Jonas Omlin, Sie haben Ihre erste Woche als Nationalspieler hinter sich. Wie hat es sich angefühlt?
Jonas Omlin: Es war sicher sehr aufregend für mich, all diese Leute kennen zu lernen. Sowohl den Staff als auch die Mannschaft. Letztere ist faszinierend. Da hat es ein paar Kicker dabei, die einen gewissen Namen und schon viel erreicht haben. Daher war ich stolz, mit diesen Spielern mal trainieren zu dürfen und ein Teil davon zu sein. Es war eine coole Erfahrung, die ich gerne wieder machen würde.

War es so, wie Sie es sich ausgemalt haben?
Ehrlichgesagt konnte ich mir gar nichts darunter vorstellen. Ich hatte keine Ahnung, wie diese Woche aussehen würde. Ich wusste, dass wir zwei Spiele haben, aber wie alles drum herum aufgegleist wird, wusste ich nicht. Ich hab mir einfach vorgenommen hin zu gehen, in den Trainings meine Leistungen abzurufen und mir einfach mal alles anzuschauen. Ich habe vielleicht auch weniger gesagt als ich das sonst mache, weil ich mich einfach einleben und richtig aufgenommen werden wollte und mir diese Hierarchien und Gruppen anschauen wollte. Es gab aber auch Dinge, die mich wirklich überrascht haben.

Was denn?
Die Staffmitglieder. Ich kenne noch immer nicht alle Namen, weil es schon ein paar Leute waren. Da war ich anfangs völlig überfordert! (lacht)

Sie waren zwar eine Woche bei der Nati, gespielt haben Sie aber nicht. Fühlen Sie sich denn wie ein Nati-Spieler?
Das ist schon ein entscheidender Punkt. Natürlich ist es schön und ich bin stolz, schon nur dabei sein zu dürfen. Als einer von vielen Goalies selektioniert zu werden, war ein grosses Ziel von mir, welches ich jetzt erreicht habe. Aber wenn du da bist, willst du auch spielen. Schlussendlich bist du Sportler und willst die 90 Minuten im Tor stehen und nicht auf den Bank sitzen. Das mache ich beim besten Willen nicht mehr so gerne (lacht). Aber es waren mit Yvon Mvogo und Yann Sommer zwei grosse Namen neben mir da. Dann gibt es auch noch einen Roman Bürki und viele weitere, die allesamt einen grösseren Leistungsausweis haben als ich. Aber in der Nati spielen zu dürfen ist sicher ein Ziel, auf das ich nun hinarbeiten werde.

Haben Sie mit Nati-Goalietrainer Patrick Foletti mögliche weitere Schritte besprochen? Möchte er Sie im März beim nächsten Zusammenzug wieder sehen?
Bis zu diesem Zusammenzug geht es ja noch ein Zeitchen. Da kommt es drauf an, wer dann am besten performt. Es gibt ja nicht nur drei Goalies, die zum Kreis der Nati gehören. Ich wurde jetzt aufgeboten, weil Roman Bürki verletzt absagen musste. Für mich ist einfach klar, dass mein Fokus auf dem FC Basel liegt. Wenn du im Klub gut spielst, steigen deine Chancen auf  einen Platz bei der Nati. So sehe ich diese Sache.

Sie haben beim Einrücken erzählt, dass Sie sich auf Yann Sommer freuen, da Sie ihn bis zu diesem Zeitpunkt nur aus dem Fernsehen kannten. Hatten Sie Gelegenheit, mit ihm zu sprechen?
Wir sind beim einen oder anderen Nachtessen nebeneinander gesessen und haben ein bisschen reden können. Ich finde es sehr interessant, wie er an die Dinge heran geht. Er ist eine extrem ausgeglichene Person, auch neben dem Platz, und hat ein Umfeld, in dem er sich wohl fühlt. Und so banal das klingen mag: Ich denke, dass Sportler, die ein gesundes Umfeld haben und als Persönlichkeit sehr ausgeglichen sind, viel Erfolg haben. Und das trifft auch auf Yann zu.

Sie waren in dieser Woche nicht nur das erste Mal bei der Nati, sondern seit ihrem Transfer zum FCB auch erstmals wieder in der Swissporarena in Luzern. Wie hat sich die Rückkehr angefühlt?
Ich muss ehrlich sagen, dass es schon sehr schön war. Vor allem am Samstag, als wir das Abschlusstraining dort hatten und ich das erste Mal wieder in dieses Stadion hinein gelaufen bin, Leute gesehen habe, die dort arbeiten und die ich begrüssen und mit ihnen reden konnte. Ich habe doch den einen oder anderen Match dort gespielt und habe viel erlebt– sowohl Positives als auch Negatives. Ich hatte beim Betreten des Stadions sofort ein gutes Gefühl, weil ich mich dort auch sehr zu Hause gefühlt habe. Und es fühlt sich auch noch genau gleich an, wenn ich dort einlaufe, weil es noch nicht so lange her ist, seit ich da gespielt habe und mir alles noch immer sehr vertraut ist.

Am Sonntag werden Sie aber als Gegner dort einlaufen.
Ja, und ich freue mich mega darauf. Ich freue mich, meine alten Kameraden zu treffen, mit denen ich viel erlebt habe und mit denen ich auch heute noch oft Kontakt habe. Ich freue mich, sie mal aus einer anderen Position etwas zu ärgern und hoffe, dass mir das auch gelingt. Ich freue mich einfach wirklich auf diesen Match, dort hinein zu laufen und alles von einer ganz anderen Seite zu betrachten. Ich freue mich mehr auf dieses Spiel wie auf ein anderes, weil es ganz speziell werden wird. Daher empfinde ich eine spezielle Freude, wenn ich daran denke, wieder vor dieser Kulisse spielen zu können.

Haben Sie mit ihren alten Kameraden schon über das Duell gesprochen?
Die ersten Sprüche wurden schon liegen gelassen, ja. Wir ziehen uns gegenseitig auf – auf lustiger und humaner Basis. Das wird bis zum Matchtag so weiter gehen.

So sehr wie Sie sich auf dieses Spiel freuen, haben Sie sicher einige Tickets für ihre Familie und Freunde auftreiben müssen.
Ehrlichgesagt ist es so, dass ich meinen Leuten gesagt habe, sie sollen nicht unbedingt ins Stadion kommen. Ich weiss nicht, was dort auf mich zukommt. Ich habe aber gesehen, was bei Gerardo Seoane und Hekuran Kryeziu passiert ist. Die wurden ausgepfiffen. Ich will nicht, dass meine Leute das vor Ort miterleben müssen, falls es pfiffe geben wird. .

Es klingt so, dass Sie Angst vor Pfiffen haben.
Nein, Angst habe ich überhaupt nicht. Ich gehe aber davon aus, dass es Pfiffe geben wird. Das wäre normal und es stört und stresst mich persönlich nicht, weil ich es im Spiel kaum mitbekomme. Bei mir überwiegt die Freude, wenn ich an dieses Spiel denke. Aber zum Schutz meiner Freunde und Familie will ich nicht, dass sie das von Nahem erleben müssen.

Haben Sie solche Pfiffe schon mal erlebt?
Von gegnerischen Fans schon, ja. Aber nicht von den ehemaligen eigenen.

Was macht Sie denn so sicher, dass es Ihnen nichts ausmacht?
Weil ich jedes Mal, wenn Leute pfeifen, das Gefühl habe: Wegen mir kann es ja nicht sein. Gerade auch wenn man auf die gegnerischen Fans zuläuft und sie einem alle Schande an den Kopf werfen, denke ich immer: Meint ihr wirklich mich? Was ist los? Fussballfankulturen funktionieren aber teilweise leider so, das respektiere ich auch. Ich versuche jedoch, mich nicht davon beeinflussen zu lassen. Entsprechend nehme ich nicht an, dass es mir etwas ausmachen wird. Ich weiss, dass auch viele Leute in Luzern sein werden, die sich für mich freuen, dass ich bei Basel spielen darf.

Ist das auch die Grundstimmung des Feedbacks, das Sie seit ihrem Wechsel erhalten haben?
Von den Leuten, mit denen ich geredet habe, ja. Klar waren die Reaktionen anfangs in diesem Sinne negativ, als dass mich viele gefragt haben und nicht verstanden haben, wieso ich als Nummer 2 nach Basel wechsle. Im Nachhinein, und weil es so gelaufen ist wie es gelaufen ist, klopft mir jeder auf die Schulter und sagt: Joni, das hast du schon toll gemacht.

Sie sind seit fast einem halben Jahr in Basel. Wie verbunden sind Sie noch immer mit Luzern beziehungsweise wie verbunden sind Sie bereits mit Basel?
Ich finde, dass ich sehr verbunden bin mit dem FC Basel, dem Klub, der Mannschaft und der Stadt. Ich fühle mich extrem wohl und bin extrem gut aufgenommen worden. Das ist sicher auch mit ein Grund dafür, dass ich meine Leistungen zeigen kann. Um sich in einem Verein und in einer Stadt wohl zu fühlen, braucht es anfangs Leute, die einem helfen. Ich habe zu Beginn mehr auf mich geschaut und darauf, dass ich mich wohl fühle. Mittlerweile probiere ich aber auch, diese Sicherheit meinen Mitspielern weiter zu geben und ihnen zu zeigen, dass ich für sie da bin. Ich will ihnen zurückzahlen, was sie am Anfang für mich gemacht haben. Wir sind auf einem guten Weg, die Resultate werden kommen, davon bin ich überzeugt. Wir machen alles dafür und haben sehr viel Freude miteinander. Das wir irgendwann auch in Form von Punkten zurückgezahlt.

Wieso klappt es denn im Moment noch nicht?
Wenn man die Mannschaften anschaut, die in der Vergangenheit viel Erfolg hatten, dann waren da viele erfahrene Spieler dabei. Fussballer, die gefestigt waren, die dieses Selbstverständnis hatten, dass wir Basel sind und jedes Spiel gewinnen. Mittlerweile ging ein Umbruch durch dieses Team. Dieses Selbstverständnis der letzten Jahre wieder hin zu bekommen, braucht Zeit. Aber ich bin überzeugt, dass diese Mannschaft das hinkriegt.

In einer Mannschaft, der es an Konstanz fehlt, sind Sie der einzige, der konstant ist. Sie zahlen das Vertrauen und die Hilfe, die sie anfangs bekommen haben, mit hervorragenden Leistungen eindrücklich zurück.
Als Goalie ist es aber auch etwas spezieller. Das Einzige, was du als Goalie tun musst, ist Bälle zu halten. Ich muss nicht noch Tore schiessen und verteidigen. Ich habe nur eine Aufgabe.

Die man aber auch zuerst erfüllen muss.
Klar. Ich versuche einfach immer, meine beste Leistung abzurufen und der Mannschaft zu helfen. Das ist meine Aufgabe, das ist mein Job.

Die Mannschaft scheint viel von Ihren Leistungen zu halten. Auf Instagram haben Ihre Mitspieler Ihnen den Übernamen „Jesus Omlin“ verpasst. Was hat es damit auf sich?
Das müssen Sie Taulant Xhaka fragen, der hat damit angefangen. Ich weiss nicht, ob er einfach drauf gekommen ist, weil beide Namen mit J beginnen. Keine Ahnung, was sie da in mir sehen, dass sie zu diesem Spitznamen gebracht hat. Aber irgendwas sehen sie anscheinend. Es hat sich jedenfalls schon durchgesetzt.

Es gäbe schlimmere Spitznamen, die man haben könnte. Irgendeinen hätten Sie eh abgekriegt.
Momentan habe ich ihn erst online. Im Training rufen sie mich noch nicht „Jesus“. Vielleicht kommt das ja aber noch (lacht).

Aber auch „Jesus Omlin“ konnte nicht verhindern, was im letzten Spiel vor der Nati-Pause passiert ist. Haben Sie die Geschehnisse von Thun aufarbeiten können?
Da das Spiel am Samstag war, hatten wir am Sonntag beim Regenerationstraining Zeit dafür. Es gab eine Runde, wir haben besprochen, was abgegangen ist und haben versucht, es so schnell wie möglich zu verarbeiten. Spieler wie Albian Ajeti oder ich, die nachher zur Nati sind, haben sich ja nicht mehr mit dem Team damit auseinandersetzen können. Aber ich denke, die Mannschaft hat das gut verarbeitet, verkraftet und hat sich wieder fokussieren können.

Auch wenn Sie weniger Zeit hatten sich damit auseinander zu setzen: Können Sie sich mittlerweile erklären, wie die Mannschaft so zusammenbrechen konnte?
Wir haben uns schon während dem Spiel zu sehr über die Leistung des Schiedsrichters, die wir überhaupt nicht beeinflussen können, aufgeregt. Dort sehe ich den Fehler in diesem Spiel. Wir haben unser Spiel verloren und Thun hat das knallhart ausgenutzt. Sie haben ihr Spiel durchgezogen und unseren fehlenden Fokus auf das Spiel bestraft. Das ist der Hauptpunkt. Das darf nicht passieren. Über den Schiedsrichter zu diskutieren nach so einem Spiel ist aber auch einfach der falsche Ansatz. Wir haben vier Töpfe bekommen, und damit hat der Schiedsrichter nichts zu tun. Das müssen wir einfach besser verteidigen. Solche Dinge müssen wir besser machen, wir dürfen unseren Kopf nicht verlieren, müssen die Coolheit bewahren und das souverän runter spielen. Wir können das, ich weiss, dass wir das können. Jetzt müssen wir das einfach zeigen.

Ist das der von Ihnen angesprochenen Unerfahrenheit geschuldet, dass die Mannschaft so schnell den Kopf hat verlieren können?
Vielleicht, ja. Es ist so, dass wir diese Problemfälle im Spiel selber, als Team – also die elf, die auf dem Platz stehen – manchmal nicht schnell genug erkennen. Wir brauchen Zeit, um Lösungen zu finden und finden diese teils erst nach dem Match, wenn es schon zu spät ist., Das zu ändern, ist ein wichtiger Punkt.

Genauso wie die Tatsache, dass Ihre Mannschaft sich in der zweiten Halbzeit jeweils sehr viel verspielt. Was passiert in der Pause jeweils?
Die Pause an sich ist nicht das Problem. Aber ich weiss auch nicht, was der Grund ist. Uns ist aber auch aufgefallen, dass wir 2:0-Führungen verspielt haben, schon drei Mal jetzt. Einmal ist es gut ausgegangen, aber das darf einfach nicht sein. Es darf nicht passieren, dass man nach einer 2:0-Führung immer noch zittern muss, ob man das über die Runde kriegt. Ganz ehrlich: Eine 2:0-Führung ist ein Luxusproblem für uns. Das ist ein riesiger Vorteil in einem Fussballspiel, den man nutzen muss.

Ist das auch etwas, was man sich für die letzten vier Spiele der Hinrunde vorgenommen hat?
Klar. Gerade nach so einem Spiel gegen Thun, das keinen kalt gelassen hat, brennt jeder auf das nächste Spiel. Wir wollen in diesen vier Spielen zeigen, dass wir der FC Basel sind und was wir eigentlich für eine Qualität haben. Wenn wir diese wirklich auf den Platz bringen, wird es für jeden Gegner schwierig. Mit genau dieser Überzeugung wollen wir nach Luzern gehen und die drei Punkte holen. Und auf die vier Spiele gesehen ist das Ziel, die zwölf von zwölf möglichen Punkte zu holen.

Aber Hand aufs Herz: Wie realistisch ist das mit dieser Mannschaft, der es an Konstanz fehlt?
Wenn wir mit Selbstvertrauen auf den Platz gehen und ausstrahlen, dass wir wissen, was wir können, dann ist das realistisch. Dann holen wir zwölf Punkte.

Und was haben Sie sich persönlich vorgenommen?
Von mir aus könnten wir mal wieder zu Null spielen. Das fände ich persönlich schon ziemlich toll.