Herr Widmer, Sie kommen als Stammspieler in der Serie A in die Super League, haben heute beim FC Basel einen Vierjahresvertrag unterschrieben. Was war ausschlaggebend für diesen Entscheid?

Silvan Widmer: Ich habe gemerkt, dass ich nach fünf Jahren bei Udinese und fast 150 Pflichtspielen das Bedürfnis gehabt habe, etwas Neues zu erleben.

Udinese hat Ihnen keine Spieler vor die Nase gesetzt, Sie hätten also auch sicher in dieser Saison Ihren Platz gehabt.

Ja, das ist so. Ich habe, ausser im ersten Halbjahr, als ich 20 war und erst gerade gewechselt hatte, fast immer einen Stammplatz gehabt. Wenn ich nicht gespielt habe, war es eigentlich fast immer, weil ich verletzt war. Daran hat sich auch nichts geändert. Aber ich habe in mir drin gespürt, dass ich bereit bin für eine neue Herausforderung, dass ich in einem neuen Umfeld die paar Prozent mehr aus mir herausholen kann.

Mussten Sie lange überlegen, als der FCB sein Interesse kundgetan hat?

Als die ersten Kontakte zustande gekommen sind, war ich sofort interessiert, weil der FC Basel der grösste und der beste Verein der Schweiz ist. Sie haben mich unbedingt hier herholen wollen, das habe ich persönlich auch gespürt. Klar, ich habe in der Serie A viele Erfahrungen sammeln können, habe jetzt aber einfach mega viel Lust gehabt auf den FC Basel, ich will grosses erreichen mit dem FCB. Ich bin hungrig, der FCB ist hungrig, und ich denke, das passt super zusammen.

Sie haben in Ihrer Karriere noch nie Super League gespielt. War das auch ein Anreiz?

Das ist sicher etwas Spezielles in meiner Karriere, dass ich das ausgelassen habe und direkt von der Challenge League in die Serie A gegangen bin. Ich habe mir immer gesagt, dass ich irgendwann mal noch in der Super League spielen will. Dass es jetzt so früh ist, hätte ich vielleicht vor ein paar Jahren noch nicht gedacht. Aber als der FC Basel angeklopft hat, war für mich klar, dass ich hier hin möchte.  

Wäre in der Super League auch noch YB für Sie infrage gekommen?

Für mich ist der FCB in der Schweiz die einzige Variante gewesen.

Welche Rolle hat bei Ihren Überlegungen die Tatsache gespielt, dass Sie vor kurzem Vater geworden sind und Ihre Frau jetzt näher bei der Familie ist und mehr Unterstützung bekommen kann?

Es stimmt, ich bin vor ein paar Wochen Vater geworden, aber das war nur ein Nebengrund, das hatte nicht grossen Einfluss auf meine Entscheidung. Die Nähe zur Familie spielte ebenfalls eine untergeordnete Rolle, weil meine Frau und mein Kind sowieso mit mir mitgekommen wären, egal, wo ich hin gewechselt wäre. Aber sicher ist es so, dass meine Familie und Verwandten sich freuen, weil sie die Kleine jetzt öfters zu Gesicht kriegen. Aber das Wichtigste war für mich wirklich das Sportliche und das hat super gepasst hier beim FCB. Ich freue mich auch jetzt schon auf die europäischen Spiele und hoffe, wir schaffen es in die Champions League. Das wäre ein Traum, der in Erfüllung gehen würde.

Seit eineinhalb Wochen wurden Sie als Neuzugang beim FCB gehandelt, es schien auch so, dass der Deal bereits letzte Woche hätte abgeschlossen werden können. Am Ende hat es sich aber in die Länge gezogen. Wann war für Sie klar, dass Sie hier spielen wollen?

Ich bin schon seit einigen Tagen einig gewesen mit dem FCB und habe auf den Wechsel gewartet. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Sie wurden sehr kurz vor Saisonstart verpflichtet. Können Sie am nächsten Samstag beim Saisonstart schon so weit sein, um auf dem Platz zu stehen und Ihre Leistung abzurufen?

Für mich ist klar, dass ich noch ein paar Wochen brauchen werde, bis ich wieder an meine 100 Prozent komme. Es ist aber auch klar, dass ich alles dafür unternehmen werde. Es wäre sicher besser gewesen, wenn ich schon vor ein paar Tagen hier gewesen wäre, dann hätte ich noch etwas mehr Zeit gehabt. Jetzt geht es einfach darum, dass ich mich gut mit dem Trainerteam abspreche, dass wir das bestmögliche Programm zusammenstellen. Ich hatte fast keine Vorbereitung, habe aber noch ein paar Leistungstest und zwei Mannschaftstrainings mit Udinese bestritten. Ganz bei null muss ich also nicht anfangen, aber der Rhythmus fehlt noch ein bisschen. Den werde ich die nächsten Tage aber sicher aufnehmen. Ob ich dann schon bereit bin für die ersten Spiele, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Das wird sich in den nächsten Tagen zeigen.

Wie haben Sie die italienische Liga wahrgenommen?

Die Liga ist sehr schwierig, finde ich. Es gibt keine einfachen Spiele. In diesen fünf Jahren haben wir auch immer wieder Grosse bezwingen können. Das zeigt, dass die Liga ausgeglichen ist. Aber natürlich hat es wie in jeder Liga fünf, sechs Mannschaft, die vorne weg sind. Alleine schon aufgrund derer finanziellen Möglichkeiten. Wir waren immer im Mittelfeld, in letzter Zeit leider eher im unteren Mittelfeld. Das war auch mit ein Grund, dass ich hier hergekommen bin. Ich will endlich wieder um Titel mitspielen und Titel holen. Da bin ich beim FCB an der richtigen Adresse.

Wie ist das Erlebnis, in Italien Fussball zu spielen?

Die Stadien sind fast alle alt. Das ist ein Negativpunkt. Aber die Zuschauer sind zahlreich. Und man spürt diese Liebe zum Fussball. Das merkt man, auch wenn die Stadien mal nicht voll sind. Oder dann vor den Spielen, vor dem Hotel, wo Fans warten. Fussball ist der Sport Nummer 1. Das ist schon sehr cool und das habe ich mega genossen in diesen fünf Jahren.

Sie würden eine Rückkehr nach Italien in ein paar Jahren also nicht ausschliessen?

Nein, gar nicht! Ich hätte mir auch vorstellen können, einen Wechsel innerhalb von Italien zu machen. Da sind für mich persönlich einfach nur die Top-Mannschaft in Frage gekommen, die ersten sechs oder sieben. Ich bin gar nicht abgeneigt, ich hatte eine super Zeit in Italien. Ich habe das Land und die Kultur sehr schätzen gelernt. Ich kann mir also durchaus vorstellen, in Zukunft mal wieder nach Italien zu gehen.

Gibt es aus diesen fünf Jahren ein Highlight, das Sie herauspicken können?

Eines herauszustreichen ist schwierig. Ich habe verschiedene tolle Momente erleben dürfen. Eines davon war sicher, als wir in meinem ersten Jahr bei Udinese bis in den Halbfinal im Cup haben vorstossen können und das Hinspiel auch noch gewonnen haben. Dort habe ich als 20-jähriger Nobody im Cup eigentlich immer gespielt. Das war top. Aber ich kann mich auch erinnern, dass wir letztes Jahr Inter auswärts 3:1 schlagen konnten und ich zwei Assists gegeben habe. Das sind solche Momente, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde.

Sie ersetzen beim FCB Michael Lang. Wirkliche Alternativen zu Ihnen gibt es auf dieser Position nicht, sie werden gebraucht. Auch deshalb hat der FCB Sie zu einem der teuersten Einkäufe der Geschichte gemacht. Verspüren Sie Druck?

Im Fussball gibt es immer Druck. Wenn ein Verein so viel Geld ausgibt und einem das Vertrauen schenkt, dann ist das sicher noch ein zusätzlicher Druck – aber ein positiver. Und ich habe gerne positiven Druck, weil ich oft das Beste aus mir herausholen kann, wenn ich unter Druck stehe. Ich will jetzt schnellstmöglich 100 Prozent bereit sein, aber ich will auch nichts überstürzen. Ich werde mich die nächsten Tage herantasten und dann Vollgas geben. Ich kann nichts versprechen bezüglich meiner Leistungen, aber ich kann versprechen, dass ich mich für dieses Team verreissen werde.

Michael Lang war bekannt für seine Offensiv-Qualitäten. Sie konnten in Ihrer Zeit in Italien fünf Tore erzielen. Was darf man in Basel dahingehend von Ihnen erwarten?

Es gehört sicher zu meinem Naturelle, dass ich die Offensive unterstütze. Dementsprechend denke ich, dass ich gut zum FCB passe. Neben diesen fünf Toren habe ich auch sehr viele Assist gegeben. Ich bin immer schon ein Spieler gewesen, der nach vorne will, der Tore machen will, der Assists geben will. Das ist ein Teil von mir und mit ein Grund, wieso ich mich hier gut zurechtfinden werde. 

Wie haben Ihre ersten Stunden in Basel ausgesehen?

Ich bin am Mittwochabend aus Udinese angereist. Heute habe ich unterschrieben und wollte gleich die Spieler und den Trainer kennenlernen. Sie waren dann noch im Training, also ich habe in der Kabine auf sie gewartet und mich dann mit ihnen noch etwas ausgetauscht. Mit dem Trainer habe ich den weiteren Vorgang noch besprochen.

Kennen Sie eigentlich bereits jemanden aus dem Team?

Mittlerweile alle (lacht). Vorher habe ich vier von ihnen schon gekannt: Zdravko Kuzmanovic, mit ihm habe ich bei Udinese als er ausgeliehen war vier Monate gespielt, und dann noch Luca Zuffi, Fabian Frei und Valentin Stocker aus den Nati-Zeiten. Die vier haben mich super aufgenommen. Also eigentlich haben mich alle super aufgenommen, auch die, die mich nicht gekannt haben. Ich habe sofort gemerkt, dass hier ein guter Teamgeist herrscht. Ich glaube, ich werde keine Probleme haben, mich hier zu integrieren. Ich bin ab sofort ein Teil dieser FCB-Familie.

Was für einen Typ Mensch bringen Sie in diese Mannschaft?

Ich bin ein einfacher Typ, unkompliziert, ohne grosse Allüren. Ich bin ein Typ, der sich mit allen gut versteht. Aber ich bin auch ein Typ, der alles dem Erfolg unterordnet. Und wenn jemand anderes das nicht tut, dann sage ich auch mal etwas. Ich denke, das wird auch meine Rolle sein hier. Ich komme mit viel Erfahrung hier her, und die will ich auch den jungen Spielern mitgeben, die dabei sind, sich an die erste Mannschaft heran zu tasten.

Haben Sie aus Ihrer Kindheit einen Bezug zum FCB?

Nein, ich war als Kind von gar keinem Verein in der Schweiz Fan, ehrlich gesagt. Ich mag mich einfach noch erinnern, dass in meiner Kindheit Basel und GC die grossen Adressen waren und Basel sich hat behaupten können, GC eher weniger. Sonst gibt es keinen speziellen Bezug zu Basel, auch nicht zur Stadt. Aber als ich vorher durch das Stadion gelaufen bin, habe ich dieses Ambiente gespürt. Es kommt gut mit mir und dem FCB, denke ich.

Was haben Sie bereits von Basel gesehen?

Ich kenne das Stadion, ich war ja mit der Nati schon ein paar Mal da. Die Stimmung ist immer gut gewesen, das Stadion war immer voll. Und ich denke, in der Meisterschaft, wenn man ein Heimspiel hat, wird es sicher noch besser sein. Das war sicher auch ein Grund für mich. Basel ist eine Fussballstadt. Das sind alles Gründe, die für einen Wechsel gesprochen haben und mitunter entscheidend waren. Von der Stadt kenne ich sonst aber kaum etwas. Ich hoffe aber, dass ich Zeit haben werde, mir die anzuschauen.

Gibt es einen Ort, den Sie unbedingt sehen wollen? Den Balkon auf dem Barfi zum Beispiel?

Dafür bin ich zu haben, ja! (lacht)

Sie haben die Nati angesprochen. Ist es auch ein Ziel, wie Ihr Vorgänger hier den Weg via FCB in die Nati zu schaffen?

Sicher auch, ja. Ich habe mich auch mit Herrn Petkovic ausgetauscht und ihn um seine Meinung gebeten. Es ist klar, dass ich in der Nati nicht unumstritten bin, dass ich um meinen Platz kämpfen muss und dass ich das auch weiterhin machen werde. Ich bin stolzer Schweizer und will die Schweiz auch an den grossen Turnieren vertreten. Ob die Chance bei Basel jetzt grösser ist, oder bei Udinese oder einem anderen Verein, ist für mich schwierig zu beurteilen. Aber ich will mich weiterhin mit guten Leistungen aufdrängen.

Was hat Vladimir Petkovic Ihnen gesagt?

Er hat gemeint, dass er mir die Entscheidung nicht abnehmen kann, aber dass ich alles abwägen soll und er den Wechsel als gute Variante sehe. Viel mehr hat er nicht sagen wollen. Das Gespräch war auch zu einem Zeitpunkt, als die Schweiz noch an der WM dabei war und deshalb wollte ich in diesem Moment auch gar nicht zu lange stören. Aber er war von Anfang an dem Wechsel gegenüber positiv eingestellt und das war für mich ein wichtiges Zeichen.