Blas Riveros will das nicht so stehen lassen. Ein verlorenes Jahr, nein, das ist die Saison 2018/2019 in seinen Augen nicht. Nicht schon wieder. Seine erste Spielzeit nach seinem Wechsel nach Basel bezeichnete er noch als genau das: «ein verlorenes Jahr». Als Jahrhundertspieler Paraguays pries man den damals 18-jährigen an, als er im Sommer 2016 von Olimpia zum FCB wechselte.

Schnell entpuppte er sich eher als Jungspund, der verständlicherweise unter der neuen Kultur, der neuen Sprache und vor allem unter der Trennung von seiner Familie litt. Riveros spielte kaum, seine Qualitäten waren selten zu sehen.

Defensive Mängel

Zwei Jahre später blickt Riveros erneut auf eine harzige Spielzeit zurück. Oder eher auf zwei. Denn trotz seinem ersten Tor für den FCB in Saison zwei, mehr Einsätzen und insbesondere welchen in der Champions League, muss man sagen: Bis heute konnte er sich nie ganz durchsetzen. Trotzdem sagt er: «Aber vergessen Sie bitte nicht: Als Marcel Koller neu gekommen war, machte ich fast alle Spiele.» Tatsächlich setzte Koller zu Beginn auf ihn.

Aber auch Riveros’ dritter Trainer in Basel schaffte nicht, woran bereits Urs Fischer und Raphael Wicky scheiterten: Die defensiven Mängel zu korrigieren. «Ich weiss, dass ich mich defensiv verbessern muss. Das sagt mir der Trainer immer wieder, und auch die Mitspieler. Ich weiss auch, dass ich das besser kann», sagt er, der früher Stürmer war und in der Jugend zum Linksverteidiger umfunktioniert wurde. «Es geht dem Trainer darum, dass ich gewisse Details anders mache, mich in gewissen Situationen anders verhalte. Ich solle aggressiver werden, konzentrierter und fokussierter sein.»

Arbeit fruchtet zu langsam

Seither arbeitet Riveros daran. Immer wieder 10 bis 15 Minuten nach dem Training. Mal alleine, mal mit Assistenztrainer Carlos Bernegger, der ihm aufgrund der Sprachbarriere zwischen Koller und Riveros ohnehin näher ist.

Denn auch nach drei Jahren spricht der 21-Jährige noch immer nur gebrochen Deutsch. Gleiches gilt für Englisch. Die zusätzliche Arbeit aber fruchtet zu langsam. Riveros spielt im zweiten und dritten Quartal dieser Spielzeit kaum mehr. Raoul Petretta überflügelt ihn. Erst ist es jeweils die Bank, zu Beginn der Rückrunde gar fast ausschliesslich die Tribüne, auf der Riveros Platz nehmen muss.

Der weit entfernte Traum

Der Paraguayer ist ausser Rang und Traktanden gefallen. Die zweite Hälfte dieser Saison ist höchstens der Regen nach der Traufe, die sein harziger Start beim FCB darstellt. Barcelona war einst sein Traum, Benfica war einst eine Möglichkeit. Und obschon der FCB seit nunmehr drei Jahren seine Realität ist, scheint im Frühling 2019 sein Traum Barça nie mehr als ein Traum zu werden.

Seine monatelange Phase der Nichtberücksichtigungen bezeichnet er «schwierig» und «schmerzhaft». «Ein Spieler will immer spielen. Aber wenn er die Chance dazu nicht bekommt, ist das hart.»

Heimweh ist geblieben

Während es auf dem Rasen nicht läuft, kämpft Riveros auch mit privaten Problemen. Zwar «ist Basel mittlerweile meine zweite Heimat, weil ich viele Freunde gefunden habe und den Verein wirklich sehr mag». Aber Riveros vermisst die Familie. Er hat Heimweh. Um dieses zu stillen, half ihm der Verein im Frühjahr 2017, seine damalige Freundin her zu bringen. Die beiden heirateten, um zu verhindern, dass sie immer wieder aufgrund visatechnischer Probleme ausreisen musste. Mittlerweile sind sie getrennt. Das Heimweh aber ist ein Teil von ihm geblieben.

«Es trifft mich sehr, meine Familie nicht bei mir zu haben. Ich hätte sie am liebsten immer um mich. Aber der Fussball ist nicht einfach. Man muss wissen, was das Ziel ist und dafür alles tun.» Gedanken, ob er den Schritt zu früh nach Europa gewagt hatte, hegte er nie. «Jeder südamerikanische Fussballer träumt davon, nach Europa zu kommen. Ich bin eine sehr positive Person und lasse den Kopf nie hängen. Ich bin für etwas hier her gekommen. Jetzt muss ich weiter arbeiten und meine Qualitäten unter Beweis stellen.» Um dafür die bestmöglichen Rahmenbedingungen zu stellen und die Sehnsucht zu mildern, wechseln sich sein Vater und seine Mutter immer wieder mit Besuchen in Basel ab.

Das wichtigste Spiel der Karriere

Aktuell ist es sein Vater, der in der Schweiz weilt. Er wird auch am nächsten Sonntag im Stadion sein, wenn sein Sohn sein bislang grösstes Spiel in seiner Karriere absolvieren wird: den Cupfinal. Weil Petretta im Halbfinal gegen den FC Zürich seine zweite gelbe Karte in diesem Wettbewerb gesehen hat, fehlt er im Final gesperrt. Riveros wird ihn ersetzen und spielt seither auch in der Liga, um Spielpraxis zu bekommen.

Zum Regen kommt plötzlich etwas Sonnenschein dazu. Und am Sonntag weicht der Regen gar dem ganz grossen Rampenlicht. Zwar hat Riveros bereits zwei Titel mit dem FCB gewonnen, beide aber datieren aus seiner ersten Saison, von welcher er selber sagt, dass er zu weit weg war vom Team, als dass er sich als Teil dieser Erfolge sehen möchte.

Der Vater weiss nichts

Gefeiert habe er trotzdem, «als hätte ich gespielt. Jetzt stellen Sie sich vor, wie ich feiere, wenn wir gewinnen und ich auf dem Platz stand.» Dass er das am Sonntag tun wird, daran besteht kein Zweifel. Dass sein Einsatz auf der Sperre des direkten Konkurrenten gründet, hat er seinem Vater nicht verraten. «Er spricht schon die ganze Zeit von diesem Spiel. Ich sage ihm immer, er soll ganz ruhig bleiben.» Erst komme noch das Spiel heute gegen Luzern.

«Ausserdem weiss er nichts vom Grund meines sehr wahrscheinlichen Einsatzes. Ich habe nur gesagt: Papa, es könnte sehr gut sein, dass ich auf dem Platz stehen werde. Ich habe da so ein Gefühl.» Und wenn der FCB am Ende den ersten Titel nach zwei Jahren holt, dann wird auch Riveros selbst egal sein, weshalb er im Stade de Suisse auf dem Platz stand.