Karl Erb ist von der Herkunft her ein Berner Oberländer. Sein Vater Fritz Erb (12.4.1894 bis 9.11.1970) bringt es vom Verdingbub zum Kommandanten des Berner Oberländer Gebirgs-Infanterie-Regimentes und zum Chefredaktor der Fachzeitung «Sport», die er von 1928 bis 1963 leitet und zum einflussreichsten Sportmedium seiner Zeit macht.

Karl, einer seiner drei Buben, beginnt 1946 eine eigene Medien-Karriere als freier Journalist für verschiedene Tageszeitungen. Er berichtet nicht nur von «grossen Kisten» wie den Olympischen Spielen. Er gestaltet den Sport bald mit, wird Pressechef bei grossen Anlässen und als Platz-Speaker amtiert er unter anderem bei der Fussball-WM 1954.

1961 entdeckt das aufstrebende Medium Fernsehen den vielseitigen jungen Mann. Karl Erb wird der erste helvetische Sport-Medienstar. In einer Zeit, als die Berichterstattung aus staubtrockenen Fakten besteht, bringt er Emotionen in seine Übertragungen. Im Vergleich zu heute ist er sachlich. Aber das TV-Publikum ist überwältigt, als er bei Siegesfahrten von Bernhard Russi den Tränen nahe ist.

Eine goldene Ära

Aber er ist nicht einfach ein Animator. Er bereichert seine Übertragungen dank enormem Fachwissen mit Hintergrundinformationen, die ein Publikum staunen lassen, das in diesen Zeiten noch nicht viel mehr als die Jahrgänge seiner Stars kennt. Und Karl Erb kann auch ein scharfer Kritiker sein. Er ist den Stars nahe und versteht es doch, im Denken, im Urteil sachlich und unabhängig zu bleiben.

Karl Erb ist die Stimme, ja die Personifizierung einer goldenen Zeit. Populär wie Bernhard Russi oder Roland Collombin. Es sind auch die goldenen Tage von Sapporo mit vier Schweizer Olympiasiegen und zehn Medaillen. Nie vorher und nie mehr seither steht unser Land so sehr im Banne von Sporterfolgen wie im Februar 1972. Wer die von Karl Erb kommentierten Live-Übertragungen der goldenen olympischen Fahrten von Bernhard Russi und Marie-Theres Nadig in den Morgenstunden (wegen der Zeitverschiebung mit Japan) erlebt hat, vergisst sie ein ganzes Leben lang nicht mehr.

Wäre der «Mythos Bernhard Russi» ohne Karl Erbs TV-Übertragungen möglich geworden? Sie sind auf jeden Fall ein zentraler Bestandteil der ewigen Popularität des Weltmeisters von 1970 und Olympiasiegers von 1972. Karl Erb ist der wohl wichtigste Architekt des «Mythos Bernhard Russi». Er ist nicht nur als TV-Kommentator (Ski, Formel 1, Leichtathletik, Reitsport) der Zeit voraus. Viel früher als seine Zeitgenossen erkennt er die heraufziehende Kommerzialisierung des Sportes und die Werbewirkung der Sportstars. Das Schweizer Fernsehen versucht, seinen populärsten Sport-Kommentator ab 1980 mit einer Festanstellung zu halten. Aber Karl Erbs Persönlichkeit ist grösser als eine schöne Anstellung beim staatstragenden Medium.

Er war seiner Zeit stets voraus

Er macht sich als Mitbegründer der ersten Sportvermarktungs-Firma der Schweiz (ProSport) selbstständig. Sie scheitert. Nicht am Konzept und nicht an der Kompetenz der Firmengründer. Die Zeit ist einfach noch nicht reif. Bereits zehn Jahre später hätte Karl Erb mit dieser Firma ein Vermögen gemacht. Er scheitert in diesem Business als Pionier, der seiner Zeit zu weit voraus ist.

Nach dem Rückzug vom TV-Schirm und aus dem Sport-Business kehrt Karl Erb an die Ursprünge seiner Karriere zurück. Er schreibt. Schon während seiner Zeit als TV-Kommentator hat er Biografien (unter anderem über Bernhard Russi) verfasst. Die von ihm orchestrierten Internationalen Sport-Jahrbücher gelten heute als Standardwerke der Sportgeschichtsschreibung.

Nach dem Scheitern seiner zweiten Ehe zieht Karl Erb 1993 ins Tessin nach Locarno. Dort ist er am vergangenen Mittwoch im Beisein seiner engsten Angehörigen im 93. Lebensjahr verstorben.