Ein Bild fürs Familienalbum wäre das gewesen: Nils und Silvan Wicki, beide mit der Goldmedaille, am selben Anlass mit landesweiter Ausstrahlung. Doch es existiert nicht, dieses Bild. Am ersten Tag der nationalen Hallentitelkämpfe fehlte beim 60-m-Sprint-Triumph von Silvan Nils, und am zweiten beim Dreisprungsieg von Nils blieb Silvan zu Hause. Begründet waren diese Absenzen durch die Konzentration auf die eigene Leistung.

Nils fokussierte sich auf seinen Höhepunkt am Folgetag, Silvan bereits auf jenen vom übernächsten Wochenende. So vereinte die Mutter die beiden Söhne zumindest ideell. Sie tat’s lautstark, nervös, stolz. Zwei Brüder, zwei Goldmedaillen, zwei Disziplinen. Doch so speziell die Affiche und bis anhin einmalig die Kombination, aus distanzierter Warte unterscheiden sich die beiden Erfolge qualitativ ziemlich: Die 6,65 Sekunden von Silvan Wicki im Sprint entsprechen internationalem Standard, die 15,72 m von Nils im Dreisprung dem Bestwert in einer Randdisziplin.

Nils Wicki krönt sich zum Dreisprung-Hallenmeister.

Nils Wicki krönt sich zum Dreisprung-Hallenmeister.

Mit dieser Konstellation umzugehen weiss Nils Wicki. Er, der mittlerweile 32-jährige Dreisprung-Hallenmeister sagt bezogen auf seinen acht Jahre jüngeren Bruder: «Es zeigte sich schon früh, dass Silvan über mehr Potenzial verfügt als ich.» Er sagt: «Von Natur aus verfügt Silvan über die grössere Sprungkraft als ich. Er ist anders geschaffen, und diese Fähigkeiten spielt er nun als Sprinter aus.»

Bereit für die Hallen-EM

Die beiden Top-Sprints im Halbfinal und im Final von St. Gallen haben Silvan Wicki weit nach oben in der Schweizer Sprinthierarchie gebracht. Position 5 belegt er in der Allzeit-Bestenliste hinter den Co-Rekordhaltern Cédric Grand (6,60/1999) und Pascal Mancini (6,60/2015). Silvan Wicki freut’s doppelt: «Meine Formkurve steigt an, aber den Zenit habe ich noch nicht erreicht.», Seine gereizte Kniekehle hat ihn seit seinem zuvor besten Hallenrennen Anfang Monat zurückgebunden. Aber, so hielt er auch fest, «dieser Winter hat sich gelohnt». Erstmals setzte er gezielt auf die Hallen-Rennen. Die EM in Glasgow konnte er früh rot anstreichen in der Agenda.

Silvan Wicki ist der Aufsteiger im Männersprint. Nahtlos fortgeführt hat der Student der angewandten Psychologie an der ZHAW in Zürich seinen «Lauf des Sommers». Damals gelang ihm vor allem über 100 m mit seinen 10,17 Sekunden ein Vorwärtssprung. Nach Gründen dafür muss er nicht suchen: Wicki blieb verletzungsfrei. Und wichtig dabei: sein Umfeld. Zu seiner Mutter stiess der deutsche Erfolgscoach Patrick Saile hinzu.

Auf diesen Winter hin hat sich die Idealkonstellation für ihn verändert. Saile wechselte als Chefcoach von Aarau zurück nach Deutschland. «Das erforderte von uns Anpassungen, aber diese funktionieren», sagt Wicki. Regelmässig, sprich alle zwei Wochen, fährt er an Sailes neue Wirkungsstätte in München. Daneben greift er auf das «alte und ehemalige» Umfeld zurück. In der Gruppe seiner Mutter Sabine trainiert er am Montag und am Samstag in Basel, am Mittwoch in Aarau.