Die Botschaft aus der Muttenzerkurve war eigentlich unmissverständlich. «Schuster, bleib bei deinen Leisten – E-Sports dr Stegger zieh!», stand dort in grossen Lettern. Den Fans missfällt, dass ihr Klub sich auf virtuelles Glatteis begibt, heisst: unterdessen nicht mehr bloss auf dem Rasen in Super und Champions League auftritt, sondern auch im Netz.

Die neuen Idole sind nicht gerade gestählte Männer Typ «Marek Suchy», sondern eher vom Typ «Du und ich», ein bisschen blasser vielleicht. In der Szene nennt man sie «LuBo», «CodyDerFinisher» und «The StrxngeR». Im Fussball sind sie die Gesichter der Digitalisierung, Ikonen einer fremden Welt. Wenigstens für manche.

Die virtuelle Fussballwelt ist näher als man denkt

Was sie nicht ahnen: Diese Welt ist der ihren, jener des realen Fussballs, schon viel näher, als sie sich das wohl wünschen. Zwei Beispiele: Als der FCB die beiden 18-jährigen Deutschen Florian Müller («Cody») und Tim Katnawatos («The StrxngeR») Anfang August verpflichtet – und damit zum eingangs erwähnten Banner motivierte –, verhandelt er mit zwei Agenturen, welche die beiden Spieler vertreten.

Über Ablöse, Lohn und dergleichen hat man vertraglich Stillschweigen vereinbart. Und als «Cody» vor zwei Wochen in Paris bei der E-Sports World Convention (ESWC) antrat, wurden nicht nur Flug und Hotel für ihn gebucht, er wurde auch von Joachim Reuter begleitet. Wie Profis eben.

Reuter ist im Bereich E-Sports des FC Basel das «Mädchen für alles», wie er selbst sagt. Manager, Sportchef, Scout, Sponsoring-Verantwortlicher und Auskunftsperson für die Medien. «Die Welt wird immer digitaler, ob man das nun gut findet oder nicht, es ist ein Fakt», sagt er.

Sprich: Man kann sich E-Sports verschliessen, oder man sieht es als Chance. Der FCB will dabei sein. Und das richtig. Reuter: «Wir haben uns gesagt, dass wir national und international für Furore sorgen möchten.» Das hat er, spielen doch sowohl der Schweizer Meister («LuBo») im Fifa als auch der Vize-Weltmeister («Cody») für Rotblau.

Auch positive Rückmeldungen aus dem FCB-Fanlager

Die Fans aus der Kurve mögen beim Namen «Cody» die Nasen rümpfen, aber nicht alle FCB-Anhänger haben mit ihm ein Problem. In einer Umfrage, die der FCB über seine Online-Fan-Plattform «Myfcbasel» lanciert hat, fanden drei Viertel der Klickenden gut, dass Rotblau auch im E-Sports-Bereich aktiv ist.

Man darf daran zweifeln, ob sie die Fans auch angemessen repräsentieren. Aber für den FCB geht es letztlich darum, neue Kunden anzusprechen, Menschen zwischen 14 und 29 Jahren, Digital Natives. «Wir erreichen so ein Zielpublikum, das mit konventionellen Kommunikationsmassnahmen nur schwer erreichbar ist», erklärt Reuter.

Der FCB erobert neuen Grund

Letztlich geht es darum, den FCB zukunftsfähig zu machen, zu wappnen für alle Fälle. Wie schaut man Fussball in Zukunft? Im Stadion? Mit der Virtual-Reality-Brille zu Hause auf der Coach mit dem vorgetäuschten Stadiongefühl? Real versus virtuell. Sein versus Schein. Wohin der Weg geht, weiss niemand genau.

Sicher ist, dass die Welten immer mehr verschmelzen. Wie bei «Cody». Ein grosser Teil seines Alltags spielt sich vor dem Bildschirm ab. Drei Stunden Fifa trainiert er normalerweise pro Tag, in der Woche vor grossen Turnieren können es auch mal sechs oder mehr sein. Er filmt sich dabei, schneidet die Sequenzen zu Tutorial-Videos, die er auf seinem Youtube-Kanal (35 000 Follower) veröffentlicht, macht Bilder für Instagram (rund 4500) und bildet sich im Bereich Sportwissenschaften per Fernstudium weiter.

«Cody» ist Deutscher. Aber was spielt das für eine Rolle in einer Welt ohne Grenzen, in der im Internet alles verfliesst? Er ist Vize-Weltmeister. Im FCB-Dress. Als er in Paris am ESWC Zweiter wird vor zwei Wochen, jubeln ihm hunderte von jungen E-Sport-Anhängern zu. Die Marke FCB erobert gerade neuen Grund.

Eine neue Welt mit geringer Struktur

Für immer ist «Cody» nicht Rotblau, sondern vorerst für ein Jahr. Genau wie seine Kollegen. Reuter versichert: «Wir wissen, dass wir einen langen Atem brauchen. Das Projekt jedenfalls ist auf drei bis fünf Jahre angelegt.» Dann entscheidet FCB-Präsident Bernhard Burgener, wie es weitergeht. Vermutlich, dass es weitergeht. Denn der Mann geht mit der Zeit.

Noch fehlt es dieser schönen neuen Welt an Struktur. Die Qualifikation für eine WM ist unübersichtlich. Aber der Markt wächst, die Fifa investiert, immer mehr Klubs springen auf, die Turniere werden grösser, die Preisgelder schiessen in die Höhe und die Aufmerksamkeit mit ihnen. Wer weiss, vielleicht kommt der Tag, an dem «Cody» und seine Kollegen das Joggeli füllen. Oder vielleicht die nächste Generation von E-Sportlern beim FCB. Willkommen in der Zukunft. Ach was, Zukunft! In Köln oder New York gibt es längst E-Sports-Events, die 20 000 Fans in Arenen locken.