Die Geschichte hatte sich eigentlich wie von selbst geschrieben. Da waren die beiden Williams-Schwestern Venus und die ein Jahr jüngere Serena, die von ihrem Vater Richard zu Tennisspielerinnen gedrillt wurden, um aus dem Ghetto in ein besseres Leben zu entfliehen.

Legendär ist jene Anekdote, wie Richard Williams einst vor dem Fernseher sass und sah, wie eine rumänische Spielerin 40'000 Dollar Preisgeld gewann. Danach entschloss er sich, alles über diesen Sport zu lernen, von dem er rein gar nichts wusste, ihn erst seiner Frau Oracene beizubringen, um dann gemeinsam ihre beiden Töchter zu Tennis-Champions zu formen.

Es ist eine jener Aschenputtel-Geschichten, wie sie sie in Amerika so gerne hören. Nur leider stimmt sie nicht. Richard Williams ist kein armer Mann gewesen, im Gegenteil. Ihm gehörte eine gut situierte Sicherheitsfirma, und er lebte mit der siebenköpfigen Familie ursprünglich in der kalifornischen Küstenstadt Long Beach.

Aber er sah tatsächlich im Fernsehen, wie viel Geld im Tennis zu verdienen ist, und entschied daraufhin eigenmächtig, mit seiner Frau und den fünf Töchtern nach Compton zu ziehen – in den verarmten Vorort von Los Angeles, in dem Bandenkriege und hohe Kriminalität herrschen.

Ausbildung zu Kämpferinnen

Richard Williams wollte seine Töchter abhärten, sie zu Kämpferinnen machen. Und so schlugen Venus und Serena von klein auf Tennisbälle, während im Hintergrund die Pistolen-Schüsse knallten. Es verwundert kaum, dass sich viele Amerikaner lange etwas schwer mit dieser Williams-Familie um den seltsam-kauzigen Patriarchen Richard taten. Was bei ihnen wirklich echt ist, lässt sich bis heute kaum sagen.

Doch alles kann er mit seinem strengen, 78-seitigen Trainingsmanifest wohl nicht falsch gemacht haben. Denn seine beiden Töchter dominieren seit mehr als einem Jahrzehnt das Frauentennis – besonders Serena Williams, die beim heute startenden US Open wieder Geschichte schreiben und den so seltenen Kalender-Grand-Slam perfekt machen kann – den Sieg bei den Grand-Slam-Turnieren in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York.

Nur wenige in der Grand-Slam-Liste

Alle vier Major-Titel in einem Jahr zu gewinnen, das schafften in der Open-Ära, seit 1988, bei den Männern nur der Australier Rod Laver 1969 und bei den Frauen die Australierin Margaret Smith Court 1970 sowie Steffi Graf im Jahr 1988. Die Deutsche ist es auch, die seit Beginn der Profi-Ära 1968 mit 22 Grand-Slam-Siegen die Bestenliste anführt.

Williams würde mit einem Triumph in Flushing Meadows mit Graf gleichziehen, zudem wäre sie die Einzige, die siebenmal das US Open gewinnen konnte. Ein echtes Kunststück, zumal das Frauentennis weit physischer und die Konkurrenz noch wesentlich härter geworden ist als zu Grafs Zeiten. «Für mich steht nicht viel auf dem Spiel», meinte Serena Williams dann fast beiläufig bei der einzigen Pressekonferenz, die sie vor dem Turnier gab, «ich denke nicht an den Grand Slam. Ich freue mich einfach, hier spielen zu können. Mehr will ich nicht.»

Doch niemand nahm ihr das Understatement ab. Sicher, die 34-Jährige muss niemandem mehr etwas beweisen. Und selbst, wenn sie den Titel verpassen sollte, wäre sie immer noch eine der besten Spielerinnen der Geschichte und die unumstritten beste ihrer Generation.

Aber Williams hatte nie gespielt, nur um zu spielen. Sie spielt, um zu gewinnen. Doch anders als noch in Wimbledon konnte sie die ständigen Fragen nach Grand Slam nun nicht einfach wegschieben und ignorieren. Und so legte sie sich wohl ein paar Sätze zurecht, um sich diese dann selbst wie als Mantra vorzusagen: Es geht um nichts, kein Druck, nur das Beste geben.

Wimbledon als Training

«Wimbledon war ein sehr gutes Training für mich», erklärte Williams weiter und meinte damit ihren Umgang mit den hohen Erwartungen. Mit ihrem Sieg auf dem heiligen Rasen hatte sie zum zweiten Mal nach 2002/03 den «Serena Slam» geschafft und alle vier Major-Titel in Folge gewonnen, nur nicht in einem Jahr. «Das hat mich sehr gut darauf vorbereitet, wenn es jetzt um den Kalender-Grand-Slam für mich geht», fügte sie betont gelassen hinzu.

Den Hype will Serena Williams gar nicht an sich heranlassen. Sogar das Cover des Programmhefts der US Open ziert sie - seit 1986 war darauf kein individueller Tennisprofi mehr abgebildet. New York bebte in den letzten Tagen und die Sponsoren überboten sich mit spektakulären Einfällen, um die Tennisstars mit ihren Produkten zu präsentieren.

Covergirl Serena

Serena Williams war mittendrin, und auf kaum einer Titelseite fehlte sie. Das «New York Magazine» lichtete sich im Spagat auf einem Barren ab, samt imposantem Sixpack. Es war eine Kampfansage ohne Worte, die kaum eindringlicher sein konnte. Williams ist stärker, beweglicher und fitter denn je und wichtiger noch: gereifter.

Mittlerweile nutzt sie nicht nur rohe Kraft, sondern taktiert klug, spielt clevere Winkel, um die Gegnerin zu bewegen. Sie antizipiert die Returns schneller als andere und erzeugt sofort Druck. Ihr eigener Aufschlag ist nicht nur einer der härtesten der Tour, sondern der mit Abstand konstanteste. Und da ihr Ballwurf und ihre Ausholbewegung bei jeder Variante ihres Aufschlags gleich aussieht, ist er für ihre Gegnerinnen schier unlesbar.

Der Reifeprozess

All die Verbesserungen in ihrem Spiel sind Teil eines Reifeprozesses, den Patrick Mouratoglou 2012 mit ihr einleitete, als Williams nach dem Erstrundenaus in Paris am Boden war. Seither gewann sie mit dem Franzosen an ihrer Seite in drei Jahren acht Grand-Slam-Trophäen und 28 ihrer insgesamt 69 Titel. Vater Richard tritt dagegen kaum mehr in Erscheinung, umso mehr stieg die Popularität seiner Tochter.

Und vielleicht ist die Serena Williams von heute sogar noch besser als jene mit Anfang 20, das weiss sie selbst nicht. «Ich wüsste nicht, wer von beiden das Match gewinnen würde», sinnierte sie, «aber ich würde es liebend gerne sehen – es ginge sicher über drei Sätze.» So oder so kann sie sich in New York wohl nur selbst schlagen.