheizt. Es ist ein Fehlentscheid, der den FCB bricht.

«Danach hat die Mannschaft den Kopf verloren. Es wurde extrem viel diskutiert und wir haben den Fokus auf unser Spiel verloren. Thun hat das knallhart ausgenutzt», schildert Omlin nach dem Spiel die Ereignisse. Frei musste zugeben, dass jeder zu sehr mit sich selber und dem Frust beschäftigt gewesen sei. «Dass wir nur noch an die gegen uns gepfiffenen Situationen gedacht haben, war heute tödlich für uns.» Tatsächlich verliert der FCB den Faden in der Folge komplett. Sechs Minuten nach dem nicht gegebenen Tor verschuldet Silvan Widmer einen Hands-Elfmeter. Ein weiteres Mal kann Omlin nicht retten. Es steht 2:2.

Statt sich aufzubäumen, verstrickt sich der FCB in seine Wut und das Gefühl, benachteiligt worden zu sein. «Wir sind nicht gleich behandelt worden wie der Gegner», kritisiert Frei den Schiedsrichter dezidiert, wie man das selten zu hören kriegt. Noch letzte Woche, als der FCB einen unrechtmässigen Elfmeterpfiff hinnehmen musste, nahm man dies auffällig locker. Von dieser Lockerheit war man am Samstag aber so weit weg wie von einer Stabilität in dieser Mannschaft.

Vorgeführte Schulbuben

Die Schuld aus Basler Sicht liegt beim Schiedsrichter. Dabei unterschlagen die FCB-Exponenten, dass auch sie Glück hatten. In der zehnten Minute hätte es bereits Penalty für Thun geben müssen. Nach einem Missverständnis Xhakas und Omlins holt Letzterer Dejan Sorgic von den Beinen und hat viel Glück, dass der Pfiff ausbleibt. Das war jedoch ebenso wenig Thema nach Spielschluss wie die vermisste Moral beim FCB. «Dass wir einen Stiefel gespielt haben in den letzten dreissig Minuten, wissen wir auch», zeigte sich Frei zwar selbstkritisch. Auch Omlin sagte, dass «wir wie Schulbuben herumgelaufen und von Thun ziemlich vorgeführt worden sind.» Warum dem so war, konnte niemand erklären.

Frappierend ist es aber – vor allem im Vergleich zu Thun. Während der FCB nach den Fehlevaluierungen in sich zusammenbrach, liess sich Thun nie beirren vom verschossenen Penalty. Die Gastgeber spielten sich in den Match, in einen Rausch und dank zwei Sonntagsschüssen zum 4:2.

Und der FCB? Der projizierte all seine Kraft und Emotionen auf den Schiri, statt darauf, sich anzutreiben und zu zeigen, dass man sich gefunden und gefestigt hat. In der in den letzten Wochen eben doch nur vermeintlich gefundenen Stabilität ortete Thomas Janeschitz, der den gesperrten Marcel Koller vertrat, das grösste Problem des FCB. Um herauszufinden, woran es liegt und wie tiefgreifender Änderungen es bedarf, dafür hat man aufgrund der Nati-Pause jetzt zwei Wochen Zeit. Und auch, um den wieder auf 14 Punkte angewachsenen Rückstand auf YB zu verdauen. Oder deswegen zu toben.