Marco Streller, Raphael Wicky, spätestens nach dem Ausscheiden im Cup-Halbfinal gegen YB merkte man: Diese Berner können den FC Basel tatsächlich entthronen. Das Momentum endgültig auf Berner Seite. Hatten Sie dieses Gefühl auch?

Marco Streller: Absolut. Der Rückstand war damals schon gross. Aber bereits im September, Oktober, haben wir gemerkt: die sind richtig ernst zu nehmen. Die Geschichte hat uns aber gelehrt, dass Basel im Herbst stärker wird und YB dann jeweils zu schwächeln beginnt. Dann sind wir tatsächlich auf zwei Punkte heran gekommen und haben gedacht: Die holen wir schon noch. Und das ist gefährlich. Dann machst du einen Transfer wie jenen von Renato Steffen und ersetzt ihn mit Valentin Stocker. Du glaubst, es ist ein eins zu eins Ersatz. Weil du ihm Hinterkopf hast, dass du YB eh noch holst, berücksichtigst du aber nicht, dass Vali in den letzten Jahren nie diesen Rhythmus hatte, den Renato hatte. Solche Dinge unterschätzt du, weil du dir so sicher bist, dass du den Gegner noch einholst. Jetzt wurden wir eines Besseren belehrt und es wird uns nicht mehr passieren. Vielleicht war dieses Spiel ein Zeichen für YB dass der FCB verwundbar ist. Dieses Spiel war danach sicher in den Köpfen. Aber es war nicht der Moment, der die Meisterschaft entschieden hat, sondern die Spiele vorher, die wir zu Hause verloren haben.
Raphael Wicky:  Das sehe ich auch so. Wir haben die Meisterschaft nicht in den Direktduellen gegen YB verloren, sondern in den Heimspielen gegen Lausanne, Lugano und St. Gallen, die wir alle nicht gewinnen konnten. YB hingegen hat nicht wie das in den letzten Jahren der Fall war gegen diese Teams Punkte abgegeben. Sie haben kaum geschwächelt. Das war eher in unseren Köpfen.

Also spielte auch das erste Saisonspiel keine Rolle? Das war auch schon ein Zeichen der Berner.

Wicky: Für mich hat das keine extrem entscheidende Rolle gespielt. In der Vergangenheit hat man auch schon oft in Bern verloren, ist aber trotzdem Meister geworden. Nach dieser Startniederlage haben wir drei Matches gewonnen und guten Fussball gespielt. Dann sind wir nach Sitten gefahren, haben eine gute erste Halbzeit gezeigt, müssten 3:0 führen statt nur 1:0. Ricky van Wolfswinkel hat dann einen Penalty verschossen, Sion den Ausgleich gemacht und wir noch Glück gehabt, dass wir nicht verloren haben.
Streller: An dieses Spiel erinnere ich mich noch als wäre es gestern gewesen. Wir haben sie in der ersten Halbzeit auseinander genommen und am Schluss gibt es trotzdem nur ein 1:1. Da haben wir uns nach dem Spiel extrem aufgeregt. Hättest du da gewonnen, wärst du in einen richtigen Flow gekommen. Stattdessen war Verunsicherung da. Dann spielt es auf einmal doch eine grosse Rolle, dass du nach dem ersten Spiel den Captain verloren hast, obwohl du darauf und auf die Startniederlage sensationell reagiert hast.

Sie sprechen den Rücktritt von Matías Delgado an. Wie einschneidend war das in dieser schwierigen Saison?

Streller: Das war ein Teil des Ganzen. Wenn man es runterbricht waren es wohl Matis Skorerpunkte, die uns am Ende gefehlt  haben. Er hatte die Qualitäten, dass er mit einer genialen Aktion die gegnerische Mannschaft hat knacken können. Das war bei uns oft das Problem, dass dieses Element, das Geniale und Unvorhersehbare, in gewissen Spielen gefehlt hat. Vor allem in jenen Spielen, in denen der Gegner sehr, sehr tief gestanden ist. Hinzu kommt, dass er verstanden hat, was es heisst, Captain dieser Mannschaft zu sein. Er war das Bindeglied zwischen Staff und Mannschaft. Logisch geht es dann nicht spurlos an einer Mannschaft vorbei, wenn der Captain wegbricht. Er war auch ein Spieler, der auf dem Feld den Anderen Sicherheit gegeben hat. Sie haben zu ihm aufschauen können und er stand immer da wie eine Wand.

In der Champions League lief es allen Problemen in der Liga zum Trotz super.

Wicky: Das erleben zu dürfen war für mich als Trainer unglaublich. Diese Emotionen und diese Resultate oder wie die Mannschaft auf die Niederlage gegen Moskau reagiert hat, das war fantastisch. Oder auch die Reaktion auf das 0:4 gegen Manchester City. Wie wir da nach Manchester geflogen sind und einen super Match gezeigt haben. Ich weiss nicht, ob ein Schweizer Klub so eine Kampagne und solche Momente noch einmal erleben wird. Fünf Matches in der Champions League zu gewinnen ist extrem schwierig. Und da darf man auch mal stolz drauf sein.
Streller: Mich hat der Auftritt in Moskau beispielsweise sehr beeindruckt. Da war eine unheimliche Reife und Ruhe zu sehen. Ähnlich wie im Spiel gegen Manchester United zu Hause. Da vergibst du den Matchball gegen Moskau zu Hause und dann schlägst du United. Nicht dank Kontern, sondern weil du besser warst, du das Spiel dominiert hast. Das ist so beeindruckend. Genauso wie das Spiel in Lissabon. Ausserhalb der Schweiz werden vom FC Basel nur die Champions-League-Auftritte wahrgenommen. Ich war zuletzt öfters in Deutschland und alle haben mir gesagt, dass das unglaublich sei, was in Basel geleistet wird. In der Schweiz ist der Tenor etwas negativer, weil wir die Meisterschaft nicht geholt haben. Das hat Raphi und mir wehgetan. Vor allem am Samstag, denn das wäre der Tag gewesen, an dem wir mit dem Pokal auf dem Barfi hätten stehen sollen. Das wollen wir jetzt nächste Saison erreichen. Aber diese Spiele in der Champions League haben gezeigt, dass auch vieles gut war. Dennoch würde ich den einen oder anderen Sieg in der Champions League für den Meistertitel eintauschen.

Herausragend in dieser Kampagne war mit Sicherheit das 5:0 gegen Benfica Lissabon. War das für Sie das perfekte Spiel, Raphael Wicky?

Wicky: In diesem Spiel ist alles aufgegangen. Du gehst nach zwei Minuten in Führung, dann hält Tomas Vaclik ein paar Bälle gut und dann macht Dimitri Oberlin seinen Sprint, der Ball geht rein und du bist im Flow. Wir hätten ja gar noch mehr Tore schiessen können. Es war das perfekte Spiel, ja. Davon träumst du.
Streller: Das wir dieses Spiel 5:0 gewinnen, das hat wirklich keiner erwartet. Ich bin ja ein Optimist, aber daran habe nicht einmal ich geglaubt (lacht).

Wo sehen Sie, neben der Champions League, weitere positive Punkte in dieser Saison?

Wicky: Gegen Zürich beispielsweise standen neun Schweizer auf dem Platz. In einem anderen Spiel waren es sechs Spieler, die bei uns ausgebildet worden sind. Oder beim 6:1 gegen Thun sind fünf Tore von Baslern erzielt worden. Das bringt uns alles den Titel nicht zurück, das ist uns klar. Aber dass wir solche Dinge in einem Jahr erreicht haben, nachdem wir gesagt haben, wir geben uns drei dafür, muss man auch sehen. Das darf man mit gutem Gewissen mal betonen. Wir haben junge Spieler, die plötzlich wichtig werden. Wir waren von Albian Ajeti alle überzeugt, aber dass er dann gleich so eine Entwicklung durchmacht und auch noch Torschützenkönig wird, damit hat man dann doch nicht rechnen können. Oder Raoul Petretta: vor zwei Jahren hätte keiner gedacht, dass der auf fast jeder Position in der Super League spielen und ein wichtiger Akteur sein kann. Das hat keiner gedacht und das war noch bei anderen Spielern der Fall. Das ist schön. Aber nochmal: Ich weiss, dass uns das den Titel nicht zurückbringt. Wir haben aber ein gutes Fundament legen können, auf dem wir, wenn der Kern zusammen bleibt, aufbauen können. Davon bin ich überzeugt. Und darum weigere ich mich, nur das Negative zu sehen, auch wenn dieses Gefühl im Moment überwiegt, weil es so weh tut, dass wir titellos geblieben sind.
Streller: Für mich ist auch wichtig, dass wir, auch wenn es in gewissen Situationen nicht einfach war, wir trotzdem immer an unserer Strategie festgehalten haben und nicht beim kleinsten Gegenwind gleich eingeknickt sind.

Haben Sie nie an der Strategie gezweifelt?

Streller: Natürlich zweifelt man mal. Aber wir sind immer ruhig geblieben. Wir haben immer gewusst, dass wir beide jung und neu sind. Vielleicht haben wir die Strategie zu radikal umgesetzt, das kann sein.

Auf Kosten der Titel.

Streller: Vielleicht hätte es im Jahr vorher gereicht. YB war einfach stark, das muss man auch sehen. Sie hatten eine Konstanz, die sie in den sieben, acht Jahren zuvor nicht hatten. Sie haben unseren Umbruch und unsere Verunsicherung ausgenutzt. Und wir wiederum haben die Spiele verloren, die sonst immer YB verloren hat. Jetzt müssen wir da wieder hinkommen, dass wir diese Heimspiele nicht mehr verlieren. Wäre das nicht passiert, wären wir näher dran gewesen. Dann wären sie vielleicht auch nochmal nervös geworden. Uns ärgert vor allem, dass wir nicht dahin gekommen sind, dass wir sie unter Druck hätten setzen können.

Hat man die Radikalität der Umsetzung des Konzepts unterschätzt?

Streller: Vielleicht ein bisschen, ja. Aber ich übernehme gerne Verantwortung und wenn man das tut, kann man sich auch mal den Kopf anschlagen. Ich hoffe jetzt einfach, dass es nächste Saison im Erfolg endet. Dafür haben wir jetzt schon viel vorgearbeitet.

Nächste Saison gibt es aber nicht mehr so viel Goodwill.

Streller: Das sind Raphi und ich uns bewusst. Der FCB bewegt, das wissen wir. Am Stammtisch wird geflucht nach einem Spiel, aber es hat auch viele Momente der Freude gegeben. Und durch den Nicht-Titel sind auch alle wieder etwas hungriger geworden. Natürlich wissen wir aber, dass wir am Erfolg gemessen werden. Wir haben unser Lehrjahr jetzt gehabt und dürfen gewisse Dinge sicher nicht mehr wiederholen. Um das zu wissen sind wir selbstkritisch und hoffentlich auch intelligent genug, dass das nicht wieder passiert.

Dinge die es nicht zu wiederholen gilt sind so viele Wechsel in einer Wintertransferperiode. Waren es  im Nachhinein zu viele?

Streller: Ja, in der Form waren es zu viele. Wir haben Transfers gemacht mit Blick auf den Sommer. Es war auch ein Zufall, dass wir gleich so viele haben gleichzeitig holen können. Vali war ablösefrei, Fabian Frei haben wir trotz seiner Leaderrolle in Mainz zu einem guten Preis gekriegt. Samuele Campo haben wir bewusst im Winter geholt um ihm Zeit zu geben, sich an alles zu gewöhnen. Vielleicht hätten wir im Nachhinein betrachtet den einen oder anderen erst im Sommer holen sollen. Handkehrum wären sie dann jetzt noch nicht so weit, wie sie es mittlerweile sind. Man muss aber auch sehen, dass man einen Spieler, wenn er ein Angebot von Dortmund hat und er dieses annehmen will,  nicht halten kann. Wir haben unsere Lehren gezogen. So ein Umbruch würde uns so radikal nicht mehr passieren.
Wicky: Es wird immer über Renato Steffen und Manuel Akanji geredet. Aber es waren nicht nur die Beiden, sondern insgesamt waren es über zehn Wechsel.  Ich habe allen zugestimmt, ich bin im gleichen Boot wie Marco. Und auch ich sage es waren im Nachhinein zu viele Wechsel. In einem Nachwuchsteam ist das etwas Anderes, da sind alle fast gleich alt, da sind diese Rollenspiele und die Hierarchien nicht so wichtig und die Auswirkungen nicht so gross wie bei den Profis. Es war ein grosser Eingriff ins Mannschaftsgefüge, bei dem alle Rollen durcheinander geworfen wurden.  Wir haben immer geschaut, was für den Spieler das Beste ist und nicht für uns als Mannschaft. Natürlich ist es super für Omar Gaber, dass er in Los Angeles ist und vielleicht sogar den Sprung in den WM-Kader schafft. Natürlich ist es für Alexander Fransson gut, dass er spielen kann. Auch Dominik Schmid soll spielen gehen, Cedric Itten soll spielen gehen, Pedro Pacheco ebenso. Letzterer hat überhaupt keine Rolle gespielt in unserer ersten Elf. Aber er war immer im Training und hat seine Rolle akzeptiert. Jetzt ist er bei Rapperswil. All diese Abgänge mussten wieder aufgefüllt werden von neuen Spielern und das hat eine extreme Vermischung gegeben. Da habe ich als Trainer gemerkt: Das ist zu viel. Das ist keine Kritik, sondern eine Feststellung. Das wollen wir nicht mehr so machen. Es ist aber nicht der einzige Grund, das wäre zu einfach, das zu behaupten.

Ist das der grösste Unterschied zur Arbeit im Nachwuchs, diese Wichtigkeit von Hierarchien?

Wicky: Ja, bei den Profis haben solche Dinge einfach viel mehr Einfluss. Das musste ich auch erst lernen.
Streller:
Es ist ja auch so, dass jeder Fehler in der ersten Mannschaft jeden interessiert. In der U18 interessiert es nur den Spieler. Hier aber wird dir alles um die Ohren gehauen. Aber die Mannschaft hat sich jetzt wieder gefunden, das sieht man. Es gibt Einiges, das mich zuversichtlich stimmt für nächste Saison. Die Jungs gönnen sich gegenseitig etwas. Die Szene im letzten Spiel, als Albian Ajeti zu Noah Okafor durchsteckt, statt selber zu schiessen, hat das beispielsweise gezeigt. Oder als Fabian Frei nach Neftali Manzambis Tor nach vorne sprintet, um ihm zu gratulieren. Solche Typen in der Mannschaft zu haben, ist schön und unglaublich wichtig. Das sind Details, die zeigen, dass die Mannschaft sich gefunden hat. Wir haben wieder eine klare Hierarchie. Jetzt müssen wir schauen, dass wir so wenige Wechsel wie möglich haben.