Am letzten Wochenende kassierten Sie mit Mönchengladbach ein Eigentor aus 45 Metern – geht es noch kurioser?

Yann Sommer: Das kann passieren – auch einem Weltmeister wie Christoph Kramer (lacht). Eigentlich hat das Tor zu unserer Leistung gepasst. Wir haben alles andere als einen guten Tag erwischt.

Ausser Sie! Ihre Leistung umschreibt sich mit dem Prädikat «Weltklasse» besser. Wie gingen Sie damit um, dass die Fans fürchteten, das Erbe von Marc-André ter Stegen könnte zu schwer sein?

Sehr relaxt. Weil ich die gleiche Geschichte beim FC Basel schon einmal erlebte. Auch als ich Franco Costanzo ersetzte, fragten alle: Kann der Junge das?

Kritik mussten Sie nur ganz kurz einstecken, am Anfang der Saison nach einem Freundschaftsspiel. Machte Sie das nervös?

Ein bisschen ins Überlegen kam ich schon. Alles war neu, mein Umfeld, mein Verein, meine Wohnung, alles irgendwie halb fertig – dann kommt dieses Spiel, alle schauen auf dich und eigentlich möchtest du von Anfang an zeigen, wie gut du bist. Ich musste mir also sagen: Komm erst einmal richtig an. Gib dir Zeit, nimm dir Zeit. Und dann ist vieles besser geworden.

So gut, dass Sie Borussia Mönchengladbach zu einem Vereinsrekord führten – 18 Pflicht-Spiele zu Beginn einer Saison ohne Niederlage. Hätten Sie sich so etwas erträumen lassen?

Dass es gleich so gut läuft, ist schon ein bisschen überraschend. Andererseits: Wer unsere Spiele anschaut, muss zugeben: Wir sind wirklich so gut. Offensiv teilweise gar spektakulär.

Haben sich die Deutschen mittlerweile auch mit Ihrer Grösse von 1,83 Metern abgefunden?

Das Thema verfolgt mich die ganze Karriere. Aber wenn ich jemanden frage, warum es ein Problem sei, wenn ich «nur» 1,83 Meter gross bin, kriege ich nie eine Antwort. Das ist ein eingesessenes, altmodisches Thema. Hoffentlich ändert es sich bald. Aber ich kann ganz gut damit leben. An der WM habe ich festgestellt: Die sogenannt «kleinen» Torhüter sind wieder en vogue.

Was machen Sie, wenn Sie gerade einmal nicht Fussball spielen?

Ganz vieles (lacht). Zuletzt richtete ich meine Wohnung schön ein, das macht viel Spass. Ich spiele auch Gitarre, habe in meinem Wohnort Düsseldorf einen Lehrer gefunden, bei dem ich bald Stunden nehme.

Ihr Lieblingslied ist aktuell «No Diggity» von Ed Sheeran und Passenger.

Genau. Und dieses Lied wählte ich auch, um es in der Kabine vorzusingen zu meinem Einstand. Das ist bei Gladbach Tradition. Was für ein Moment (lacht) ... Allerdings ohne Gitarre.

Warum wechselten Sie eigentlich zu Mönchengladbach?

Als ich erstmals mit den Borussen-Verantwortlichen Kontakt hatte, merkte ich schnell: Die wollen nicht irgendeinen Torhüter, die wollen Yann Sommer. Und sie konnten mir auch erklären, warum. Zudem vertrat der ganze Verein diese Meinung. Das ist besser, als wenn ein Einzelner dein Fürsprecher ist – und dann bist du nach dessen Entlassung plötzlich ohne Lobby.

Was zeichnet Ihren Trainer Lucien Favre aus?

Wie er uns auf die Gegner vorbereitet, ist schon grossartig. Er weiss alles, wie sie spielen, wie sie Freistösse schiessen, ihre Tricks. Dann kommen wir auf den Platz, der Gegner macht irgendetwas und wir denken: «Das kennen wir ja alles schon.»

Im Nationalteam waren Sie jahrelang die Nummer 2 – war es manchmal schwierig, geduldig zu bleiben?

Nein. Nie. Wirklich nicht! Dazu gab es keinen Grund. Ich hatte mit Diego Benaglio einen Torhüter vor mir, der super spielte und ein absoluter Leader war. Natürlich will jeder Fussballer spielen. Aber es gibt Situationen, die will und muss man annehmen. Ich war auch als Nummer 2 ein wichtiger Teil des Teams.

Nun sind Sie Stammtorhüter – und die ersten Spiele sind missglückt. Wie bewerten Sie den Start in die EM-Qualifikation?

Wir sind resultatmässig schlecht gestartet. Vor allem die Niederlage in Slowenien war sehr unnötig. Jetzt kommt das Spiel gegen Litauen, das für den Moment die Richtung anzeigt, in die es weitergeht.

Der Sieg ist Pflicht!

So ist es. Alles andere darf nicht sein.

Braucht die Schweiz den Druck? Wie an der WM, als im dritten Gruppenspiel gegen Honduras das Out drohte?

Nein, das glaube ich nicht. Wir haben viel Qualität. Ein Spiel wie jenes in Slowenien mit 19:1 Torschüssen endet normalerweise 3:0 oder 3:1 für uns. Das Team hat genug Erfahrung, um aus dieser Situation – die meiner Meinung nach gar nicht so schlecht ist – rauszukommen.