Die Rechnung ist einfach: Vier Punkte aus den Spielen gegen San Marino und Estland, dann reist die Schweiz an die EM nach Frankreich. Wobei vier Punkte kein Anlass zur Freude wären, sondern eher zur Sorge. Nur zwei überzeugende Siege sind gut genug.

In dieser Woche der Vorbereitung war ein Scheitern kaum je ernsthaft ein Thema. Das ist gut so. Weil ein Scheitern in dieser Qualifikationsgruppe nicht akzeptabel ist. Geschähe es trotzdem, würde das den Schweizer Fussball in seinen Grundfesten erschüttern. Der
Weg mit Trainer Vladimir Petkovic wäre abrupt zu Ende.

Zählt immer nur der Sieg?

Genügend Selbstvertrauen, nein, daran mangelt es diesem aktuellen Schweizer Team bestimmt nicht. Das ist gut. Denn der Glaube an sich selbst ist die Voraussetzung dafür, näher an die Weltspitze zu kommen. Nur sollte das Selbstvertrauen etwas anderes nicht ausschliessen: Selbstkritik. Genau daran aber mangelt es dieser Auswahl zuweilen.

Niederlagen gegen England und Slowenien? Alles halb so schlimm, der Auftritt war ja gut! Spektakuläre Wenden gegen Litauen (0:1 zum 2:1) und Slowenien (0:2 zum 3:2) mit teilweise fürchterlichen Phasen drin? Kein Problem, am Ende zählt der Sieg! Das kann man natürlich so sehen. Aber es besteht die Gefahr, dass man die Augen vor der Realität verschliesst. Als Beispiel könnte manch einem Nationalspieler Kevin Kampl dienen. Als die Slowenen im letzten Herbst in Maribor die Schweiz 1:0 besiegten, sagt er danach: «Das war richtig schlecht von uns. Wir spielen ja gar keinen Fussball.»

Es ist offensichtlich, die Schweiz befindet sich gerade in einer ziemlich wegweisenden Phase. Es geht derzeit um mehr als nur um die Ergebnisse gegen San Marino oder Estland. Es geht darum, zu beweisen, dass die sanfte spielerische Evolution gelingt.

Und es geht darum, zu beweisen, dass der eigens formulierte Anspruch, den Abstand zu den führenden Nationen Europas zu verringern, erfüllt werden kann. Das Problem ist: Antworten auf diese Fragen kann es erst bei der EM geben. In dieser Qualifikationsgruppe gibt es ausser England keine echten Gradmesser für die Schweiz.

Die Frage nach dem Fortschritt

Gerade in diesen Spielen gegen England war die Schweiz erstaunlich chancenlos. Vielleicht waren die Erwartungen übertrieben hoch. Denn die Schweiz hat zwar Brasilien und Deutschland in Testspielen geschlagen und mit allem Glück der Welt an der WM 2010 Spanien 1:0 besiegt (um dann in der Vorrunde doch kläglich zu scheitern …).

Aber die Schweiz hat in einem Qualifikationsspiel für die EM oder WM seit 1993 (1:0 gegen Italien) nie mehr einen Gegner von vergleichbarem Renommee besiegt. Trotzdem haben die Spiele gegen England eine gewisse Ernüchterung ausgelöst. Weil das Gefühl entstand, es sei eine gar mutlose Schweiz am Werk. Eine Schweiz eben, die auf dem Platz nicht hält, was sie verbal immer wieder ankündigt.

Trotz Ästhetik nicht mehr ganz auf der Spur

Dieses Team ist also quasi unterwegs auf Bewährung. Und man fragt sich, ob die goldene Generation etwas von ihrem Weg abgekommen ist. Ob der Fortschritt eben doch stärker ins Stocken geraten ist, als man dies für möglich gehalten hätte. Auf der Suche nach Antworten lassen sich durchaus positive Ansätze finden. Wenn Trainer Petkovic die Ästhetik im Schweizer Spiel erwähnt, die sich jüngst gebessert hat, dann tut er das mit Recht.

Es hat Zeiten gegeben, da waren Spiele gegen Mannschaften, die sich dem Fussball verweigerten und sich nur vor dem eigenen Tor verbarrikadierten, eine Qual. Das ist mittlerweile kaum mehr je der Fall. Und es hat bestimmt Zeiten gegeben, da hätte eine Schweizer Auswahl Spiele wie gegen Litauen oder Slowenien, in denen sie 0:1 oder gar 0:2 zurücklag, nicht mehr gewonnen. Gleichwohl gibt es einige Alarmzeichen, die Petkovic besser nicht missachtet.

Die fatale Abhängigkeit von Xherdan Shaqiri

Von niemandem ist die Schweiz mehr abhängig als von Xherdan Shaqiri. Am Samstag wird Shaqiri 24 Jahre alt. Er kommt ins beste Fussballalter. Aber er befindet sich in der schwierigsten Phase seiner Karriere. Seit seinem Wechsel vom FC Basel zu Bayern München hat ein schleichender Abstieg begonnen. Der einstige Hoffnungsträger ist zum Rätsel geworden.

Ein Rätsel überdies, das an Bewunderung bei den Fans verloren hat. Nach dem missglückten Intermezzo bei Inter Mailand ist er nun auf dem Nebengleis bei Stoke City gelandet. Kaum ein Schweizer Nationalspieler spielt bei einem Verein mit weniger Glamour. Das könnte je länger, desto fataler werden für die Schweiz. Es gilt das Prinzip Hoffnung, dass Shaqiri wider Erwarten seine Karriere doch neu lancieren kann.

Ein Fünkchen Hoffnung im kränkelnden Kader

Überhaupt gibt es derzeit wohl keinen Schweizer Mannschaftsteil, der frei von Problemen ist. Torhüter Sommer hat die Nase gebrochen, wobei dies noch der geringste Anlass zur Sorge ist, Bürki wird ihn gut vertreten. In der Abwehr haben mit Klose und Schär jene beiden Innenverteidiger im Klub ihren Stammplatz verloren, auf die Petkovic zuletzt setzte.

Djourou ist zwar zurück, kann aber den Ruf des Hasardeurs nie gänzlich abschütteln. Der bei Hertha BSC Berlin gesetzte Lustenberger hat im Nationalteam derweil noch nie eine echte Chance erhalten. Im Mittelfeld bahnt sich der Machtkampf zwischen Captain Inler und Xhaka an. Weil Behrami nun ausfällt, dürfte das Thema etwas vertagt werden. Das kommt Petkovic entgegen.

Es bleibt zu hoffen, dass er die Chef-Frage irgendwie bis nach der EM vertagen kann – vielleicht kann diese Ausgangslage aber in den entscheidenden Momenten in Frankreich auch zum Problem werden. Im Sturm schliesslich sind derzeit immer jene besser, die den Match auf der Ersatzbank beginnen. Es ist zwar gut, auf der Bank starke Kräfte zu haben, auf Dauer aber ist die Schweiz wieder angewiesen auf einen regelmässigen Torschützen, wie es Alex Frei war.

Aber vielleicht wird aus Hoffnung ja bald Erlösung. Breel Embolo, dieses Basler Wunderkind, dem gerade so viele Herzen des Publikums zufliegen, steht vor seinem Debüt in der Startelf. Es gibt wohl keinen besseren Zeitpunkt dafür als ein Spiel gegen San Marino. Ein Tor oder zwei könnten seine Nati-Karriere endgültig so richtig lancieren. Und die Schweiz vor der EM in Frankreich zum Träumen verleiten.